60 Jahre Joschka Fischer:Durch dick und dünn

Lesezeit: 5 min

Heute feiert Joschka Fischer seinen 60. Geburtstag. Wie aus einem Frankfurter Revoluzzer und Steinewerfer ein Weltstaatsmann wurde.

Kurt Kister

Katholischer Metzgersbub mit Hang zur Weltrevolution

Joschka Fischer 60

Joschka Fischer bei einer Demonstration auf der Frankfurter Einkaufsstraße Zeil.

(Foto: Foto: dpa)

Wahrscheinlich wäre der Sozialismus auch gescheitert, wenn sich Joschka Fischer nicht so lang für seinen Erfolg eingesetzt hätte. Der katholische, alsbald aber revolutionäre Metzgersbub mit donauschwäbischen Wurzeln wird am 12. April 1948 in Gerabronn geboren. Seltsamerweise stammt da auch der Genusskoloss Rezzo Schlauch her. In jungen Jahren versteht sich Fischer besser aufs Abbrechen als aufs Aufbauen: Das Gymnasium bricht er in der Zehnten ab, die Fotografenlehre bald darauf.

Mit 19 heiratet er zum ersten Mal. Vier seiner bisher fünf Ehen endeten vorzeitig. Man fragt sich, warum ein Mann, der aus so viel Schaden so klug geworden ist, andauernd heiratet. Ach ja, physisch gewalttätig gegen Andersdenkende war er früher auch: In Frankfurt hat er Steine gegen Polizisten geworfen, Molotowflaschen gebastelt, Häuser besetzt. Das mit der körperlichen Brutalität hat er irgendwann eingestellt und sich dann mehr auf psychische und politische Gewalt verlegt.

Wie sich das Leben ändert: Montalcino statt Marrakesch

Wenn wir alle längst Staub geworden sein werden, wird Joschka Fischer immer noch der Turnschuhminister sein. 1985 entsteht in Hessen die erste rot-grüne Koalition und der SPD-Betonmann Börner, dessen Leibesumfang Fischer später auch noch erreichte, muss mit dem ersten grünen Minister der Weltgeschichte leben: Joschka Fischer. Der lief schon damals, wie leider noch heute mancher Unbelehrbare, in hellen Turnschuhen herum.

Im Zuge seines Lebens hat sich einiges an Fischer positiv gewandelt, manches auch verschlechtert. Seine Kleidung ist viel besser geworden, und das, woran er sich gelegentlich berauscht, kommt heute eher aus Montalcino denn aus Marrakesch. 1987 zerbricht die rot-grüne Koalition in Hessen, 1991 gibt es eine Neuauflage unter Hans Eichel, dem nachmaligen Sparschwein-Eichel. Fischer wird wieder Minister und sogar Vize-Ministerpräsident. Er ist der Etablierteste unter den Nicht-Etablierten und benutzt Fremdwörter, als habe er Abitur.

Flocke, Colonel Hathi und Trittins Stalinbart

Nicht nur, weil er Geburtstag hat, muss das auch wieder mal gesagt werden: Dass sich die Grünen mit den Parteipromis so schwer tun, hängt entscheidend damit zusammen, dass es keine promitauglichen Grünen gibt - außer Fischer natürlich. Weder der meuchlerische Trittin mit seinem immerwährenden, wenn auch abrasierten Stalinbart noch die kratzbürstige Politpflegerin Künast noch all die Fritzen, Claudis und Wolfis sind es.

Der Joschka war es, schon immer, und das konnten die anderen nicht ab, weswegen sie immer Intrigen spannen. Dann aber streckte Fischer wie auf unten stehendem Bild den, mit Verlaub, Herr Präsident, Arsch heraus und winkelte die Arme geiergleich an. So wehrte er alles ab und begründete es noch dazu mit ebenso wohlformulierter wie übler Nachrede. Er ist, was er gerne hört, eben ein political animal durch und durch. Allerdings weniger Flocke als vielmehr eine Chimäre aus der Schlange Kaa und Colonel Hathi, dem dicken Elefanten-Boss.

Schwäbischer Fleiß, äußerst bewunderungsanfällig

Ach, was war er dünn am Höhepunkt seines politischen Lebens! 1998 schließt er in Bonn am Rhein mit Gospodin Gerhard (unten im Bild, im Hintergrund ein Dolmetscher) den politischen Bund, der so lange halten sollte wie Fischers 2. und 4. Ehe zusammen. Der Marathonläufer aus Liebeskummer ist nun Außenminister. Und Vizekanzler. Was für eine erstaunliche Karriere!

Es gibt wohl niemanden, dessen Lebensweg so anschaulich auch in den Extremen zeigt, was die Bundesrepublik von Adenauer bis, je nun, Joschka Fischer war und wurde. In engen Verhältnissen geboren, als junger Mann mehr Existenz denn Existentialist, als Reifender ein Gelegenheitsergreifer, als Gereifter eine Symbolfigur mit hoher Identifikationskraft. Stets ein Überzeugungstäter. Manchmal Opportunist, immer selbstbewusst bis scheußlich arrogant. Eher selbstmitleidig als mitleidend. Schwäbischer Fleiß. Äußerst bewunderungsanfällig.

Lesen Sie auf der folgenden Seite, wie Fischer seinen Abschied hingekriegt hat.

Durch dick und dünn

Dem Außenminister sind Statussymbole nicht so wichtig

60 Jahre Joschka Fischer: Der damalige hessische Umweltminister Joschka Fischer während der Bundestagsdebatte über den Reaktorunfall von Tschernobyl.

Der damalige hessische Umweltminister Joschka Fischer während der Bundestagsdebatte über den Reaktorunfall von Tschernobyl.

(Foto: Foto: AP)

Oh, wie er lacht! Das Jahr 2000: Zeitenwende, CDU-Spendenskandal, Cohiba-Schröder, Cerruti-Fischer, Deutschland rot-grün. Gab es jemals einen anderen Außenminister? Fischer fährt in sechs Autos mit 37 Leibwächtern. Legt aber keinen Wert auf Status. Sagt er. Alles, was er tut, ist ein Ereignis. Jeder, der Fischer mal gesehen hat, schreibt jetzt ein Buch über ihn. Fischer hält alle, die über ihn schreiben, für Idioten. Es sei denn, er selbst schreibt über sich. Fischer schreibt eigentlich nur über sich.

Fischer erfindet in dieser Zeit: das neue Europa; den islamischen Krisengürtel; die ultimative Nahost-Initiative; die, sehr ungewöhnlich für ihn, respektvolle Beziehung zu einer Frau (Madeleine Albright); das Interview-Jogging. Ansonsten gibt Kellner Fischer dem Koch Schröder den Eindruck, der Koch sei der Restaurantbesitzer, obwohl der Kellner in Wirklichkeit Schutzgeld kassiert, von dem der Koch aber nichts weiß. Fischer ist beliebter als Schröder und wird wieder dicker.

Die Taxipappe und das Schrödinger-Theorem

DOKTOR Fischer. Ha! Ehrendoktor in Haifa, später auch in Tel Aviv, noch später Professor - HA!! - in Princeton. Die Rache des Autodidakten, dessen bedeutendstes Zeugnis der Personenbeförderungsschein, die Frankfurter Taxipappe, ist. Fischer hat viel gelesen, hat etliche Bücher geklaut und war sogar mal Buchhändler. Hat nicht alles verstanden, was er gelesen hat. Kann aber so sprechen, dass man meint, er hätte alles verstanden. Alles, wirklich alles. Sogar das Schrödinger-Theorem und Werner Schulz.

Fischer behängt sich, je nach Lebensphase, mit unterschiedlichen intellektuellen Schmuck-Objekten: Erst sind es die Radikalen, dann linke Philosophen, dann eine Zeitlang sogar Journalisten, aber nur solche, die heute schon tot sind oder der Ewigkeit nahestehen, also in der Zeit schreiben. Nach den Journalisten kamen Größtpolitiker (Arafat, Powell, Condi). Zur Zeit umgibt er sich mit nachdenklichen Spitzenmanagern. Doch, die gibt's. Gibt ja auch Prof.Dr. J. Fischer.

Wenn er wohlbeleibt ist, ist er glücklich

Fischer und die Frauen. Oh je. Das ist kein weites Feld, sondern eine unendliche Geschichte. Unter den Frauen, die professionell seinen Weg gekreuzt haben, gibt es eine Reihe großer Fischer-Hasserinnen, die ihn für einen grässlichen Macho im grünen Tarngewand halten. Zu seiner Ehrenrettung muss man allerdings sagen, dass er über seine grünen Mitstreiter immer ganz unabhängig von deren Geschlecht hergezogen hat.

Fischer gehört einfach zu jener Spezies Mensch, über die man in Amerika sagt: "He doesn't suffer fools gladly", Narren erträgt er nicht fröhlich. Für Narren hält Fischer, wie schon angedeutet, etwa 99,87 Prozent jener Menschen, mit denen er in Kontakt kommt. Etliche der noch verbleibenden 0,13 Prozent heiratete er, oder erwog zumindest kurzzeitig eine Hochzeit. Wenn er glücklich ist, sieht man es, weil er dann ziemlich schnell ziemlich viel isst und auch trinkt. Derzeit ist er wieder wohlbeleibt. Das ist schön für ihn und seine Gattin Minu Barati.

Mein Glück, mein Geld, mein Haus, mein Hund

Man kann Fischer für vieles loben und für manches tadeln. Zu loben ist die Art seines Abschieds aus der Politik. 2005 legte er nochmal einen Nach-mir-gibt-es-keine-richtigen-Politiker-mehr-Wahlkampf hin. Für Rot-Grün reichte es natürlich nicht. Gospodin Gerhards ganz persönliche Neuwahl sollte auch dazu dienen, Rot-Grün zu beenden. Man verlor, und wenig später sagte Fischer: Ich geh jetzt. Und er ging.

Anders als sein Feindfreund Schily sowie diverse rote und grüne Auslaufmodelle hängt Fischer nicht mehr im Bundestag herum. Er macht auch kaum Surrogatpolitik, jedenfalls keine Parteipolitik. Das ist angenehm. Für ihn ist es auch angenehm. Er hält gegen viel Geld Vorträge, lebt in einem Haus, das er sich früher nicht zu besetzen getraut hätte, und hat jetzt auch einen Hund. Benno heißt der. Joschka Fischer geht es bürgerlich gut. Das sei ihm gegönnt, auch weil er für sich und für dieses Land viel geleistet hat.

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