Abzug der US-Kampftruppen Der irakische Nachlass

Amerika führte den Krieg im Irak, weil es ihn führen konnte. Doch wie man es auch dreht und wendet: Die Invasion war falsch, ungerecht und schädlich.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Amerika führte den Krieg im Irak, weil es ihn führen konnte. Auf diese so triviale wie präzise Formel hat der Journalist Thomas Friedman das Bündel von Motiven reduziert, das am Morgen des 20. März 2003 zum ersten Luftschlag auf eine Art Kolchose nahe Bagdad führte. Nun haben die USA den 19. August 2010 zum Abzugstag erklärt.

Begleitet von vielen Kameras verließ am Donnerstagmorgen um 1 Uhr 30 die letzte Kampfbrigade den Irak über die Grenze nach Kuwait. Dazwischen liegen sieben albtraumhafte Jahre für den Irak, aber auch für Amerika, in denen hunderttausendfaches Leid, Hybris und Niedergang, Lüge und Verblendung die Welt erregten.

Der Irak-Krieg war ein epochales Ereignis, weil er für eine Phase der Weltgeschichte steht, die sich so schnell nicht wiederholen wird. Er steht für eine Zeit amerikanischen Allmachtsanspruchs, der Unipolarität und der Überhebung. Mit dem Krieg endete gleichzeitig die Ära des Triumphs, die den Westen und vor allem Amerika nach dem Ende des Kalten Krieges zum leuchtenden Vorbild erhoben hatte. Und: Irak steht auch für das Ende einer Bündnispolitik, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Welt geprägt hatte.

Die USA konnten diesen Krieg führen, weil das Land nach dem Überfall vom 11.September 2001 die innere Bereitschaft, ja die Erwartung für einen großen Waffengang aufbrachte. Amerika musste und wollte der Welt nach dem Terrorangriff Stärke demonstrieren. Die Regierung Bush glaubte, die Autorität des Landes als globale Ordnungsmacht in einem Krieg wiederherstellen zu können.

Die USA konnten den Krieg aber auch deshalb führen, weil der Irak schwach und damit leicht zu besiegen war. Saddams Diktatur war isoliert, mehrfach sanktioniert und von der Weltgemeinschaft angeprangert worden. Der Irak war (und ist) ein strategisch wichtiger Platz in der arabischen und persischen Welt - ihn zu beherrschen erschien als ein nicht zu unterschätzender Vorteil im Kampf gegen den wahabitischen Terror mit seinen Wurzeln in Saudi-Arabien wie auch gegen den fanatischen Islam in der Ausprägung des iranischen Gottesstaates.

War es am Ende also richtig, den Krieg geführt zu haben? Heiligt das Ergebnis die Mittel? Gerade in den USA, wo die Erregung nach dem 11. September bald nachließ und Selbstkritik, gepaart mit isolationistischen Anwandlungen, zu einer neuen Nüchternheit geführt haben, wird die Schaden-Nutzen-Bilanz nun im Detail durchgerechnet. Wie auch immer man aber die Dinge wendet, wie sehr man Fragen der Moral und vor allem der Legalität ausblendet, das Ergebnis wird nicht besser: Die Invasion des Irak war falsch, ungerecht und schädlich.

Ein gewaltbereites Regime löst das nächste ab

Das Urteil fällt selbst dann eindeutig aus, wenn das undifferenzierte Weltbild der Bush-Jahre nicht mehr als Maßstab hergenommen wird. Denn der Irak ist nicht nur schwarz oder weiß, die Welt besteht nicht nur aus Demokraten oder Diktatoren. Es bleibt nicht die Wahl zwischen der Achse des Bösen und dem Guten. Gut war sicherlich, dass Saddam Hussein mit seiner Diktatur der Bath-Partei der militärischen Übermacht weichen musste. Gut ist auch, dass der Irak nach schlimmen Jahren sektiererischer Gewalt derzeit eine Phase relativen Friedens durchläuft.

Und doch: Die Zustände im Land verbieten jede Pauschalisierung. Auch heute wird kein Iraker den abziehenden Truppen Blumen hinterhertragen. Für die Menschen wurde ein undurchschaubares, gewaltbereites Regime von einem anderen abgelöst. Die Verheißungen von Freiheit und Demokratie sind wohlfeil, solange man davon keinen Generator betreiben und sich kein Essen kaufen kann.

Diese praktische Ernüchterung paart sich zudem mit drei strategischen Niederlagen, die Amerika in seine Schadensbilanz aufnehmen muss: eine rechtliche, eine ordnungspolitische und eine moralische. Weil die Invasion des Irak gegen das Völkerrecht verstieß, reduzierte sie die Bedeutung des Rechts für den Umgang der Staaten miteinander und verringerte die Legitimation der UN, die für dessen Durchsetzbarkeit stehen. Wenn sich das mächtigste Mitglied der Völkerfamilie lossagt von den Hausregeln, dann schwächt es den Verbund.

Wer kann einer Region Frieden bringen, der schon in einem Land scheitert?

Aber die USA haben nicht nur Grundsätze des Völkerrechts preisgegeben, sie haben sich auch da selbst geschwächt, wo sie klassisch stark sind: als hard power, als militärische Ordnungsmacht. Amerika hat sich in den schlimmen Jahren des irakischen Bürgerkriegs hilflos gezeigt, hat sich als unfähig erwiesen im Umgang mit einer komplexen Aufstandsbewegung.

Wer aber könnte einer ganzen Region den Frieden bringen, der schon in einem relativ klar strukturierten Land scheitert? Amerika spielt noch immer eine wichtige Rolle als Ordnungsmacht in Nahost, aber die Widerspenstigkeit Irans und die Polarisierung der sunnitischen und schiitischen Welt verdanken die USA auch dem Irak-Krieg.

Am schwersten aber wiegt die moralische Niederlage, die Amerika aus dem Irak über die Grenze nach Kuwait nach Hause trägt. Auch wenn Obamas Außenpolitik am Ende ein Reparaturplan für die Schäden seines Vorgängers ist: Nichts wird so sein, wie es einmal war. Amerikas Führungsanspruch ist zerbrochen, die Glaubwürdigkeit ist schwer beschädigt. Die Welt ist unübersichtlicher und unsicherer geworden. Das ist der bleibende Nachlass dieses Krieges.

US-Kampftruppen ziehen ab

"We are going home"