Abschied von der Steinkohle Der letzte Brocken

Beim Schlussakt für die Steinkohle in Deutschland geht es um Sentimentalität und Melancholie, aber auch um Mut und Zukunft.

Von Jana Stegemann und Christian Wernicke, Bottrop

Reviersteiger Jürgen Jakubeit arbeitet länger als sein halbes Leben unter Tage. Der 50-Jährige aus Oberhausen hat Frank-Walter Steinmeier am Freitagnachmittag in der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop um 16.18 Uhr das letzte Stück Steinkohle übergeben. Mit sieben Kumpeln kommt er dafür noch ein letztes Mal aus 1200 Metern Tiefe im Förderkorb hochgefahren. Geprobt haben sie den Ablauf schon am frühen Nachmittag, es sollte nichts schiefgehen. Aber das Sieben-Kilo-Stück schwarzen Goldes, das die Männer in der weißen Kluft mit bewegten Gesichtern dem Staatsoberhaupt als Geschenk zum eigenen Abschied überreichen, haben Kollegen bereits im September zutage gefördert: Schon damals hatte man auf Sohle 7 von Prosper-Haniel das Fördersoll für 2018 erfüllt. Die jährlichen Kohlesubventionen, 1,1 Milliarden Euro, waren verbraucht, mehr Abbau war verboten.

Steinmeier, als gebürtiger Detmolder ein NRW-Landeskind, hat ein Herz, das für die schwarzen Brocken schlägt. Das letzte Kohlestück, so hat er angekündigt, werde in seinem Präsidialbüro einen prominenten Platz bekommen. Und am Schacht erinnert man sich am Freitag, dass der damalige SPD-Kanzlerkandidat im Wahlkampf 2009 hier in Bottrop forderte, man solle den Bergbau bitteschön "über das Jahr 2018 hinaus" subventionieren. Nun repräsentiert ausgerechnet er die Republik, die den Deckel auf den allerletzten Pütt legt.

Die Stimmung am Schacht gleicht einer Trauerfeier. Fast alle geladenen Gäste - fast nur Männer - tragen schwarzen Anzug. NRWs frühere SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat Tränen in den Augen, so wie viele im Publikum. Steinmeier sagt an die Kumpel gewandt: "Das ist ein Tag der Trauer für Sie." Der Chef des Bergbaukonzerns RAG, Peter Schrimpf, betont: "Für manche ist es ein Stück Kohle, für uns Bergleute ist es unsere Welt."

Ohne den Bergbau wäre aus den Dörfern nie der größte Ballungsraum entstanden

Drei Tage vor Weihnachten geht in Nordrhein-Westfalen eine Epoche zu Ende, die fast 200 Jahre lang Region und Nation geprägt hat: Die letzte Steinkohlezeche Deutschlands wird für immer geschlossen. Ohne den Bergbau wäre aus Weilern und Dörfern nie der größte Ballungsraum Deutschlands entstanden, ohne Kohle und Stahl wäre Deutschlands wirtschaftlicher und politischer Aufstieg unmöglich gewesen. Wohlstand, Weltkriege, Wiederaufbau - alles wäre anders ohne den Brennstoff des Industriezeitalters. Vor sechzig Jahren schlossen die ersten Zechen, es war der Anfang vom Ausstieg. Viele Milliarden der Steuerzahler federten den Strukturwandel sozial ab - und doch leben heute 22,1 Prozent der "Ruhris" in Armut.

Es gehe "ein Stück deutscher Geschichte zu Ende", sagte Steinmeier. "Ohne diese Geschichte wäre das ganze Land und seine Entwicklung in den vergangenen zwei Jahrhunderten nicht denkbar." Der Bundespräsident verstand sich in Bottrop aber auch als Mutmacher: Es gebe im Revier "überall gute Ansätze zu Neuem", dem Ruhrgebiet komme weiter eine wichtige Rolle in der Energiewirtschaft zu. "Hier ist nicht nur Melancholie und Sentimentalität", sagt Steinmeier, "hier ist sehr viel Mut und sehr viel Wille und Können." Die Kumpel hätten "hier zwei Jahrzehnte lang buchstäblich Berge versetzt. Warum sollte das nicht auch in Zukunft gelingen?" Und während der Präsident sein Schlusswort in den Saal ruft, legt er die rechte Hand auf den allerletzten Brocken Kohle: "Danke, Kumpel, Glückauf, Zukunft!"

Zum Festakt reiste auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker an. Dank seines Vaters, der einst in einem Luxemburger Stahlwerk beschäftigt war, wisse er, "wie es sich anfühlt, wenn jetzt eine so wichtige Ära zu Ende geht". Die Montanindustrie rühmte er als Fundament der EU: "Kohle und Stahl - einst ewiges Kriegsmaterial - wurden dank des Schuman-Plans zum Material des europäischen Aufbaus und Friedens. Aus ehemaligen Feinden wurden Freunde."

Auf die Beerdigung der Kohle folgt am Samstag die Beisetzung des letzten unter Tage zu Tode gekommenen Bergmanns in Ibbenbüren. Er war unter Tage in einer tonnenschweren Wettertür eingeklemmt worden, er wurde nur 29 Jahre alt. Noch so ein schwerer Tag für die Kumpel.

Armin Laschet, Sohn eines früheren Bergmanns, könnte sein Grußwort zum Ende der Steinkohle längst mit kühler Routine vortragen. Seit Monaten würdigt NRWs Ministerpräsident in Festreden und Interviews das Ende einer "glorreichen Epoche" und "das zentrale Kapitel unserer Landesgeschichte". So auch am Freitag: "In Respekt verneigen wir uns heute vor denen, die unser Land großgemacht haben - vor den Bergleuten und ihren Familien." Zuvor bemühte der CDU-Politiker das "Vermächtnis der Bergleute" als Waffe gegen Ausländerfeinde, AfD und sogar ein bisschen gegen die CSU: "Unter Tage kam es nicht darauf an, welchen Namen man trägt oder zu welchem Gott man betet", sagte Laschet, "unter Tage hat niemand gefragt, ob die Religion des Kollegen zu Deutschland gehört. Entscheidend war: Kann ich mich auf dich verlassen?"

Während Laschet drinnen spricht, warten Jürgen Jakubeit und seine Kumpel mit Kohlenstaub im Gesicht und Grubenlampe auf dem Kopf auf ihren nochmaligen Einsatz. Sie müssen auf eine zweite Bühne, das Steigerlied singen. Dieser Tag habe ihn "fertiggemacht", sagt Jakubeit. Besonders die Übergabe des Kohlestücks: "Wir haben alle geheult." Eine Rede hätte keiner von ihnen halten können: "Heute sitzt ein Kloß im Hals." Jakubeit ist Bergmann in dritter Generation. Er hätte wie jeder Zechenarbeiter mit 49 in Rente gehen dürfen. Doch er wollte sein Kohleflöz bis zum Ende abbauen. Und dann ging er noch weiter - und verfüllte seinen Arbeitsplatz für die Ewigkeit. Heißt, er setzte eine Betonwand davor. "Das Schlimmste, was ein Bergmann machen kann", sagt Jakubeit. Er will jetzt in einem 450-Euro-Job arbeiten. Und weiter Grubenlampen sammeln.

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