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60. Todestag von Josef Stalin:Meister der Schuld

Allgegenwärtig: Viele Russen gedenken an diesem Tag Josef Stalin.

(Foto: AFP)

Stalins Sowjetunion war Siegermacht und Diktatur zugleich, nach außen stark, im Inneren zerrüttet. 60 Jahre nach Stalins Tod hat sich Russland noch nicht erholt - die Aufarbeitung fehlt, doch das Trauma ist sichtbar.

"Er ist gestorben, der asiatische Diktator! Abgeschrappt, der Bösewicht! Hier aber stehen russische Mädchen und schluchzen hemmungslos. Wie schön wäre es, ihnen über den Platz hinweg zuzurufen: na und? Dafür wird man eure Eltern nicht mehr erschießen! Ich habe Lust zu johlen. Doch wehe, die Ströme der Geschichte fließen langsam. Und so setze ich meinem bestens trainierten Gesicht die Grimasse gramvollen Lauschens auf. Einstweilen - verstell dich wie gewohnt."

So hat sich Alexander Solschenizyn, der Dissident und Nobelpreisträger, in seinem Jahrhundertwerk Der Archipel Gulag an den Tod Josef Stalins am 5. März 1953 erinnert. Bei der Aufbahrung der Leiche im Gewerkschaftshaus in der Moskauer Innenstadt starb eine unbekannte Anzahl Menschen im Gedränge. Die Gemüter waren gespalten zwischen Frohlocken und Entsetzen. Zu groß war das Leiden für die einen, der Ruhm für die anderen gewesen. Man ließ sich Zeit, die Toten und die Leidtragenden von nahezu 30 Jahren Terror zu rehabilitieren. Der Sowjetbürger trug bald wieder die Maske der Indifferenz.

Herrscher mit eiserner Faust

Jüngst hat der russische Vizepremier Dmitrij Rogosin angeregt, die Stadt Wolgograd in Stalingrad zurückzutaufen. "Ich halte das für eine gute Idee, auch aus wirtschaftspolitischen Erwägungen", twitterte Medwedjews Stellvertreter. Popularitätsumfragen zufolge genießt Stalin ein stabil hohes Ansehen in Russland, während Gorbatschow am untersten Rand der Skala rangiert. Wann immer die autoritäre Ordnung auf dem Spiel stand, während der Perestroika oder Boris Jelzins Entstaatlichungsprojekten, in Währungskrisen und nach Bombenattentaten, träumten Millionen Russen von einem neuen Herrscher mit eiserner Faust, der den Plunder der westlichen Demokratie abräumen würde.

Allerdings gibt es auch triftige rationale Argumente. Stalin steht für den Sieg über den Hitlerfaschismus. 22 Millionen Opfer hat der Große Vaterländische Krieg gekostet. Zum Tag des Sieges am 9. Mai versammeln sich noch immer die Veteranen und demonstrieren den Stolz einer Generation, die sich als Erfüller einer Weltmission verstanden hat.

30 Jahre systematische Menschenvernichtung

Solschenizyn mag gewusst haben, dass es nicht so leicht sein würde, den Bösewicht zu entlarven. Als 1974 der KGB das Archipel-Manuskript entdeckte, musste der Schriftsteller dies mit Ausbürgerung bezahlen. Zehntausende folgten, nach Israel, Deutschland, in die USA. Sie ließen ein zerrissenes Land zurück. Stalin war ein genialer Meister der Schuld gewesen, und dieses Talent erwies sich als ein langlebiger Fluch. Wen er heute mit blutigen Geschäften betraute, der kam morgen selbst in ihnen um. Täter wurden zu Opfern, Opfer zu Tätern.

Stalins Sowjetunion war nach außen eine Siegermacht, nach innen, tief drinnen, eine Gesellschaft, in der Gut und Böse, Himmel und Hölle ununterscheidbar geworden waren. Jede Familie hatte hochdekorierte Soldaten und ausgestoßene Lagerhäftlinge vorzuweisen, Tote und Überlebende. Ein dämonisches Schweigen breitete sich aus über 30 Jahre systematischer Menschenvernichtung.