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70 Jahre Anschluss:"Die Österreicher waren genauso Täter"

Der Alpenstaat Österreich hatte praktisch keine Chance, sich gegen Hitlers "Anschluss" am 12. März 1938 zu wehren - auch wegen der "übereifrigen" Österreicher, behauptet der Wiener Historiker Gerhard Botz.

sueddeutsche.de: Am 15. März 1938 verkündete Adolf Hitler auf dem Heldenplatz in Wien unter dem Jubel Zehntausender "den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich". Woher kam diese Zustimmung vieler Österreicher für den "Anschluss"?

Gerhard Botz: Hitler war für viele Österreicher ein Idol! Er galt als erfolgreicher Landsmann. Nicht nur bei den Nationalsozialisten, die im autoritären Österreich im März 1938 zirka 25 bis 30 Prozent der Wählerschaft ausmachten. Man identifizierte sich mit dem großen Sohn, der in Deutschland so erfolgreich sein Regime aufbaute, die Arbeitslosigkeit beseitigte, die Wiederbewaffnung durchführte. Hitler weckte die Hoffnung der Menschen, die Österreich nach dem Zerfall des Habsburgerreiches am Boden sahen. Hitlers Reise durch Österreich ab dem 12. März 1938 wurde zu einem Triumphzug, der weit über den engen Nazikreis hinaus Menschen in den Bann zog.

sueddeutsche.de: Österreich war jahrhundertelang eine europäische Großmacht. Warum haben es die Österreicher akzeptiert, nur noch ein Anhängsel des großen Nachbarn zu sein?

Botz: Der Schock nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns war sehr groß. Nach dem Ersten Weltkrieg war der Großmacht-Status dahin. Österreich war kein Vielvölkerstaat mehr und die deutschsprachigen Österreicher wollten sich Deutschland zuwenden. Noch 1938 erwarteten viele, dass sie Wien neben Berlin als zweites deutsches Zentrum etablieren können. Die österreichischen Nazi-Cliquen in der Provinz hofften dagegen auf eine Degradierung Wiens, von dem sie sich geschurigelt fühlten. Sie wollten mehr Spielraum. Ihre Kalkulation ging auf: Hitler gewährte ihnen ein Maximum an Selbständigkeit.

sueddeutsche.de: Wie langfristig bereitete Hitler den "Anschluss" vor?

Botz: Schon in "Mein Kampf" hatte Hitler den "Anschluss" Österreichs als oberstes Ziel fixiert. Hitler sah Österreich auch als Sprungbrett in den Osten: Wenn er Österreich hat, kann er den ganzen Donau- und Balkanraum kontrollieren. Schon im November 1937 hat er seinen Generälen eröffnet, dass sie sich auf einen offenen militärischen Konflikt vorzubereiten hätten. Es ging zunächst darum, entweder die Tschechoslowakei oder Österreich fertigzumachen. Bei einer außenpolitisch günstigen Konstellation wollte Hitler zuschlagen.

sueddeutsche.de: Der österreichische "Ständestaats"-Kanzler Kurt Schuschnigg hatte nach Hitlers Drohung, mit der Wehrmacht in Österreich einzumarschieren, überraschend eine Volksbefragung über Österreichs Selbständigkeit für den 15. März 1938 angesetzt ...

Botz: ... und Hitlers "Anschluss"-Pläne damit ungewollt beschleunigt. Hitler war klar, dass Schuschnigg dieses Plebiszit manipulieren würde. Das Ergebnis wäre mit vielleicht 70 Prozent für Schuschnigg und gegen Nazi-Deutschland ausgegangen. Die Idee zur Volksbefragung kam aber viel zu spät. Das war eine Bombe, die Schuschnigg in der Hand zerplatzte.

sueddeutsche.de: Hatte Schuschnigg überhaupt eine Chance, Österreichs Souveränität zu wahren?

Botz: Früher ja, aber im Frühjahr 1938 hätte er nur noch eine Galgenfrist bekommen können. Der "Anschluss" wäre dann schleichend herbeigeführt worden. Hitler machte Schuschnigg am 12. Februar 1938 in Berchtesgaden zwischen Drohungen das Angebot, Österreich nur locker "anzuschließen". Schuschnigg wäre dabei als eine Art Landes-Reichsstatthalter abgespeist und Österreich mit scheinbarer Autonomie ausgestattet worden. Schuschnigg ging aber nicht auf Hitlers "Angebot" ein. Noch am Tag des deutschen Einmarsches wurde er verhaftet.

sueddeutsche.de: Hitler ließ sich die Vereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich nachträglich durch eine Volksabstimmung am 10. April 1938 absegnen. Zuvor waren prominente Persönlichkeiten wie der Wiener Kardinal Theodor Innitzer öffentlich für den Anschluss eingetreten. Gab es auch Kreise, die sich massiv dagegen gewehrt haben?

Botz: Ich zögere. Das Problem ist kompliziert, weil der "Anschluss" so blitzartig geschah. Vor ein paar Jahren sprach man in Österreich von "speed kills". Viele Gegner stellten sich damals nicht öffentlich gegen den "Anschluss", weil sie überrumpelt wurden. Nur einige Wenige waren bereit zum Widerstand. Im Ausland wetterte der junge Otto von Habsburg gegen den "Anschluss". In Österreich war zum Beispiel der "ständestaatliche" Bürgermeister von Wien, Richard Schmitz, bereit, die Bevölkerung zu mobilisieren; er ließ am 11. März die Rathauswache bewaffnen. Schmitz war ein rechtskatholischer, antisemitischer Politiker - aber ein absoluter Gegner des "Anschlusses". Er übergab das Rathaus erst, als die Nazi-Übermacht zu groß wurde. Er wurde dann in seinem Büro verhaftet und als einer der ersten nach Dachau gebracht. Daneben gab es auch Funktionäre der verbotenen kommunistischen und sozialistischen Parteien, hohe Beamte, Militärs und natürlich viele Juden die gegen diesen "Anschluss" waren.

sueddeutsche.de: Gerade Wien war sehr durch die jüdische Kultur geprägt. Direkt nach der Einverleibung begannen die Verfolgungen. Warum haben die Österreicher das akzeptiert?

Botz: Weil sie es selbst wollten. Der Antisemitismus war sehr stark verbreitet in Österreich. Man wollte die Juden wegbringen. Sofort nach dem Anschluss entlud sich die angestaute Aggression vieler Nazis und auch Nicht-Nazis gegenüber den Juden. Deren Verfolgung war in Wien populär. Man konnte sich auf Kosten der Juden bereichern, Frustrationspotentiale abreagieren, die Juden demütigen. Die Vernichtung der Juden hat das Land einer sehr wichtigen wirtschaftlichen und kulturellen Elite beraubt. Ein besonders kreativer Teil der Bevölkerung ging verloren. Ihr Besitz wurde arisiert. Nach 1945 waren viele Österreicher der Meinung: Das wollen wir nicht zurückgeben! Der Raub wurde nicht als Unrecht angesehen.

sueddeutsche.de: Warum nicht?

Botz: Nach dem Krieg waren die Hauptziele Wiederaufbau und politische Rekonstruktion. Die Regierung war vehement gegen die Rückkehr der Vertriebenen. Es gab sehr kurze Fristen, um Besitz zurückfordern zu können. Das wurde oft versäumt. In den fünfziger Jahren sagten auch viele Österreicher: Wir sind ja alle Opfer des Nationalsozialismus! Diese Position wurde international einigermaßen akzeptiert, anfangs auch von Israel.

sueddeutsche.de: Waren die Österreicher wirklich nur Opfer?

Botz: Österreich als Staat ist gezwungen worden zum "Anschluss". Aber die Österreicher waren genauso Täter wie die Deutschen. Vielleicht waren sie sogar noch übereifriger - das zeigt ihr Wahlverhalten am 10. April 1938, ihr Engagement in der NSDAP. Das hat man verdrängt mit der Opferthese. Bis heute will sich Österreich nicht als Täternation sehen. Ich denke aber, dass ein Umdenken eingesetzt hat. Das Insistieren auf der einfachen Opferrolle ist praktisch überwunden.

sueddeutsche.de: Wirkt der "Anschluss" im Deutschen-Bild der Österreicher noch heute nach?

Botz: Ja. Nach 1945 gab es in Österreich eine Art Anti-Germanismus. Viele sogenannte Reichsdeutsche sind ziemlich rüde und mit fremdenfeindlichen Begleittönen des Landes verwiesen worden. Diese antideutsche Prägung war Teil der österreichischen Nationsbildung. Bis zur Integration Österreichs in der Europäischen Union wurde eine gewisse Reserviertheit gegenüber der Bundesrepublik gewahrt. Hinter den Kulissen haben die politischen Eliten aber ganz gut zusammengearbeitet - und die Deutschen haben das Spiel der Österreicher geschickt mitgespielt.

Gerhard Botz, 66, ist einer der profiliertesten Forscher zum Nationalismus in Österreich. In diesen Tagen erscheint sein neu bearbeitetes, 734 Seiten umfassendes Standardwerk "Nationalsozialismus in Wien". (Mandelbaum-Verlag, 29,80 Euro)