Ermittler in der Abhöraffäre Scotland Yards Ansehen liegt in Trümmern

Was ist nur aus dieser Ermittlertruppe geworden, die weltweit großes Ansehen genoss? Großbritannien ist schockiert über die besondere Vertrauenspflege von Polizisten und Journalisten. Scotland Yard stand mal für Effizienz, Kompetenz und Spürsinn, jetzt steht die Behörde für Kumpanei, Faulheit und Dilettantismus - oder Schlimmeres.

Von Hans Leyendecker und Nicolas Richter

Es mag ja sein, dass Scotland Yard mit seiner berühmten Forensic Unit und all den neuartigen technischen Möglichkeiten heute leicht den Fall des legendären Serienmörders Jack the Ripper aufklären könnte, der so berühmt wurde wie kein Lustmörder vor ihm. Der Serientäter des späten 19. Jahrhunderts ist zu einem Mythos geworden. Aber wahr ist auch, dass Scotland Yard, das eigentlich Metropolitan Police Service (MPS) heißt, gerade dabei ist, den eigenen Mythos zu zerstören. Der Name dieser Polizeieinheit stand einmal für Effizienz, Kompetenz und Spürsinn, jetzt steht er für Kumpanei, Faulheit und Dilettantismus - oder Schlimmeres.

Der Murdoch-Skandal kostete Londons Polizeichef Paul Stephenson den Job - und die legendäre Ermittlungsbehörde Scotland Yard ihren Ruf

(Foto: dpa)

Der Rücktritt Sir Paul Stephensons, des Chefs von MPS, der Ende vergangener Woche aufgab, war überfällig; am Montag folgte sein Stellvertreter John Yates - doch deren Demission ist noch kein Befreiungsschlag für die ganze Polizei. Viele in der Behörde fürchten, in den Abgrund gezogen zu werden. Ein allgemeiner Korruptionsverdacht belastet die Organisation; etliche Polizisten sollen von Journalisten Geld bekommen haben für Tipps oder Unterlagen. Oder, vielleicht, fürs Stillhalten.

Besonders verdächtig sind die in sechs Säcken gelagerten Asservate, die erst vor kurzem geöffnet wurden. Sie wurden im Oktober 2006 von MPS bei einem Detektiv konfisziert, und viele der Ungeheuerlichkeiten, die jetzt das Land erschüttern und das Medien-Imperium des Rupert Murdoch gefährden, hätten bei ordentlicher Sichtung der Unterlagen schon viel früher aufgeklärt werden können. Die in der Asservatenkammer abgelegten Beweise umfassen nach Recherchen der New York Times 11.000 Seiten mit handschriftlichen Notizen über die illegale Ausforschung von knapp 4000 Prominenten oder von Opfern von Straftaten. Sie waren abgehört worden, und der Detektiv hatte oben auf den Blättern vermerkt, welcher Redakteur vom inzwischen eingestellten Skandalblatt News of the World ihm den Auftrag erteilt hatte.

Dennoch beteuerten über all die Jahre hochrangige Beamte von Scotland Yard im Parlament und auch vor Richtern, es gebe keine Hinweise auf systematische Lauschangriffe durch Journalisten des Murdoch-Blattes News of the World. 36 Fälle vielleicht, mehr sei nicht gewesen. Ein Hofberichterstatter des Blattes war zwar erwischt worden, ein Detektiv, der ihm geholfen hatte, auch. Sie waren verurteilt worden, nichts Schlimmes. Ein bedauerlicher Einzelfall, sagten die Murdoch-Leute, und die Chef-Polizisten stimmten zu. Die Säcke mit den Notizzetteln des Detektivs lagerten derweil ungeöffnet bei Scotland Yard und setzten Staub an.

Ein Schmiergeld namens Nähe

Wie es schien, gab es zwischen den Büros von Polizisten und Journalisten Drehtüren, man ging beieinander ein und aus. Sie speisten zusammen, sie gingen zusammen trinken, sie diskutierten über die Lage, und bei solchen Gelegenheiten wurden auch Dokumente über den Tisch gereicht. Das alles diente der gegenseitigen Vertrauenspflege. Nicht immer floss Geld; es gibt auch ein Schmiergeld namens Nähe.

Achtzehn mal soll allein der jetzt zurückgetretene MPS-Chef Stephenson mit Führungskräften des Murdoch-Verlags News International diniert haben. Wer aus seiner Organisation ausschied, konnte bei der jeweils anderen unterkommen. Der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der News of the World, Neil Wallis, wurde nach seinem Ausscheiden Berater der Polizei und hielt dabei Kontakt zu seinen früheren Journalisten-Kollegen. Ein hochrangiger Polizist wiederum verließ die MPS 2007. Er hatte dann im Murdoch-Blatt The Times eine Kolumne und verteidigte 2009 die Arbeit der Ermittler im Abhör-Fall. Sie hätten jeden Stein umgedreht, behauptete er. Damals hatte der Guardian, der bei der Aufklärung des Skandals vorneweg war, wieder eine Geschichte über die Spitzelmethoden des Boulevards veröffentlicht.