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Abgeschobene Rapper aus Essen:Könige ohne Königreich

Der 28-jährige Kefaet (mit der schwarzen Mütze) und sein jüngerer Bruder Selamet (im Vordergrund).

(Foto: Philip Artelt)

"Essen-City", das war mehr als 20 Jahre lang das Zuhause zweier Nachwuchs-Rapper aus Kosovo. Dann wurden sie in die Heimat ihrer Eltern abgeschoben, so wie etwa 500 Kosovaren jedes Jahr. Sicher sind die Brüder dort aber nicht - weil sie Roma sind.

Punchlines bewahren die beiden Brüder jeden Tag vor dem Durchdrehen. Kurze gerappte Sätze, die sie abwechselnd in 16 Takte pressen. Im Hintergrund knackt der Bass amerikanischer Hip-Hop-Songs aus zwei Computerboxen unter dem Wohnzimmertisch. An dem hocken Selamet und Kefaet Briszeni den ganzen Tag. Sie tragen jeden Tag dieselben abgewetzten Klamotten, haben mittlerweile schwarze Vollbärte und reimen immer weiter. Bis spät in die Nacht. Sie flüchten in ihr "eigenes Königreich", wie Selamet sagt.

Wenn sie rappen, sind sie wieder Essener Jungs: "Das Ganze schmerzt hart, aber wir kacken nicht ab. Die Straßen rufen unseren Namen überall in der Stadt." Dann vergessen sie, dass sie in einer muffigen Holzhütte hausen. Unter einem tropfenden Dach, ohne fließendes Wasser, mit Mäusen in den Wänden. Mit dem Rauchgeruch eines Holzofens in der Luft. Sie rappen, um in all dem Dreck nicht verrückt zu werden. Denn sie wollen zurück nach Deutschland. Der Ruhrpott ist ihre Heimat. Nicht Kosovo, wohin sie der deutsche Staat abgeschoben hat. Und auch nicht diese kleine Holzhütte im kroatischen Hinterland, in die sie weitergeflüchtet sind und aus der sie jetzt schon wieder abgeschoben werden.

Der Ruhrpott ist ihre Heimat, nicht das Land, in das sie abgeschoben wurden

Aber von vorne: Die Familie Briszeni kommt 1988 nach Deutschland. Aus Kosovo, wo sich die Lage für Roma wie sie drastisch verschlechtert hat. Slobodan Miloševic hat faktisch die Macht in Serbien übernommen, Roma werden verfolgt, verprügelt, umgebracht. Kefaet, heute 28 Jahre alt, ist damals gerade vier. Der heute 24-jährige Selamet ist noch nicht geboren, er kommt erst in Deutschland zur Welt. Als geduldete Flüchtlinge dürfen die Briszenis in Deutschland bleiben. Eine Duldung sprechen die Behörden aus, wenn ein Antrag auf politisches Asyl abgelehnt wird. So geht es in den frühen Neunzigern Tausenden Flüchtlingen aus Kosovo: Eigentlich müssten sie zurück, aber Deutschland setzt ihre Abschiebung aus, weil es in ihrer Heimat zu gefährlich ist oder weil der serbische Staat sie nicht zurücknehmen will.

Selamet und Kefaet wachsen in Essen auf, gehen dort zur Schule, bauen ein Musikstudio auf. Sie werden Rapper. Die Profikarriere scheint zum Greifen nah zu sein. Aber es kommt anders. 2005 einigen sich Vertreter Deutschlands und der zivilen UN-Präsenz in Kosovo darauf, die bisher Geduldeten "rückzuführen". Abzuschieben. Ein offizielles Rücknahmeabkommen gibt es seit 2010. Jährlich werden laut Bundesinnenministerium zwischen 500 und 600 Menschen nach Kosovo zurückgebracht. Knapp 30 Prozent von ihnen sind Roma.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stuft die Lage dort zwar als sicher ein. "Die kosovarischen Behörden sind inzwischen weitgehend in der Lage, die Ordnung selbst aufrechtzuerhalten", sagt eine Sprecherin. Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen beklagen aber, dass die Ausgrenzung das Leben für Roma dort fast unmöglich mache.

Auch Kefaet und Selamet erfahren beides: Abschiebung und Diskriminierung. Die Polizei holt sie im Herbst 2010 aus dem Bett, um sechs Uhr morgens. Die Brüder sind erst seit zwei Stunden zu Hause. Am Abend vorher haben sie auf einem Konzert gerappt. Dann stehen die Beamten plötzlich im Schlafzimmer. Es geht schnell. Anziehen. Sachen packen. Zwei Tage Abschiebegefängnis im westfälischen Büren. Dann ein Flug, und die beiden sind in Pristina. In Kosovo, in dem ihr einziger Kontakt ein Onkel ist, der sie nach kurzem Gespräch wieder auf die Straße setzt: Er könne sie nicht durchfüttern. Ihr Serbisch, ihr Albanisch, selbst ihr Romani sei zu Beginn so schlecht gewesen, dass sie sich kaum hätten verständigen können, sagt Kefaet.

Ihr Hund Jacky ist mit einem Chip im Nacken registriert, dürfte also - anders als die Brüder - in die EU einreisen. 

(Foto: Philip Artelt)

Die beiden haben Glück und lernen andere Abgeschobene aus Deutschland kennen. Sie besorgen den Brüdern eine Wohnung. Mit dem bisschen Geld, das sie übrig haben, ziehen sie nach Prizren. Wenigstens, so denken sie, müssen sie nicht auf der Straße schlafen oder in eines der berüchtigten Roma-Flüchtlingslager ziehen.

Stattdessen starten sie mit Hilfe von Unicef ein Hip-Hop-Projekt, bei dem sie jungen Kosovaren das Rappen beibringen. Sie bereisen das Land ihrer Eltern, beantragen serbische Pässe, um auch die Grenze passieren zu können und spielen auf Konzerten. Sich hängenlassen ist nicht ihr Stil.

Eine Weile funktioniert das auch ganz gut. Aber als das Unicef-Projekt nach knapp zwei Monaten ausläuft und das Geld ausbleibt, wirft der Vermieter sie raus. Danach bekommen die Brüder zu spüren, wer sie sind. Für die kosovarischen Roma bleiben sie "die Deutschen", für alle anderen sind sie Roma. Keiner will ihnen einen Job geben. Die Einheimischen grenzen sie aus, bedrohen und beschimpfen sie als "Gabel", Zigeuner. Ihnen wird klar: Sie müssen raus aus Kosovo, weil es hier keine Zukunft gibt. Mit Hilfe der serbischen Pässe flüchten sie nach Kroatien.