Süddeutsche Zeitung

Attentäter von Arizona:"Ein einzelnes, sehr gestörtes Individuum"

Nach ersten Befragungen hat die Bundespolizei neue Erkenntnisse zum Attentat von Arizona: Sie geht von einem geistig verwirrten Einzeltäter aus. US-Politikerin Giffords ist nach dem Kopfdurchschuss zeitweise aus dem Koma erwacht und reagierte auf die Ansprache der Ärzte.

Nach dem Attentat auf die US-Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords herrscht Trauer und Entsetzen in Tucson und Washington, D.C.. Noch immer rätseln die Behörden über das Motiv des mutmaßlichen Attentäters. Der ermittelnde Sheriff Clarence Dupnik geht inzwischen davon aus, dass es sich um die Tat eines "einzelnen, sehr gestörten Individuums" handelt.

In einem Interview mit dem Sender Fox News sagte Dupnik, es stehe fest, dass der 22-jährige mutmaßliche Attentäter Jared Lee Loughner es gezielt auf Giffords abgesehen habe. Er verwies auf einen entsprechenden Brief Loughners, der bei einer Durchsuchung von dessen Wohnung entdeckt worden war. In einem Safe fand die Polizei zudem einen Umschlag, auf dem "Ich plante voraus", "Mein Mordanschlag" und "Giffords" stand. Zudem fand sie einen Brief von Giffords, in dem die demokratische Abgeordnete Loughner für die Teilnahme an einer Kundgebung im August 2007 dankte.

Jared Lee Loughner, der am Samstag Giffords schwer verletzt und sechs Menschen getötet hatte, ist noch am Sonntag wegen Mordes und versuchten Mordes angeklagt worden. Das teilte die Staatsanwaltschaft des Staates Arizona und der Direktor der Bundespolizei FBI, Robert Mueller, mit. Loughner soll noch an diesem Montag zu einer Anhörung vor Gericht in Phoenix erscheinen. Bislang macht der 22-Jährige nach Angaben der Polizei von seinem Schweigerecht Gebrauch.

Inzwischen werden immer mehr Details zum Tathergang bekannt. Einem Bericht des Senders Fox zufolge sollen angeblich Passanten noch Schlimmeres verhindert haben: Demnach soll eine Frau dem Schützen das Magazin entrissen haben, als dieser versuchte, seine Waffe nachzuladen. Zwei Männer sollen versucht haben, ihn zu überwältigen.

Ein Praktikant der schwer verletzten US-Politikerin habe die ganze Zeit über bei Giffords ausgeharrt. Diese hat unterdessen nach einer Operation auf die Ansprache der Ärzte reagiert. Die Mediziner zeigten sich optimistisch, dass die demokratische Politikerin überlebt. Die Entwicklungen nach der Operation seien "sehr, sehr ermutigend".

Giffords reagiert auf Händedruck

Die Kugel habe die linke Hälfte von Giffords' Kopf durchschlagen, sagte einer der Ärzte, Michael Lemole. Die Chirurgen hätten Teile des Schädelknochens entfernt, um den Druck auf das angeschwollene Gehirn zu verringern. Die Abgeordnete verstehe einfache Anweisungen und könne beispielsweise auf das Drücken einer Hand oder das Zeigen von zwei Fingern reagieren. Dass sie noch lebe, habe sie neben großem Glück der Tatsache zu verdanken, dass sie von den Rettungskräften in weniger als 40 Minuten in den Operationssaal gebracht worden sei, erklärten die Mediziner.

Inzwischen hagelt es massive Kritik von Seiten der Demokraten an der zunehmend aggressiven politischen Rhetorik der Republikaner. Sie äußerten Kritik an einer Karte der USA, die vom Wahlkampfteam der Republikanerin Sarah Palin vor den Zwischenwahlen ins Internet gestellt worden war. Mit der Grafik forderte sie nicht nur zur Rückeroberung von Wahlkreisen auf, sondern ließ jeden dieser Wahlkreise mit einem Fadenkreuz markieren. Eines dieser Fadenkreuze markierte auch Giffords Wahlkreis. In die Kritik geriet auch Palins Slogan "Nicht zurückweichen, nachladen". "Solche Dinge, glaube ich, laden ein zu dieser giftigen Rhetorik, die instabile Menschen dazu verleiten kann, zu glauben, dies sei eine akzeptable Reaktion", sagte dazu der demokratische Senator Dick Durbin dem Sender CNN.

Sheriff Dupnik, der ein Demokrat und ein entschiedener Gegner der lockeren Waffengesetze Arizonas ist, warnte vor einer Rhetorik des Hasses, der Paranoia und des Misstrauens gegenüber der Regierung. Solche Rhetorik könnte besonders bei psychisch instabilen Persönlichkeiten negative Wirkung entfalten, sagte Dupnik. Es habe "Tag und Nacht in Radio und Fernsehen eine Menge ätzender Kommentare zu ihrer Unterstützung der Gesundheitsreform" gegeben. Diese Kommentare hätten viele Leute aufgehetzt.

Der republikanische Senator Lamar Alexander wies in einem Interview mit CNN die Vorwürfe gegen Palin zurück, rief jedoch zu mehr gegenseitigem Respekt in der politischen Debatte auf. Palin veröffentlichte eine Botschaft auf Facebook, in der sie den Angehörigen Giffords und der anderen Opfer ihr Beileid ausdrückte.

Obama ruft zu Schweigeminute auf

Zunächst war die Polizei davon ausgegangen, dass der mutmaßliche Attentäter einen Komplizen hatte. Dieser Verdacht hat sich allerdings nicht erhärtet. Die Bundespolizei FBI erklärte, der zunächst Verdächtigte sei inzwischen wieder freigelassen worden. Es gebe derzeit keinen Grund mehr zu der Annahme, dass noch andere Menschen an dem Attentat beteiligt gewesen sein könnten, hieß es.

Das Bild des Mannes war von einer Überwachungskamera in der Nähe des Ladens in Tucson aufgezeichnet worden, vor dem Jared Lee Loughner um sich schoß. Die Ermittler hatten ein Fahndungsfoto des mutmaßlichen Helfers veröffentlicht.

Präsident Barack Obama kündigte für Montag eine Schweigeminute an: "Ich rufe die Amerikaner auf, morgen um 11 Uhr (17 Uhr MEZ) einen Moment der Stille einzuhalten, um der unschuldigen Opfer der sinnlosen Tragödie von Tucson zu gedenken", hieß es in einer Erklärung des Weißen Hauses. Dies werde ein Moment sein, an dem die Nation im Gebet zusammenstehen werde.

Unterdessen zeigte sich die Bundesregierung Deutschlands über den Anschlag bestürzt. "Mit Ihren Freunden und Angehörigen empfinde ich tiefes Mitgefühl", erklärte Außenminister Guido Westerwelle am Rande seines Besuchs in Pakistan. Er sprach von einem "entsetzlichen Angriff". Westerwelle hoffe auf die baldige Genesung der Abgeordneten und anderen Verletzten.

Auch Fidel Castro verurteilte den Anschlag als "grässliche" Tat. In einem Meinungsartikel für eine staatlich kontrollierte Zeitung schrieb der kubanische Ex-Präsident am Sonntag, das selbst Menschen wie er, die häufig mit den Vereinigten Staaten nicht einer Meinung seien, einen Gewaltakt wie den am Samstag in Tucson niemals guthießen: "Selbst diejenigen unter uns, die nicht jede Politik und Philosophie (der Regierung Obama. Anm. d. Red.) teilen, hoffen aufrichtig, dass keine Kinder, Richter, Abgeordnete oder Bürger der Vereinigten Staaten auf solch absurde und unverantwortliche Weise sterben."

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