60 Jahre Joschka Fischer:Durch dick und dünn

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Dem Außenminister sind Statussymbole nicht so wichtig

60 Jahre Joschka Fischer: Der damalige hessische Umweltminister Joschka Fischer während der Bundestagsdebatte über den Reaktorunfall von Tschernobyl.

Der damalige hessische Umweltminister Joschka Fischer während der Bundestagsdebatte über den Reaktorunfall von Tschernobyl.

(Foto: Foto: AP)

Oh, wie er lacht! Das Jahr 2000: Zeitenwende, CDU-Spendenskandal, Cohiba-Schröder, Cerruti-Fischer, Deutschland rot-grün. Gab es jemals einen anderen Außenminister? Fischer fährt in sechs Autos mit 37 Leibwächtern. Legt aber keinen Wert auf Status. Sagt er. Alles, was er tut, ist ein Ereignis. Jeder, der Fischer mal gesehen hat, schreibt jetzt ein Buch über ihn. Fischer hält alle, die über ihn schreiben, für Idioten. Es sei denn, er selbst schreibt über sich. Fischer schreibt eigentlich nur über sich.

Fischer erfindet in dieser Zeit: das neue Europa; den islamischen Krisengürtel; die ultimative Nahost-Initiative; die, sehr ungewöhnlich für ihn, respektvolle Beziehung zu einer Frau (Madeleine Albright); das Interview-Jogging. Ansonsten gibt Kellner Fischer dem Koch Schröder den Eindruck, der Koch sei der Restaurantbesitzer, obwohl der Kellner in Wirklichkeit Schutzgeld kassiert, von dem der Koch aber nichts weiß. Fischer ist beliebter als Schröder und wird wieder dicker.

Die Taxipappe und das Schrödinger-Theorem

DOKTOR Fischer. Ha! Ehrendoktor in Haifa, später auch in Tel Aviv, noch später Professor - HA!! - in Princeton. Die Rache des Autodidakten, dessen bedeutendstes Zeugnis der Personenbeförderungsschein, die Frankfurter Taxipappe, ist. Fischer hat viel gelesen, hat etliche Bücher geklaut und war sogar mal Buchhändler. Hat nicht alles verstanden, was er gelesen hat. Kann aber so sprechen, dass man meint, er hätte alles verstanden. Alles, wirklich alles. Sogar das Schrödinger-Theorem und Werner Schulz.

Fischer behängt sich, je nach Lebensphase, mit unterschiedlichen intellektuellen Schmuck-Objekten: Erst sind es die Radikalen, dann linke Philosophen, dann eine Zeitlang sogar Journalisten, aber nur solche, die heute schon tot sind oder der Ewigkeit nahestehen, also in der Zeit schreiben. Nach den Journalisten kamen Größtpolitiker (Arafat, Powell, Condi). Zur Zeit umgibt er sich mit nachdenklichen Spitzenmanagern. Doch, die gibt's. Gibt ja auch Prof.Dr. J. Fischer.

Wenn er wohlbeleibt ist, ist er glücklich

Fischer und die Frauen. Oh je. Das ist kein weites Feld, sondern eine unendliche Geschichte. Unter den Frauen, die professionell seinen Weg gekreuzt haben, gibt es eine Reihe großer Fischer-Hasserinnen, die ihn für einen grässlichen Macho im grünen Tarngewand halten. Zu seiner Ehrenrettung muss man allerdings sagen, dass er über seine grünen Mitstreiter immer ganz unabhängig von deren Geschlecht hergezogen hat.

Fischer gehört einfach zu jener Spezies Mensch, über die man in Amerika sagt: "He doesn't suffer fools gladly", Narren erträgt er nicht fröhlich. Für Narren hält Fischer, wie schon angedeutet, etwa 99,87 Prozent jener Menschen, mit denen er in Kontakt kommt. Etliche der noch verbleibenden 0,13 Prozent heiratete er, oder erwog zumindest kurzzeitig eine Hochzeit. Wenn er glücklich ist, sieht man es, weil er dann ziemlich schnell ziemlich viel isst und auch trinkt. Derzeit ist er wieder wohlbeleibt. Das ist schön für ihn und seine Gattin Minu Barati.

Mein Glück, mein Geld, mein Haus, mein Hund

Man kann Fischer für vieles loben und für manches tadeln. Zu loben ist die Art seines Abschieds aus der Politik. 2005 legte er nochmal einen Nach-mir-gibt-es-keine-richtigen-Politiker-mehr-Wahlkampf hin. Für Rot-Grün reichte es natürlich nicht. Gospodin Gerhards ganz persönliche Neuwahl sollte auch dazu dienen, Rot-Grün zu beenden. Man verlor, und wenig später sagte Fischer: Ich geh jetzt. Und er ging.

Anders als sein Feindfreund Schily sowie diverse rote und grüne Auslaufmodelle hängt Fischer nicht mehr im Bundestag herum. Er macht auch kaum Surrogatpolitik, jedenfalls keine Parteipolitik. Das ist angenehm. Für ihn ist es auch angenehm. Er hält gegen viel Geld Vorträge, lebt in einem Haus, das er sich früher nicht zu besetzen getraut hätte, und hat jetzt auch einen Hund. Benno heißt der. Joschka Fischer geht es bürgerlich gut. Das sei ihm gegönnt, auch weil er für sich und für dieses Land viel geleistet hat.

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