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Abbottabad nach dem Tod Bin Ladens:Bin Laden: Ehefrau schildert die letzten Momente

Bei dem einen Kontakt zwischen Verkäufer und Käufer blieb es nicht. Auch nach ihrem Geschäft sahen sie sich regelmäßig. Bin Ladens Kurier kam in die Praxis, um sich Pillen gegen Fieber und Halsschmerzen zu holen.

Stets war er allein, freundlich und kurz angebunden, erinnert sich der Arzt. Bevor er den nächsten Patienten hineinbittet, sagt er noch: Medikamente zur Behandlung von Nierenproblemen habe Khan übrigens nie verlangt.

Vielleicht hatte Osama bin Laden die auch gar nicht nötig. Das würde zwar eine lang gehegte, vermeintliche Erkenntnis über seinen Gesundheitszustand widerlegen. Aber nun erzählt nach Aussagen pakistanischer Ermittler Amal al-Sadah, die 29-jährige jemenitische Frau des Terrorchefs, eine andere Version. Ihr Mann sei kein Dialyse-Patient gewesen, berichtet sie nach Angaben der Zeitung Dawn.

Im Gegenteil. Er habe sich bis zu seinem Tod bester Gesundheit erfreut und auf seine eigenen Heilmittel gesetzt: Wassermelonen habe er besonders gut vertragen. In der dramatischen Nacht zu Montag sei sie gerade mit ihrem Mann ins Schlafzimmer gekommen, soll die Witwe berichtet haben.

Kurz nachdem sie das Licht löschten, hörten sie die ersten Schüsse. Die donnernden Geräusche der Helikopter zuvor erwähnte al-Sadah nicht. Ihr Mann habe nach einer Kalaschnikow greifen wollen, als die amerikanischen Kommandos das Zimmer stürmten - das Gewehr aber nicht mehr erreichen können.

Kinder zu Hause unterrichtet

Die nun angeblich so auskunftsfreudige Frau soll nach Erkenntnissen von Ermittlern die Kinder, die auch auf dem Anwesen lebten, zu Hause unterrichtet haben. In dem Komplex seien Schulbücher gefunden worden.

Nichts davon ist gesichert, kein unabhängiger Beobachter durfte bislang ins Haus, um den herum es einen eigenen Gemüsegarten gab, etwas Vieh und Dutzende Kaninchen. Al-Sadah ist bei dem Angriff am Bein verletzt worden. Mit zwei weiteren Frauen Bin Ladens und etwa einem Dutzend Kindern ist sie nun im Gewahrsam der pakistanischen Behörden.

Die vertreten nach wie vor offiziell eine immer unglaubwürdiger werdende Linie: Demnach will den Agenten nicht nur entgangen sein, dass Bin Laden mehr als fünf Jahre in dem Haus mit den vier Gaszählern an der Außenmauer lebte.

Bereits seit 2003 in der Nähe der Hauptstadt?

Seine Frau soll den Ermittlern auch erzählt haben, die Familie sei bereits im Jahr 2003 aus den schwer zugänglichen Stammesgebieten ins Herzland Pakistans gezogen. Die Bin Ladens lebten demnach bis Ende 2005 noch näher an Islamabad als in Abbottabad, bis sie hierher umgezogen sind.

Der Gebäudekomplex ist nun seit Tagen nicht mehr zugänglich. Der Polizist, der etwa 100 Meter von den Mauern entfernt mit zwei Kollegen Wache schiebt, hat tiefe Ringe unter den Augen. Er bemüht sich, freundlich zu bleiben, auch wenn er immer wieder die Journalisten aus aller Welt und die Schaulustigen abweisen muss. "Sicherheitsgründe", sagt er knapp, oder auch: "Anweisung von oben."

Angst vor Selbstmordattentaten

Die pakistanischen Behörden befürchten, dass sich mitten in der Besuchermasse ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengen könnte. Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes sagt: "Wir erwarten eine Rachewelle von Al-Qaida-Anhängern." Auch soll das Haus keine Pilgerstätte für Bin-Laden-Anhänger werden. Aber das ist wie bei so vielen Dingen in Abbottabad nur der eine Teil der Wahrheit.

"Das Haus steht sinnbildlich für die pakistanische Armee und den Geheimdienst, es ist das Zeichen einer großen Blamage", sagt ein Insider über den amerikanischen Coup. Die ständigen Medienberichte machten alles nur noch schlimmer. Offenbar soll das Gebäude demnächst abgerissen werden. Jedenfalls erzählen dies Beamte aus dem Sicherheitsapparat.

Für die Einwohner Abbottabads wäre das so etwas wie eine Erlösung. Sie sind den Rummel leid, auch wenn auf der Kakul-Straße, die zu Bin Ladens Haus führt, die Übertragungswagen nicht mehr Stoßstange an Stoßstange aneinandergereiht stehen. "Wir wollen unsere Stadt zurück, es war doch immer so friedlich hier", sagt ein Banker.

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