An besonderen Tagen sind die Alpen von diesem Platz aus wie zum Greifen nahe und zugleich unendlich weit weg. Es gibt diesen besonderen Blick nicht immer. Häufig sind Wolken davor, oder es legt sich am Morgen Nebel um das Hochhaus der SZ in Berg am Laim am Ostrand Münchens. Aber wenn der Himmel es will, gibt es diesen Blick aus dem 22. Stock des Turms, dort, wo der Newsdesk dieser Zeitung sitzt. Die Berge in der Ferne, oder wenn man den Kopf wendet, die Stadt mit der Frauenkirche. Diese Weite wirkt wie der ideale Rahmen zum unruhigen Geschehen, das unaufhörlich neue Nachrichten in die Redaktion einströmen lässt, die sortiert werden sollen, oft Routine sind, aber manchmal mit einem Schlag alles verändern. Da kann ein kurzer Blick, eine Bergsekunde oder Bergminute lang, wie ein Kontrapunkt wirken.
Es kommt häufig vor, dass Besucher zur Süddeutschen Zeitung in das Hochhaus kommen, um zu schauen, wo denn wohl das Herz dieser Redaktion schlägt oder um ihren Maschinenraum zu besichtigen. Meist werden sie dann auch in den 22. Stock geführt, wo rund um ein Rondell der Newsdesk sitzt, was sich wegen des besonderen Ausblicks lohnen kann. Für einen Maschinenraum geht es allerdings meist ruhig zu, mit möglichst wenig Aufregismus, auch bei oft schnellen Entscheidungen ohne Lärm. Es gibt nicht mal unentwegt klingelnde Telefone, weil hier keine Apparate mehr stehen, die Kommunikation meist über die Computer läuft.
Was ist wichtiger? Herz oder Gehirn?
Und was das Herz angeht – nun gibt es ja immer neue Theorien, welches das wichtigste Organ in einem Körper ist, vielleicht doch das Gehirn? Die so unterschätzte Leber gar, zuletzt bekam der Darm bei solchen Erwägungen viel Aufmerksamkeit (aber wer möchte schon der Darm sein?). Zu den charmanten Eigenheiten der SZ-Redaktion gehört, dass hier kaum ein Ressort zu finden ist, das sich nicht für das eigentliche Herz halten dürfte.
Es sind die neuen Turbulenzen um Tweets aus dem Weißen Haus, es ist die Reportage der Korrespondentin aus Tel Aviv, der Blick auf den Kanzler in der Generaldebatte im Bundestag, die Recherche zu der bedrohlichen Enge für Tausende Menschen auf der Wiesn, der Essay über die übertrieben häufige Rede von einem Kulturkampf. Zur SZ gehört schon immer, dass die Ressorts mit ihrer Expertise in großer Eigenständigkeit ihre Themen entwickeln und man sich dann über die wichtigsten austauscht, sie gewichtet und hinterfragt und diskutiert, wie auf neue Entwicklungen zu reagieren ist. Dafür gibt es am Morgen die Frühkonferenz (die nicht die letzte ist), in der im 22. Stock Pläne gemacht werden, die dem Prinzip der ewigen Vorläufigkeit folgen, nicht selten, bis die Entwicklung fast alles über den Haufen wirft.
Gewinnt Bayern jetzt jedes Spiel?
In dieser Runde wird entschieden, was aktuell recherchiert, eingeordnet oder kommentiert werden soll. Was ist vom Friedensplan für Gaza zu halten? Ist die neue Studie zum Klimawandel relevant? Wann plädiert der Staatsanwalt im Entführungsprozess in Hamburg? Und gewinnt Bayern München jetzt jedes Spiel oder kommt verlässlich eine Krise? Am Ende der Konferenz stehen Entscheidungen, womit die Homepage aufgemacht wird, welches Thema Aufmacher der Zeitung und Schwerpunkt auf den Printseiten und der digitalen Ausgabe der SZ sein wird.
Ein von einem lakonischen Grundtonus bestimmter früherer leitender Redakteur der SZ hat diesen Prozess des Planens gern mit dem Hinweis kommentiert, dass die Redaktion so intensiv plane, damit es etwas gibt, was sie umschmeißen kann, wenn sowieso alles anders kommt. Er hatte oft erlebt, dass alles anders kam. Weil schon Nuancen reichen, damit die Welt am Mittag anders aussieht als am Morgen angenommen und was nach Routine aussah, durch den Nebensatz eines Politikers zum Rechercheauftrag für die Korrespondenten wird.
Schon vor der ersten Morgenkonferenz hat sich die Weltlage in der Nacht einige Male gedreht, vielleicht nur ein wenig, oder gewaltig. Der Nachtredakteur, der für die SZ aus Portland in Oregon das Geschehen beobachtet, hat die nächtlichen russischen Angriffe auf die Ukraine als Nachricht auf der Homepage aktualisiert, in Washington reagiert die Korrespondentin auf die Unruhe nach einer Ankündigung des Präsidenten. Und als die frühe Homepagechefin ihre Schicht in diesem 24-Stunden-Betrieb übernommen hat, sortiert sie die Seite neu, stellt die wichtigsten Geschichten nach oben.
Die SZ arbeitet bewusst mit verschiedenen Geschwindigkeiten.
Mit ihr beobachten die Redakteure aus dem Expressteam die Nachrichtenlage, gewichten und verwerfen und bereiten für die Homepage aktuelle Entwicklungen auf – oft auf den besonders viel gelesenen Liveblogs etwa zu den Kriegen in Nahost oder der Ukraine oder zur Bundespolitik.
Auf die erste Nachricht folgen Texte von Fachredakteuren und Korrespondenten, die nach Recherchen das Geschehen einordnen. Die SZ arbeitet bewusst mit verschiedenen Geschwindigkeiten, wenn sie auf das Tempo der Welt reagiert. Unerwartet fällt der Kanzlerkandidat Merz in Berlin im ersten Wahlgang durch – am Newsdesk wird eine Eilmeldung vorbereitet, noch einmal genau geprüft, dann als Pushmeldung auf die Handys der Leserinnen und Leser gesendet, die den Dienst abonniert haben. Schnell gibt es erste Absprachen, die Expressredakteure bauen die Nachricht aus, das Berliner Büro sammelt Eindrücke und Informationen für die späteren Geschichten.
Für die schnellen Entscheidungen braucht es eine Vorstellung darüber, wie das Gesicht der SZ auf der Homepage und in der Zeitung aussehen soll, bei den Überschriften oder den Bildern und Grafiken. Für die erste Seite werden am Nachmittag im 22. Stock mit der Art Direktion Titelentwürfe beraten. Es kann ein aktuelles Bild aus Gaza oder Berlin sein, aber auch eine Illustration oder ein ausdrucksstarkes Bild zu einer über Wochen recherchierten Reportage der Seite 3, einem Text aus dem Feuilleton oder der Wirtschaft.
Es bleiben wenige Minuten, bis die Nachricht ans Layout geht, dass „die Eins weg kann“.
Das Gesicht der ersten Seite entsteht, ist aber noch nicht fertig. Hier folgt die Redaktion einer jahrzehntelangen Tradition: Bis zum Andruck der Printausgabe bleiben die Überschriften der ersten Nachrichtenseite und beim Thema des Tages Provisorien, bis zur Titelkonferenz. In der Jubiläumsausgabe von 1995 war auf einem Foto zu sehen, wie der damalige Nachrichtenchef Peter Blechschmidt mit einem Kreis von Redakteuren die Überschriften abstimmt. Jeder hält ein Blatt in der Hand, auf dem die Entwürfe stehen.
Die Zettel gibt es heute nicht mehr. Aber das Ringen um so prägnante wie genaue Überschriften auf knappem Platz ist geblieben. Die zuständigen Redakteure lesen die Entwürfe vor, so ist schnell zu erkennen, was holpert oder schief ist. Es bleiben wenige Minuten, bis die Nachricht ans Layout geht, dass „die Eins weg kann“, die letzte noch offene Seite des Tages, damit das Blatt in Druck geht.
In den vergangenen Monaten ist ein wunderbares Buch des Schriftstellers Uwe Johnson wieder entdeckt worden, die vierbändigen „Jahrestage“, einst in den Achtzigern fertiggestellt. In der akribischen Chronik begleitet die „New York Times“ mit ihren Nachrichten und Berichten Johnsons Protagonistin Gesine Cresspahl und die Leserinnen und Leser ein Jahr lang bis in den August 1968. Der Schauspieler Charlie Hübner hat es vor nicht langer Zeit gemeinsam mit Caren Miosga in einer feinen Hörbuchversion eingelesen. Es gehört zu jenen seltenen Büchern, die man an irgendeiner Stelle aufschlägt und schnell in eine eigene Welt eintauchen kann.
Gründliche Momentaufnahmen, so wahrhaftig wie möglich.
Die Zeitung ist wie ein tägliches Lebensmittel, das den Rahmen jener Zeit des Lebens von Gesine Cresspahl und ihrer Tochter Marie in New York bildet. Es sind gründliche Momentaufnahmen, die so genau und so wahrhaftig wie möglich sind, auch Fehler enthalten können. Johnsons Geschichte von damals passt zu den Begegnungen mit heutigen Leserinnen und Lesern der SZ, die oft über Monate Seiten oder Ausschnitte aufbewahren, um sie, wenn ein ruhiger Moment gekommen ist, noch zu lesen, oder an Freunde zum Lesen weiterzugeben, vielleicht an die Kinder oder Enkel. Oder die sehr genau verfolgen, wie die SZ auf der Homepage ein Ereignis begleitet und Zwischentöne beobachten.
Die SZ geht nicht mehr schlafen wie in jener Zeit, als am Ende eines langen Tages Schluss und die Zeitung auch in der letzten Version fertig gedruckt war. Und ein Ereignis aus der Nacht warten musste, bis es in die nächste gedruckte SZ kam. Heute scheint es oft, als ob die Nachrichten einander ablösen wie in einem Karussell, und die Aufgabe der Redaktion ist es, sie als Begleiter zu ordnen.
Was ist zu erwarten, was haben wir vielleicht übersehen?
Es dauert keine zwei Stunden, bis im Erdgeschoss des Turms die erste gedruckte Ausgabe ankommt. Oben ist die Zeit weitergegangen. Gegen 18 Uhr wird noch einmal getitelt am Newsdesk, die erste Version der digitalen Ausgabe der SZ, die Redakteurin liest nun die Überschriften für die erste Seite der grünen App vor, welche den Zugang zur Digitalausgabe bildet.
Zu einem Blick auf den Abend schalten sich die Redakteurinnen und Redakteure zusammen, die im Spätdienst den Abend beobachten: Was ist zu erwarten, was haben wir vielleicht übersehen? In Berlin trifft sich der Koalitionsausschuss, das Parlamentsbüro beobachtet das Geschehen. Das Expressteam in München stellt sich darauf ein, eine aktuelle Entscheidung schnell auf die Homepage zu bringen. Fast jeden Abend sorgt ein Ereignis dafür, dass alles anders wird.
Man plant, so sagte der gescheite und sehr lakonische Kollege, um was zu haben, das man umwerfen kann. Und wenn die Welt es so will, schaut man genau, ob es einen neuen Plan braucht.

