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Abschied von Helmut Kohl:"Unwürdig für meinen Vater"

An der Beisetzung des Altkanzlers in Speyer will Kohl-Sohn Walter nicht teilnehmen. Er wünscht sich einen Staatsakt am Brandenburger Tor mit einem ökumenischen Requiem und Großem Zapfenstreich.

Der Kanzler der deutschen Einheit hat noch immer viele Anhänger. Knapp zwei Jahrzehnte nach seiner Abwahl beurteilen 81 Prozent der Deutschen die politischen Leistungen von Helmut Kohl als gut, das ergab die jüngste Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen, eine Woche nach dem Tod des 87-Jährigen. Allerdings sind im Lauf der vergangenen Tage die politischen Würdigungen stark überlagert worden von Geschichten aus Kohls privatem Umfeld. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki umschrieb das am Freitag im Domradio mit Ausführungen über die "tragische familiäre Seite im Leben von Helmut Kohl".

"Ist es nicht verrückt, dass die Familie des großen Einheitskanzlers am Ende zerstritten und zerrüttet war? Dass selbst der große Staatsmann, dem die politische Einheit so am Herzen lag, den familiären Frieden in den eigenen vier Wänden nur selten fand", fragte Woelki. Der ältere Sohn, Walter Kohl - der unter der Woche vergeblich um Einlass in das Haus seines Vaters gebeten hatte -, kritisierte die Pläne für die Trauerzeremonien und das Begräbnis scharf. "Ich finde die bisherige Entwicklung unwürdig, für meinen Vater, für Deutschland und für Europa", sagte Walter Kohl Zeit online. An der geplanten Beisetzung in Speyer werde er nicht teilnehmen, sagte er und nannte es eine falsche Entscheidung, dass sein Vater nicht im Familiengrab in Ludwigshafen beerdigt werde. Walter Kohl schlug vor, nach dem Trauerakt in Straßburg statt der Zeremonien in Speyer am Brandenburger Tor in Berlin eine Verabschiedung mit drei Elementen abzuhalten: einem Staatsakt, einem ökumenischen Requiem und einem Großen Zapfenstreich. "Ich bin überzeugt, dass diese Idee bei voller Gesundheit seine Zustimmung gefunden hätte", sagt er mit Blick auf den Vater. Ihm sei bewusst, dass die Planungen bereits weit fortgeschritten seien, er hoffe aber noch auf eine Änderung. Kohls Witwe Maike Kohl-Richter hatte durchgesetzt, dass es in Deutschland keinen Staatsakt für den Altkanzler geben wird.

Stattdessen gibt es am Dienstag in der Berliner St. Hedwig-Kathedrale eine Trauerfeier. Der europäische Trauerakt findet am 1. Juli in Straßburg (live im ZDF ab 10.45 Uhr) statt. Danach wird der Sarg nach Speyer überführt.