Abschuss von türkischem Kampfflugzeug:In Zeiten der Zerrüttung

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Seit Präsident Assad den Volksaufstand in Syrien brutal niederschlagen lässt, unterstützt die Türkei dessen Gegner. Doch Ankara scheut eine Auseinandersetzung mit Damaskus ohne Nato-Unterstützung - und Syrien den Bündnisfall.

Sonja Zekri, Kairo

Dass der Vorfall das Zeug zur ganz großen Eskalation des Syrien-Konfliktes hat, merkt man vor allem an der Vorsicht auf allen Seiten - zumindest zu Beginn. Selbst Iran, Syriens Verbündeter und sonst eher krawallfreudig, rief die beteiligten Staaten zu "Takt und Toleranz" auf, "um Ruhe und Stabilität" in der Region zu bewahren. Noch zwei Tage nach dem Abschuss eines türkischen Kampfflugzeugs durch die syrische Luftabwehr klangen die Stimmen aus Ankara und Damaskus zunächst eher zerknirscht als angriffslustig. Die türkische Maschine vom Typ F-4 habe am Freitag zwar auf ihrem Flug vor dem syrischen Latakia kurzzeitig den syrischen Luftraum verletzt, so Außenminister Ahmet Davutoglu in Ankara. Das Ganze, so fuhr er fort, sei aber ein unbewaffneter "Übungsflug" gewesen, um türkische Radaranlagen zu testen.

In den ersten wirren Stunden nach dem Verschwinden des Fliegers hatte es sogar noch geheißen, Syrien habe sich entschuldigt für den Abschuss. Davon war später keine Rede mehr. Syrien bestand darauf, dass es - wie übereilt auch immer - das Flugzeug im eigenen Hoheitsgebiet abgeschossen hatte. Es sei, so Damaskus, "kein Angriff" auf die Türkei gewesen. Nach dieser Lesart war es ein Akt der Selbstverteidigung.

Syrien fürchtet den Ausruf des Nato-Bündnisfalles

Der anfängliche Reflex zur Zurückhaltung ist nur allzu begreiflich. Die Türkei ist Nato-Mitglied, sie unterhält eine der größten Armeen des Bündnisses. Ein aggressiver Akt Syriens gegen die Türkei könnte eben jenen Vorwand liefern, um dem Syrienkonflikt die Grenzen in die gesamte Region zu öffnen: durch eine militärische Reaktion der Türkei oder die - bisher eher noch unwahrscheinliche - Ausrufung des Nato-Bündnisfalles.

Längst steigt die Nervosität. Schon erhöht der Westen den diplomatischen Druck auf Damaskus. Der britische Außenminister William Hague nannte Syriens Verhalten "unerhört", Damaskus müsse zur Verantwortung gezogen werden. Großbritannien sei bereit zu entschiedenen Taten im UN-Sicherheitsrat. Dort blockieren Russland und China seit Monaten jedes entschiedene Vorgehen gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad.

Selbst ohne diese internationale Dimension ist der regionale Schaden gewaltig, ja, die Beziehungen der Türkei zu Syrien sind ähnlich schlecht wie Ende der neunziger Jahre. Damals ließ Ankara Truppen an der Grenze aufmarschieren und zwang Syrien, die Unterstützung für die kurdische Arbeiterpartei PKK aufzugeben. In den Jahren danach aber galten die Beziehungen zu Syrien geradezu als Erfolgsgeschichte türkischer Außenpolitik, mit Visa-Freiheit, florierendem Grenzverkehr, wachsenden Investitionen.

Heute ist nichts davon übrig. Die Türkei ist für die politische Opposition gegen Assad der wichtigste Verbündete der Region und für die bewaffneten Regimegegner Rückzugs- und Operationsraum. Anfangs bemüht, Assad im Guten zu substanziellen Reformen zu bewegen, scheiterte auch die Türkei an der Unnachgiebigkeit des Regimes in Damaskus, das selbst den anfänglich völlig friedlichen Aufstand als Angriff von Terrorgruppen diffamierte. Auch Assads jüngste, am Wochenende verkündete Kabinettsumbildung gilt eher als politisches Puppenspiel, mit einem Mitglied der regierenden Baath-Partei als Regierungschef, ohne neue Gesichter an der Spitze von Außen-, Innen- und Verteidigungsministerien.

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