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90 Jahre Frauenwahlrecht:Merkel und die "Supermenschen"

Zum 90. Jahrestag des Frauenwahlrechts wünscht sich Kanzlerin Merkel mehr Frauen in Führungspositionen - und appelliert an die Männerwelt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wünscht sich deutlich mehr Frauen in Führungspositionen in Politik und Wirtschaft.

"Frauen mehr Mut machen, Verantwortung zu übernehmen": Familienministerin von der Leyen, Bundeskanzlerin Merkel und Alice Schwarzer beim Festakt zu 90 Jahre Frauenwahlrecht in Berlin.

(Foto: Foto: dpa)

"Wir müssen noch weitaus mehr Frauen Mut machen, Verantwortung zu übernehmen", sagte die CDU-Chefin im Berliner Kanzleramt bei einer Festveranstaltung zu 90 Jahren Frauenwahlrecht. Gerade in der Kommunalpolitik und in Unternehmen lasse der Anteil von Frauen in führenden Positionen noch zu wünschen übrig.

Merkel forderte gleichzeitig eine Schwerpunktverschiebung in der Gleichberechtigungsdiskussion. Es werde zu wenig darüber gesprochen, wie sich das Verhalten von Männern ändern muss, sagte sie.

Die Kanzlerin kritisierte die Diskussion über das Elterngeld, in der eine berufliche Auszeit von Männern als "Wickel-Volontariat" verschmäht worden sei.

Es müsse "ein wirklich partnerschaftliches Verhältnis zwischen Männern und Frauen entstehen, und nicht eine dauernde Überforderung von Frauen", sagte Merkel. Es bestehe immer die Gefahr, dass Frauen zu "Supermenschen" werden müssen, um alle Herausforderungen meistern zu können

Der Kampf um das Frauenwahlrecht begann in Europa bereits Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge der Französischen Revolution. Es dauerte aber mehr als hundert Jahre, bis mit Finnland 1906 das erste europäische Land das Wahlrecht für Frauen einführte. Die USA folgten erst 1929, Frankreich 1945.

In Deutschland war es erst nach dem Ersten Weltkrieg so weit. Im Zuge der Novemberrevolution erhielten alle Frauen ab dem 20. Lebensjahr vom Rat der Volksbeauftragten das Wahlrecht.

Bei der Wahl der Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 konnten sie erstmals von ihrem neuen Recht Gebrauch machen. In der Schweiz bekamen die Frauen erst 1971 das Wahlrecht, in einem Kanton erst 1990.

Zu der Veranstaltung waren ins Kanzleramt alle Bundesministerinnen mit Ausnahme der erkrankten Ressortchefin für Gesundheit Ulla Schmidt (SPD) und der verhinderten Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) gekommen. Familienministerin Ursula von der Leyen nannte die Einführung des Frauenwahlrechts einen "Meilenstein in der Geschichte der Gleichberechtigung".

Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer sagte bei der Veranstaltung, die Frauenbewegung sei die "mit Abstand die erfolgreichste soziale Bewegung des 20. Jahrhunderts gewesen".

Merkel stellte jedoch auch positive Errungenschaften fest: Die Kanzlerin lobte, dass Hillary Clinton trotz der Niederlage im US-Vorwahlkampf gegen den heutigen US-Präsidenten Barack Obama bereit gewesen sei, dessen Außenministerin zu werden. Das habe sie sehr beeindruckt. Frauen müssten generell damit leben, dass es nicht gleich im ersten Anlauf klappe.

Nach ihrer Auffassung gibt es auch im Bundeskabinett eine neue Unbefangenheit in der Zusammenarbeit von Männern und Frauen. So sei es zu ihrer Zeit als Frauenministerin Anfang der neunziger Jahre nicht möglich gewesen, über ein Thema wie Kinderpornographie offen zu diskutieren. Dies habe sich geändert. Früher hätten sich die Männer in der Politik auch gefragt, ob sie mit Frauen genauso hart umgehen könnten. Heute mache es keinen Unterschied, ob der Gegner ein Mann oder eine Frau sei.

© AP/dpa/cag/odg
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