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Abschied von Johannes Paul II.:Das Amen und ein später Glockenschlag

Der Papst starb, wie er gelebt hatte - inmitten der Massen und doch ganz für sich. Abschiedsszenen am Krankenbett im Vatikan und die Ergriffenheit der Pilger: Wie in Rom die Menschen das Ende des Heiligen Vaters erleben.

Wie ein melodisches Rauschen umhüllten viele tausend Stimmen den Petersplatz, während sich im Zimmer des Papstes die Stille einnistete.

Melodisches Rauschen: Gläubige wie Schaulustige auf dem Petersplatz.

(Foto: Foto: ddp)

Hinter abgedunkelten Fenstern im dritten Stock des Apostolischen Palasts lag Johannes Paul II. in seinem Bett, ihn umgaben die polnischen Getreuen. Kardinal Marian Jaworsky war dabei, Erzbischof Stanislaw Rylko, Wojtylas enger Freund, Bruder Tadeusz Styczen, und natürlich der Sekretär Stanislaw Dziwisz und dessen Vertreter Mieczyslaw Mokrzyczki.

Gemeinsam mit den vier polnischen Schwestern des päpstlichen Haushalts hatten sie in Anwesenheit der behandelnden Ärzte noch eine letzte Messe für Karol Wojtyla gefeiert, derweil unten auf der Piazza ein Meer von Kerzen brannte und an die 100.000 Menschen das Ave Maria murmelten.

Plötzlich schien es einigen Anwesenden im Schlafgemach, als habe der Papst sich noch einmal bewegt in seinem Bett - im nächsten Moment, die Uhr zeigte 21.37 Uhr, war Karol Wojtyla am Samstagabend verschieden. Wenig später wurden in dem Zimmer die inneren Fensterläden geöffnet, weshalb man unten auf der Piazza den Eindruck haben konnte, als habe droben jemand ein grelles Neonlicht angeknipst. Es war ein erstes inoffizielles Zeichen für den Tod - doch das nahm zunächst kaum jemand wahr.

"Ins Haus des Vaters zurückgekehrt"

Erst als Minuten später die SMS-Meldungen kursierten, Handys klingelten und Taschenradios übers Pflaster quäkten, wurde die Nachricht auf dem Petersplatz offenbar.

Da war auch schon Monsignor Leonardo Sandri ans Mikrofon getreten, der bislang im Vatikan als eine Art Innenminister fungierte: Der Papst sei "ins Haus des Vaters zurückgekehrt", verkündete der Geistliche den Wartenden auf der Piazza und damit auch den Fernsehzuschauern in aller Welt.

Und so starb der Papst, wie er gelebt hatte - inmitten der Massen und doch ganz für sich.

Das Gesicht entspannt

Schon am Sonntagmittag konnten Millionen Fernsehzuschauer den Leichnam seiner Heiligkeit gleichsam hautnah in Augenschein nehmen. Wojtylas sterbliche Überreste waren in der prachtvollen Sala Clementina aufgebahrt, wo enge Mitarbeiter, Kardinäle und die Angehörigen des Diplomatischen Korps Abschied von ihm nahmen - und die Kameras waren zumindest vorübergehend mit dabei.

Ruhig lag der Körper da, das Gesicht wirkte entspannt. Kopf und Schultern waren eigens ein wenig erhöht gelagert, so dass man den Leichnam gut betrachten konnte. Noch in der Nacht hatten ihn die polnischen Schwestern in einen roten Talar gehüllt - rot, die Farbe des Martyriums. Als Zeichen des Priestertums wurde Wojtyla überdies die weiße Stola mit den schwarzen Kreuzen umgetan, auf den Kopf hatten die Schwestern seine Mitra gesetzt.

Eine Bekleidung ganz nach alter Vorschrift. Was jedoch die Überbringung der Todesnachricht an die Gläubigen betraf, so wirbelte die Mediengesellschaft einige der hergebrachten Riten kräftig durcheinander.

Da war die Nachricht plötzlich schon verkündet, noch bevor ihr Inhalt nach dem gültigen vatikanischen Reglement überhaupt festgestellt worden war. Und so kam es, dass in der ganzen Welt bereits die Kirchenglocken für den toten Pontifex läuteten, nur im Petersdom noch nicht. Eine skurrile Ungleichzeitigkeit, die sich aus dem komplizierten Vorschriftenwerk zur Todesfeststellung erklärt.

Das Ritual geht auf uralte Traditionen zurück, doch wie vieles andere, so hatte es Johannes Paul II. mit seiner 1996 herausgegebenen Anordnung "Universi Dominici Gregis" gründlich modernisiert. So musste der "Camerlengo", der so genannte Kardinalskämmerer, den Tod des Papstes in früheren Zeiten mittels eines Hämmerchens aus Silber und Elfenbein feststellen.

Dreimal wurde mit diesem Gerät dem Heiligen Vater gegen die Stirn geklopft, wenn er dann nicht reagierte, galt er als tot.

Als der Camerlengo vernehmlich zweimal "Karol" rief

Als Eduardo Martinez Somalo, der amtierende Camerlengo, am Samstagabend in das päpstliche Schlafzimmer kam, hatte er kein Hämmerchen dabei. Stattdessen trat der 78-jährige Spanier, der ein langjähriger und guter Freund von Wojtyla war, ganz zivil ans Totenbett und rief zweimal vernehmlich: "Karol".

Als der Papst nicht reagierte, wurde der Leibarzt beauftragt, den Tod festzustellen. Erst dann konnte sich Martinez Somalo daran machen, gemeinsam mit Erzbischof Piero Marini, dem päpstlichen Zeremonienmeister, und Enrico Serafini, dem Kanzler der Päpstlichen Kammer, die weiteren vorgeschriebenen Formalitäten zu erledigen, zu denen auch das Brechen des päpstlichen Siegels gehört.

Um 22.38 Uhr war dann alles soweit. Längst hatte die Mediengesellschaft weltweit die Nachricht vom Tod des Papstes wahrgenommen, da begann endlich die uralte, riesige Glocke im Petersdom zu läuten. Langsam und gemächlich wurde sie in Bewegung gesetzt, anfangs schien der Ton zu schwanken, die Schläge kamen aus dem Rhythmus - kein Wunder: Das letzte Mal war die Glocke vor beinahe 27 Jahren beim Tod von Wojtylas Vorgänger Johannes Paul I. in Gang gesetzt worden.

Dumpf schwang jeder einzelne Glockenschlag in düsteren Wellenbewegungen nach, und fast sah es so aus, als zuckten viele Menschen jedes Mal zusammen, wenn der Ton erklang - nun schien es jedermann hautnah zu spüren: Karol Wojtyla war tot.

Ein Papst, der ein Mann des Volkes war, ein Menschenfischer im Sinn des Wortes. Das hatte sich nicht zuletzt in den letzten Augenblicken seines verlöschenden Lebens gezeigt: Aus allen Richtungen waren die Menschen am Wochenende zum Vatikan geströmt, die Römer kamen zu Fuß oder mit dem Bus, Besucher aus der Ferne reisten im Zug oder Flugzeug an.

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