Abtreibungspillen:Tablette als Ausweg

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Abtreibungspillen: Frauen feiern das Ende des Rechts auf Abtreibung bei einer Demonstration vor dem Supreme Court in Washington.

Frauen feiern das Ende des Rechts auf Abtreibung bei einer Demonstration vor dem Supreme Court in Washington.

(Foto: Jacquelyn Martin/AP)

Mehr als die Hälfte der Abtreibungen in den USA werden mit Hilfe von Medikamenten vollzogen. Diese sind mit den neuen konservativen Gesetzen kaum zu stoppen.

Von Fabian Fellmann, Washington

Frauen in den USA haben vergangene Woche ein wichtiges Recht verloren, jenes auf Abtreibungen, und in mehr als der Hälfte der Bundesstaaten dürften diese bald verboten werden. Wenigstens ein Weg scheint fürs Erste aber weiterhin offenzustehen: die Abtreibung mit Medikamenten. 600 000 Abtreibungen finden gemäß Behörden jährlich statt, mehr als 900 000 sind es laut dem privaten Guttmacher Institute. Bei mehr als der Hälfte davon greifen die Schwangeren laut dem Institut nicht auf einen operativen Eingriff, sondern auf Medikamente zurück.

Und es könnten noch viel mehr sein, sagt die deutsche Politologiestudentin Lara Islinger, die den Sommer über in New York für die Organisation "Shout Your Abortion" arbeitet. In manchen europäischen Ländern fänden mehr als 90 Prozent der Abtreibungen medikamentös statt. In den USA kämen wegen des maroden Gesundheitssystems noch oft unnötigerweise operative Methoden zum Einsatz; nur jede vierte Frau wisse überhaupt von Abtreibungspillen.

"Shout Your Abortion" will den Amerikanerinnen darum zeigen, dass sich die Tabletten ganz einfach vom Smartphone aus nach Hause bestellen lassen, und ruft dazu auf, sich über die Abtreibungsverbote in mehreren Staaten einfach hinwegzusetzen. "Die Pillen werden verhindern, dass Amerika nach dem Ende des Rechts auf Abtreibung in die 1960er- und 1970er-Jahre zurückfällt, als Menschen reihenweise wegen unsicheren illegalen Abtreibungen starben", sagt Islinger.

Die Produkte Mifepriston und Misoprostol sind zwar nur nach einer Arztkonsultation erhältlich, aber diese ist seit der Covid-Pandemie auch per Telefon möglich, die Tabletten erhalten die Frauen per Post. Die Arzneimittelbehörde FDA hat die Pandemie-Ausnahme kürzlich verlängert in Erwartung dessen, dass das Oberste Gericht das Recht auf Abtreibung abschafft.

Abtreibungstablette auf Vorrat bestellen

Selbst Menschen aus Staaten, in denen Schwangerschaftsabbrüche verboten sind, können sich die Tabletten per Post zustellen lassen. Die Bundesstaaten hätten gar nicht das Recht, Abtreibungspillen zu verbieten, betonte Justizminister Merrick Garland: Zuständig für die Zulassung von Arzneimitteln sei allein die Bundesbehörde FDA. Auch Präsident Joe Biden betonte, er werde den Zugang zu den Medikamenten so gut absichern, wie es in seiner Macht stehe.

Ohnehin wird es den Behörden der konservativen Bundesstaaten schwerfallen, Postlieferungen zu verhindern. "Shout Your Abortion" etwa ruft dazu auf, die zwei Jahre haltbaren Tabletten präventiv zu bestellen - für sich selbst oder für andere; der Tausch von Pillen wird dann über informelle Netzwerke organisiert. Einige Republikaner fordern darum bereits, den Versand der einschlägigen Medikamente mit denselben Mitteln wie den Drogenhandel zu bekämpfen.

Allerdings verhindern auch die Tabletten nicht, dass der Zugang zu sicheren Abtreibungen in den Verbotsstaaten sehr schwierig wird. Zudem sind sie in den USA nur für einen Abbruch in den ersten zehn Schwangerschaftswochen zugelassen; in den meisten Staaten hingegen sind Abtreibungen bis etwa zur 24. Woche zulässig. Hinzu kommen rechtliche Risiken, sowohl für die Empfängerin als auch die Versenderin der Pillen.

Einige von Demokraten dominierte Staaten versuchen nun, zum sicheren Hafen für Abtreibungsanbieter zu werden. Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom etwa unterzeichnete ein Gesetz, das Ermittlungen anderer Staaten in Abtreibungsfällen verhindern soll; Beamten in mehreren Staaten wurde untersagt, in einem solchen Fall Informationen zu liefern oder in irgendeiner Weise zu helfen. Staatsrechtler warnen bereits, es sei bedenklich, wenn Bundesstaaten einander so offen die rechtliche Zusammenarbeit verweigerten - seit dem Sezessionskrieg (1861-1865) gab es das nie mehr in diesem Ausmaß.

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