68er-Bewegung:Hat sich der Marsch durch die Institutionen gelohnt?

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2. Juni 1967: Der Schah von Persien, Mohammad Reza Pahlavi, kommt mit seiner Frau Farah zum Staatsbesuch nach West-Berlin. Für die linksgerichteten Studenten der Stadt ein schöner Anlass, um gegen die Eliten dieser Welt zu demonstrieren. Weil die deutsche Staatsmacht immer härter gegen die Protestierenden vorgeht, Fotos und Filme macht, verteilen die Spaßrevoluzzer der Kommune I Papiertüten mit dem Gesicht des Schahs darauf. "Ich fand die Aktion sehr lustig", erinnert sich Koenigs. Doch was mit einem Scherz begann, endete mit einem Toten. Der Polizist Karl-Heinz Kurras, rechter Waffennarr und wie sich viel später herausstellte Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi, erschießt den 26-jährigen Benno Ohnesorg.

Es war der Moment, an dem sich große Teile der jungen Generation so extrem und stark politisierte, wie man sich das 50 Jahre später kaum mehr vorstellen kann. Der 23 Jahre alte Tom Koenigs lebte in West-Berlin, war nicht auf der Straße an dem Tag, er spricht von sich als damals "normalen, konservativen Studenten der Betriebswirtschaft", Spross einer reichen Bankiersfamilie. Durchaus bereit, seinen Unmut zu äußern; einmal hatte er an einem Marsch gegen die geplanten Notstandsgesetze teilgenommen, nach denen er eventuell als Reservist der Bundeswehr hätte eingezogen werden können. Aber die ganz große Revolte? Eher nicht.

Am 3. Juni 1967 ging der junge Koenigs in die Freie Universität Berlin. "Dort sprach sich herum, dass einer von uns erschossen wurde. Einer, der dort mitlief. Es war ein Angriff auf unsere Generation, so haben wir das sofort begriffen." In den Folgetagen protestieren Zehntausende Studenten in der Bundesrepublik gegen das Vorgehen der Polizei. Es war der Schulterschluss der Jungen, die keine Lust mehr hatten auf die alte Nachkriegsordnung, auf das Schweigen der Eltern über die Nazi-Verbrechen, auf die Prüderie und die Vorschriften. Der Kampf begann.

Einige wenige wählten später die Gewalt, viele wurden Lehrer oder Professoren an der Universität. Andere gingen den Weg in die eigentlich so verhassten Institutionen, wo aus ihrer Sicht die konservativen Kräfte herrschten, die sich gegen jede Veränderung stellten. Sie traten den "langen Marsch" an, wie es damals hieß in Anlehnung an den Mythos Mao Zedongs und der Kommunistischen Partei Chinas.

Koenigs wühlten die Ereignisse derart auf, dass er seine begonnene Karriere als Banker abbrach. Er schloss sich der Frankfurter Sponti-Szene mit Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit an, kämpfte auf der Straße, besetzte Häuser. Er schenkte sein vom Großvater geerbtes Geld ("irgendwas zwischen 500 000 und fünf Millionen Mark") dem Vietcong und einer chilenischen Widerstandsgruppe, arbeitete als Schweißer bei Opel, weil nach Vorstellung der Gruppe alle Macht von der Arbeiterklasse ausging und man nur dort die Revolution starten konnte. Zudem sei bereits Anfang der siebziger Jahre der Wunsch, eine Partei zu gründen, sehr groß gewesen, erzählt Koenigs. Im bundesdeutschen System gab es die CDU/CSU, die SPD und die FDP, linke Umwälzungen waren da nicht in Sicht. Koenigs wirkte stattdessen bei einer leninistischen Gruppe namens Proletarische Linke Parteiinitiative mit, "ein sofort scheiternder Versuch", wie er heute sagt. Die Debatten waren heftig, die Widersprüche auch.

Dass jemand mit einer solch brüchigen Biografie am Ende Kämmerer der Stadt Frankfurt wird, für die Vereinten Nationen im Kosovo, in Guatemala und Afghanistan arbeitet und schließlich acht Jahre im Bundestag sitzt, sagt viel über diese Zeit aus. Hat sich der Marsch durch die Institutionen gelohnt?

Bei diesem Begriff atmet Tom Koenigs tief durch, verschränkt die Arme vor der Brust, lehnt sich zurück. "Ich bin ja nicht durch die Institutionen marschiert, zumindest nicht überlegt." Es begann vielmehr damit, dass er bald eine Familie mit drei Kindern hatte, und trotz des Handwerker-Jobs, der Taxifahrerei und einiger Übersetzungs-Arbeiten das Geld nicht ausreichte. "Da hat es sich ergeben, dass die Grünen nach ihrer Gründung in Wiesbaden jemanden brauchten, der Bilanzen und Haushalte lesen konnte. Da bin ich reingerutscht. Ein paar Jahre später hieß es: Wir bauen das Umweltministerium auf, wer hat Ahnung von Verwaltung? Also Tom, mach mal!"

Hat es den Marsch der 68er also überhaupt gegeben? Wer sich durch die Literatur kämpft zu dem Thema, der fühlt sich zurückversetzt an einen Küchentisch in einer West-Berliner Wohngemeinschaft. Der Zigarettenrauch wabert zwischen Tisch und Lampe und drumherum wird debattiert, was das Zeug hält. Auf intellektuell selbstverständlich hochwertigem Niveau, aber in weiten Teilen ohne Möglichkeit auf Kompromisse. Hier diejenigen, die den Marsch mit der rot-grünen Koalition unter Kanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer als erfolgreich abgeschlossen sahen. Dort die Gruppe, für die er der reine Mythos bleibt, weil die Protagonisten als Amtsträger längst nicht die gleichen Ziele verfolgt hätten wie die Spontis von der Straße Jahrzehnte zuvor.

Unbestritten ist, dass die 68er immer mitreden wollten, mitstreiten um die Meinungshoheit über den richtigen Weg. Eine Stimme, die leiser geworden ist in den vergangenen Jahren und die droht, bald ganz zu verhallen. Tom Koenigs bleibt mit 73 Jahren nur, sich auf die Jüngeren zu verlassen, damit sein Erbe nicht kaputt gemacht wird von den neuen starken Gegnern, die meist von rechts daherkommen. Was wünscht so einer der Generation seiner Kinder und Enkel? Koenigs wird nachdenklich, fast bekümmert. "Die großen Institutionen Nato, EU, UN, die den Frieden erhalten, mir von 73 Jahren 72 in Frieden beschert haben, die sind so wichtig, dass ich ihnen sagen würde: Diese Institutionen müsst ihr verbessern, dürft sie aber nicht aufgeben." Die Revoluzzer von einst, sie sind Bewahrer geworden.

Was von den 68ern bleibt
68er Revolte

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