Abfall aus Italien:Das Geld mit dem Müll

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Täglich werden 1500 Tonnen Haushaltsmüll aus Italien zu Verbrennungsanlagen nach Leipzig und Bremerhaven geschickt. Die Deutschen sollten stolz darauf sein, sagen Entsorgungsexperten - schließlich rollt mit dem Abfall der Rubel.

Julius Müller-Meiningen

Längst rollen sie wieder, die "Züge der Schande". Italiens Ministerpräsident Romano Prodi hat die Mülltransporte aus Kampanien nach Deutschland einmal so bezeichnet. Und jedes Mal, wenn sich die stinkenden Müllsäcke auf den Straßen Neapels türmen, weil es dort zu wenige Verbrennungsanlagen oder Deponien gibt und die Müllabfuhr streikt, rollen wenig später die Container über den Brenner.

Abfall aus Italien: Täglich rollen zwei Züge mit insgesamt 1500 Tonnen Haushaltsmüll aus Neapel zu Verbrennungsanlagen nach Leipzig und Bremerhaven.

Täglich rollen zwei Züge mit insgesamt 1500 Tonnen Haushaltsmüll aus Neapel zu Verbrennungsanlagen nach Leipzig und Bremerhaven.

(Foto: Foto: dpa)

Nach Auskunft der italienischen Firma Ecolog, die den Transport aus Kampanien organisiert, gelangen derzeit täglich zwei Züge mit insgesamt 1500 Tonnen Haushaltsmüll aus Neapel zu Verbrennungsanlagen nach Leipzig und Bremerhaven.

Von wegen Schande. "Eigentlich müssten die Deutschen stolz sein", sagte ein Ecolog-Manager der Süddeutschen Zeitung. "Schließlich ist das ein gutes Geschäft und jedes Kilogramm Müll, das nach Deutschland geht, ist eines weniger für die Camorra, die in Kampanien das Müllgeschäft kontrolliert." Aus Angst vor der kampanischen Mafia will er seinen Namen nicht nennen.

Seit dem Jahr 2001, als das erste Mal Müll aus Neapel nach Deutschland transportiert wurde, freuen sich die deutschen Geschäftspartner der italienischen Regierung, in deren Auftrag Ecolog transportiert, über das gute Geschäft.

Firmen verdienen bis zu 200.000 Euro täglich mit Müllverbrennung

Gut 100 Euro pro Tonne kostet die Verbrennung von Hausmüll in den von Remondis in Bremerhaven und von der Westsächsischen Entsorgungs- und Verwertungsgesellschaft in Cröbern bei Leipzig betriebenen Anlagen. Bis zu 200.000 Euro verdienen die Firmen mit der Entsorgung der beiden Zugladungen aus Italien am Tag. Dabei sind die Abfälle aus Neapel ein vernachlässigenswerter Posten bei den internationalen Müllimporten nach Deutschland.

Insgesamt kamen im Jahr 2006 etwa 18 Millionen Tonnen Müll nach Deutschland, davon 5,6 Millionen Tonnen giftiger Sondermüll. Zum Vergleich: 2004 wurden in Deutschland 340 Millionen Tonnen Müll produziert. Der Großteil der Importe stammt aus EU-Ländern, hauptsächlich aus den Niederlanden. Aber auch aus dem Rest der Welt gelangen Abfälle aller Art nach Deutschland.

"Wir haben in Deutschland die nachweislich modernsten Anlagen mit den höchsten Umweltstandards", begründet Stephan Harmening, Geschäftsführer des Bundesverbandes der deutschen Entsorgungswirtschaft, den Zulauf. Ursächlich sind aber vor allem die freien Kapazitäten der 71 deutschen Verbrennungsanlagen und die dadurch immer mehr sinkenden Preise. Zusätzlich sind in Deutschland derzeit etwa 80 neue Anlagen geplant oder bereits im Bau.

Importe gehen zurück

Allerdings gehen die Importe seit 2005 zurück. Damals trat in Deutschland eine Verordnung in Kraft, nach der unbehandelte Abfälle nicht mehr auf Deponien entsorgt werden dürfen. Seither blüht das Verbrennungsgeschäft.

Die Reste zum Beispiel des Hausmülls werden zu Straßenbelag verarbeitet. Chemikalien werden häufig unterirdisch gelagert. "Deutschland ist auf problematische Stoffe spezialisiert", sagt Joachim Wuttke, Experte für Abfallwirtschaft beim Umweltbundesamt, bei dem die Mülltransporte gemeldet werden müssen.

Hierzulande können gefährliche Stoffe in alten Salzbergwerken gelagert werden, die es sonst in der EU nicht gibt. Deshalb gelangen beispielsweise auch Lösemittel aus Israel, Chemikalien aus Jordanien und Quecksilber aus Singapur in geringen Mengen nach Deutschland. Jeder Transport muss zuvor vom zuständigen Landesumweltministerium genehmigt werden. "Es lohnt sich nicht, für jedes Land, für jeden Stoff eine eigene Anlage zu bauen", sagt Wuttke. Insofern sei es sinnvoll, die Kapazitäten anderer Länder zu nutzen. Den Hausmüllimport aus Italien hält er jedoch für bedenklich.

Auch die Umweltverbände kritisieren den Mülltourismus. Abfälle müssten dort getrennt, behandelt und entsorgt werden, wo sie entstehen, heißt es etwa bei der Deutschen Umwelthilfe. Weil sich das Geschäft mit den Müllimporten aber lohnt, würden die Entsorgungsunternehmen die Kapazitäten gerne noch erhöhen.

Von bis zu 200.000 zusätzlichen Tonnen jährlich ist in der Branche die Rede. Genaue Zahlen will man bei den betreffenden Firmen nicht nennen. "Wir haben Kapazitäten frei", sagt Michael Schneider, Sprecher der Firma Remondis. Und eines stehe fest: "Abfall ist ein Wirtschaftsgut."

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