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68er-Bewegung:Was die 68er wollten

Was wollten die 68er eigentlich?

Irgendwas mit Neo-Sozialismus. Aber im Ernst. Spezifischer wurde das kaum, der SDS löste sich auch schnell auf und zerstreute sich - wenn auch nicht nur - in alle möglichen Sekten. Wenn es bei den zahllosen Teach-ins dieser Tage einmal ernst wurde, dann wich man derartigen Nachfragen mit dem Argument aus, dass man sich auf keine Zukunftsprojektionen festlegen dürfe. Es gab so etwas wie ein politisch begründetes Utopieverbot.

Manche sind in den Terrorismus abgeglitten ...

Weil sie glaubten, dass der Faschismus wieder vor der Tür steht. Das habe ich für Hysterie gehalten. Auch halte ich das Diktum, dass sich Kapitalismus und Demokratie zwangsläufig ausschließen, für einen Kardinalfehler der 68er. Allerdings trifft ihre scharfe Kritik an der parlamentarischen Demokratie in mancher Hinsicht noch heute zu. Schauen Sie sich etwa den grassierenden Lobbyismus in Berlin und Brüssel an.

Kolumne von Norbert Frei Die wilden 67er Bilder
68er Bewegung

Die wilden 67er

Der Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 war der Auftakt dessen, was wir heute als "68er Bewegung" kennen. Er verwandelte den Protest der linken Studenten in eine breite antiautoritäre Revolte, die ganz Deutschland erfasste.   Von Norbert Frei

Wo schlagen sich heute noch die kulturellen Einflüsse der 68er nieder?

Das ist ein großes Kapitel und lässt sich in wenigen Sätzen nur streifen. Die Grünen sind zu einem nicht unerheblichen Teil ein Spätprodukt dieser Zeit. Auch der Spielraum für persönliche Entwicklungen erweiterte sich maßgeblich: So können sich selbst konservative Politiker heute zu ihrer Homosexualität bekennen, ohne Nachteile für ihre politische Karriere befürchten zu müssen.

Außenminister Joschka Fischer, Innenminister Otto Schily und Kanzler Gerhard Schröder sind auch schon wieder Geschichte ...

Schröder selbst lehnte es explizit ab, sich als 68er zu verstehen. Er war später allerdings eine Zeit lang Bundesvorsitzender der Jusos. Schily war damals bereits ein prominenter Anwalt und stand (obwohl er sich hin und wieder an Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg beteiligte) der Bewegung eher distanziert gegenüber. Allein Joschka Fischer war im damaligen Kabinett ein klassischer 68er. Obwohl er kein Akademiker war und nie studiert hat. Er hat sich wie ein Autodidakt alles selbst beigebracht und blieb so etwas wie die paradox anmutende Figur eines intellektualisierten Nichtintellektuellen.

Und jetzt werden wir mit Kanzlerin Angela Merkel von den 89ern regiert?

Die Redewendung von den "89ern" halte ich für ein bloßes Konstrukt. Der Begriff "68er" ist kaum weniger problematisch. Diese Bezeichnung hat sich erst in der Rückerinnerung nach den zuvor benutzten Bezeichnungen "Studentenbewegung" und "APO" durchgesetzt. Das war vor allem medial als Abgrenzung zur damaligen "No-Future-Bewegung" gedacht, jener Jugendbewegung, die durch Hausbesetzungen und Nacktdemonstrationen für Aufsehen sorgte. Quantitativ betrachtet waren es auch weitaus weniger Demonstranten, die zwischen 1967 und 1969 auf den Straßen waren als in den fünfziger Jahren. Selbst zu seinen besten Zeiten hatte der SDS bundesweit nicht mehr als 2500 Mitglieder. Die größte Demonstration, der "Sternmarsch auf Bonn" am 11. Mai 1968, hatte 60 000 Teilnehmer. Im Vergleich dazu demonstrierten gegen den Nato-Doppelbeschluss zu Beginn der 80er Jahre Hunderttausende.

Warum haben die damaligen Studenten in der Geschichtsschreibung dann so einen großen Stellenwert gewinnen können?

Ich denke, dass mit ihnen ein neuartiges Verständnis des Politischen aufgekommen ist. Eines, das stark subjektiv geprägt war und bei dem es vorrangig um Emanzipation ging. Den meisten Demonstranten ging es immer auch um die eigene "Selbstbefreiung". Das war neu - und das Ziel, alles in Frage stellen und ausprobieren zu wollen, das hatte es zuvor - und wenn ich mich nicht sehr irre - auch danach nicht wieder gegeben. Das war eine einzigartige historische Signatur.

"1968" wird verehrt - und von der Alternative für Deutschland verteufelt ...

Die AfD steht als rechtspopulistische Partei für eine ganz andere Politik und Geisteshaltung als die 68er. Sie versucht in gewisser Weise das Rad der Geschichte zurückzudrehen und stellt insofern eine Art Konterrevolution dar. Ein AfD-Demagoge wie Björn Höcke möchte die NS-Vergangenheit am liebsten wie ein bloßes Vergangenheitsrelikt abschütteln, um Deutschland als "normale" Nation wieder feiern zu können.

Warum ist in diesen Kreisen der Hass auf Angela Merkel so groß?

Weil sie glauben, dass die konservativ ausgerichtete CDU "sozialdemokratisiert" wurde. Dass sich die Bundesregierung Themen wie die Emanzipation der Frau und die Schwulenehe zum Teil zu eigen gemacht hat. Aber vielleicht reicht es denen auch, dass mit Merkel eine Frau hat Kanzler bzw. Kanzlerin werden können.

Warum arbeitet sich die AfD so stark an den 68ern ab?

Begonnen hat das Ende der 80er Jahre mit der von Helmut Kohl bemühten "geistig-moralischen Wende". Die AfD grenzt sich gegenüber den 68ern schon in ihrem Parteiprogramm ab - und sie trifft mit ihrer Anti-68er-Suada auch einen politischen Punkt: Denn aus ihrer Sicht bewegt sich die CDU unter Angela Merkel immer stärker auf den soziokulturellen Pfaden der 68er. Ich würde die von den Christdemokraten vollzogenen Veränderungen als Modernisierungsstrategie bewerten, die vom Erbe der 68er-Bewegung weitgehend abgekoppelt zu betrachten ist. Aber die AfD-Leute sehen darin die Aufkündigung ihrer konservativen Werte, nicht ganz zufällig stammen viele ihrer Wähler ursprünglich aus der CDU.

Die AfD beklagt die "Verlotterung" der Sitten durch die 68er.

Die 68er haben im engeren politischen Sinne fast nur Niederlagen einstecken müssen. Gleichzeitig haben sich Kinderläden entwickelt, eine andere Form der Pädagogik an den Schulen wurde praktiziert sowie mehr Mitbestimmung an den Universitäten durchgesetzt. Oder denken Sie an die Wohngemeinschaften, die ein ganz normales Modell des Zusammenlebens wurden, die aber erstmals mit den Kommunen entstanden waren. All das hat den soziokulturellen Wandel der Gesellschaft beschleunigt und ist unter der sozialliberalen Koalition der 70er Jahre in viele Reformprojekte eingeflossen. In der Folge der 68er-Bewegung haben sich rund 50 000 Bürgerinitiativen gebildet. Das war ein unglaublicher Input, der nur durch die Überzeugung, dass man sein gesellschaftliches Anliegen selbst in die Hand nehmen müsse, entstehen konnte.

Heute nennt man das Zivilgesellschaft ...

... und genau die ist damals massiv gewachsen und hat die deutsche Gesellschaft bis in ihre Tiefendimension hinein verändert.

Was verbinden Sie mit der 68er-Bewegung? Erzählen Sie uns hier Ihre Geschichte. Die besten werden auf SZ.de veröffentlicht.

Was von den 68ern bleibt
68er Revolte

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