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68er-Bewegung:Wann die Studentenproteste begannen

Eigentlich begann das, was wir unter 1968 verstehen schon 1967. Oder noch früher?

Die ersten direkten, dynamischen Aktionen begannen in Berlin Ende 1964 mit der Demonstration gegen den kongolesischen Separatisten-Politiker Moïse Tschombé, den man völlig zu Recht für den Mord an dem ersten demokratisch gewählten Premier des Kongo, Patrice Lumumba, verantwortlich machte. Die Proteste haben sich in den Jahren darauf peu à peu gesteigert und sind schließlich am 2. Juni eskaliert.

War der Vietnamkrieg der Brandbeschleuniger?

Es gab schon in den 50er Jahren Proteste gegen den Koreakrieg, die Wiederbewaffnung und insbesondere gegen die von Strauß geplante Atombewaffnung der Bundeswehr. Ab Mitte der 60er Jahre sah man aber Abend für Abend via TV Bilder vom ebenso brutalen wie menschenverachtenden Krieg der USA in Vietnam. Dann drehte sich auch in der Öffentlichkeit der Wind. Es war ein grausamer Krieg unserer Schutzmacht USA, inklusive Verbrechen amerikanischer Soldaten. Für die Nachkriegsgeneration, die den USA so viel zu verdanken hatte, entstand ein moralischer Zwiespalt.

Diese Verbrechen beschädigten das gute Bild von den amerikanischen Befreiern.

Ich würde sogar sagen, es entstand eine tiefgehende Vertrauenskrise. Zum einen existierte ohnehin ein starkes Misstrauen wegen der unzureichend verarbeiteten Nazi-Vergangenheit. Zum anderen kam nun das Schweigen der deutschen Politiker zum Vietnamkrieg hinzu. Selbst ein Mann wie Willy Brandt brachte es nicht fertig, sich als Außenminister der Großen Koalition zum mörderischen Geschehen in Südostasien zu äußern.

68er-Bewegung Fragen über Fragen im Fall Ohnesorg
Berlin, 6. Juni 1967

Fragen über Fragen im Fall Ohnesorg

Unzulässige Vernebelungstaktik der Behörden bei der Suche nach dem Schuldigen. Wie die "Süddeutsche Zeitung" am 6. Juni 1967 die Ungereimtheiten zum Tode des Studenten Benno Ohnesorg kommentierte.   Von Willi Kleinigkeit

Es entstand ein Generationenkonflikt?

Genau. Exemplarisch dafür steht Peter Brandt, der älteste Sohn von Willy. Während er demonstrierte, schwieg sein Vater beharrlich. In gewisser Weise brach ein binnenfamiliärer "Krieg" aus, der sich zehntausendfach in den Familien abspielte.

Was trug noch zum Aufbegehren gegen Amerika bei?

Als John F. Kennedy 1963 auf offener Straße ermordet wurde, war das insbesondere für die junge Generation ein großer Schock. Wie kein anderer US-Präsident verkörperte er die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Als dann im April 1968 auch noch Martin Luther King und bald darauf Robert Kennedy erschossen wurden, schien das Vertrauen in den amerikanischen Staat vollends verspielt zu sein. Alle drei standen für das andere Amerika, ein besseres Amerika. Keiner dieser Morde ist vollständig aufgeklärt worden und es ist bis heute offengeblieben, welche Geheimdienste ihre Finger mit im Spiel hatten. Durch diese drei Taten setzte sich bei vielen fest, dass etwas mit den USA nicht stimmen könne.

Sie erwähnten auch die fehlende Aufarbeitung der Nazizeit. Aber es gab den engagierten hessischen Staatsanwalt Fritz Bauer, der Eichmann- und die Auschwitz-Prozesse begannen bereits Anfang der 60er Jahre. Was haben die 68er damit zu tun?

Mehr, als man ihnen heute zugestehen möchte. Zwar regte sich bereits in den 50er Jahren Protest gegen Veit Harlan, den Regisseur des antisemitischen Hetzfilms "Jud Süß". Der Kern jener Demonstranten, die sich vor den Kinos versammelten, bestand damals schon aus Studenten. Auch sein Sohn Thomas Harlan setzte sich öffentlich mit seinem Vater und der NS-Vergangenheit auseinander. Er arbeitete auf das Engste mit Fritz Bauer zusammen und unterstützte ihn bei der Vorbereitung des Auschwitz-Prozesses. Besonders in der Zeit zwischen 1962 und 1965 nahmen Studenten die Nazi-Vergangenheit ihrer Professoren unter die Lupe. Sie stießen nicht selten bei jenen auf explizit antisemitische Schriften, bei denen sie in den Vorlesungen saßen. Ihnen wurde dadurch klar, wie tief und weit die Verstrickungen der bundesrepublikanischen Gesellschaft in die Nazizeit reichten. Ralf Dahrendorf, der linksliberale Soziologe und spätere FDP-Politiker, machte sich in Tübingen mit einer Ringvorlesung um die Aufklärung über "die braunen Universitäten" verdient. Das Bewusstsein von der Schuld der Elterngeneration sickerte mehr und mehr ins Bewusstsein der neuen Generation ein.

Wolfgang Kraushaar

Wolfgang Kraushaar: Die Proteste haben sich peu à peu gesteigert und sind schließlich am 2. Juni eskaliert

(Foto: dpa)

Die drei Schüsse auf Rudi Dutschke führten zu einer weiteren Eskalation. "Die Kugel Nummer 1 stammt aus Springers Blätterwald", sang später Wolf Biermann.

Die Verantwortung für das Attentat hat man gleich dem Axel-Springer-Verlag in die Schuhe schieben wollen. Doch der Attentäter, der Münchner Rechstextremist Josef Bachmann, hatte bei seiner Fahrt nach Berlin die Deutsche National- und Soldatenzeitung von Gerhard Frey dabei. Und da stand tatsächlich drin: "Stoppt Dutschke jetzt! Sonst gibt es Bürgerkrieg." Durch diese Hetze scheint Bachmann in erster Linie beeinflusst gewesen zu sein. Das ändert nichts daran, dass viele Springer-Blätter und insbesondere die Bild-Zeitung die studentischen Proteste geradezu verteufelt haben. Deshalb war die Empörung der Studenten darüber völlig legitim. Dass allerdings am Abend des Dutschke-Attentats Lieferwagen der Springer-Presse angesteckt wurden, war in dem konkreten Fall durch eine zu leichtfertige Schuldzuweisung entstanden.

Auf den Fotos der Demonstrationen von damals sieht man neben Bildern von Che Guevara und Ho Chin Min auch Mao. Zeitgleich tobte die Kulturrevolution in China. Hatte die deutschen Studenten davon nichts mitbekommen?

Das war reine Unkenntnis - obwohl man es eigentlich besser hätte wissen können. Zwar gab es noch kein umfassendes Bild von den Säuberungen und Hinrichtungen unter Mao Zedong, aber deutsche und internationale Zeitungen berichteten durchaus von den Gräueltaten der "Kulturrevolution", bei denen Hunderttausende umgekommen sind.

Wer fing mit dieser Ikonografie an?

Die Mitglieder der Kommune I bezeichneten sich als Erste als Maoisten und beriefen sich sogar auf das chinesische Modell der Volkskommunen, das sollte die Keimzelle einer Gegengesellschaft werden. Es ging dabei letztlich um die Abschaffung der bürgerlichen Kleinfamilie durch einen Kommunenverband. Die Kommunarden haben sich in der chinesischen Botschaft in Ostberlin das Rote Büchlein besorgt und es vertrieben. Dadurch finanzierten sie sich zu einem nicht unerheblichen Teil.