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60 Jahre Joschka Fischer:Durch dick und dünn

Heute feiert Joschka Fischer seinen 60. Geburtstag. Wie aus einem Frankfurter Revoluzzer und Steinewerfer ein Weltstaatsmann wurde.

Kurt Kister

Katholischer Metzgersbub mit Hang zur Weltrevolution

Joschka Fischer 60

Joschka Fischer bei einer Demonstration auf der Frankfurter Einkaufsstraße Zeil.

(Foto: Foto: dpa)

Wahrscheinlich wäre der Sozialismus auch gescheitert, wenn sich Joschka Fischer nicht so lang für seinen Erfolg eingesetzt hätte. Der katholische, alsbald aber revolutionäre Metzgersbub mit donauschwäbischen Wurzeln wird am 12. April 1948 in Gerabronn geboren. Seltsamerweise stammt da auch der Genusskoloss Rezzo Schlauch her. In jungen Jahren versteht sich Fischer besser aufs Abbrechen als aufs Aufbauen: Das Gymnasium bricht er in der Zehnten ab, die Fotografenlehre bald darauf.

Mit 19 heiratet er zum ersten Mal. Vier seiner bisher fünf Ehen endeten vorzeitig. Man fragt sich, warum ein Mann, der aus so viel Schaden so klug geworden ist, andauernd heiratet. Ach ja, physisch gewalttätig gegen Andersdenkende war er früher auch: In Frankfurt hat er Steine gegen Polizisten geworfen, Molotowflaschen gebastelt, Häuser besetzt. Das mit der körperlichen Brutalität hat er irgendwann eingestellt und sich dann mehr auf psychische und politische Gewalt verlegt.

Wie sich das Leben ändert: Montalcino statt Marrakesch

Wenn wir alle längst Staub geworden sein werden, wird Joschka Fischer immer noch der Turnschuhminister sein. 1985 entsteht in Hessen die erste rot-grüne Koalition und der SPD-Betonmann Börner, dessen Leibesumfang Fischer später auch noch erreichte, muss mit dem ersten grünen Minister der Weltgeschichte leben: Joschka Fischer. Der lief schon damals, wie leider noch heute mancher Unbelehrbare, in hellen Turnschuhen herum.

Im Zuge seines Lebens hat sich einiges an Fischer positiv gewandelt, manches auch verschlechtert. Seine Kleidung ist viel besser geworden, und das, woran er sich gelegentlich berauscht, kommt heute eher aus Montalcino denn aus Marrakesch. 1987 zerbricht die rot-grüne Koalition in Hessen, 1991 gibt es eine Neuauflage unter Hans Eichel, dem nachmaligen Sparschwein-Eichel. Fischer wird wieder Minister und sogar Vize-Ministerpräsident. Er ist der Etablierteste unter den Nicht-Etablierten und benutzt Fremdwörter, als habe er Abitur.

Flocke, Colonel Hathi und Trittins Stalinbart

Nicht nur, weil er Geburtstag hat, muss das auch wieder mal gesagt werden: Dass sich die Grünen mit den Parteipromis so schwer tun, hängt entscheidend damit zusammen, dass es keine promitauglichen Grünen gibt - außer Fischer natürlich. Weder der meuchlerische Trittin mit seinem immerwährenden, wenn auch abrasierten Stalinbart noch die kratzbürstige Politpflegerin Künast noch all die Fritzen, Claudis und Wolfis sind es.

Der Joschka war es, schon immer, und das konnten die anderen nicht ab, weswegen sie immer Intrigen spannen. Dann aber streckte Fischer wie auf unten stehendem Bild den, mit Verlaub, Herr Präsident, Arsch heraus und winkelte die Arme geiergleich an. So wehrte er alles ab und begründete es noch dazu mit ebenso wohlformulierter wie übler Nachrede. Er ist, was er gerne hört, eben ein political animal durch und durch. Allerdings weniger Flocke als vielmehr eine Chimäre aus der Schlange Kaa und Colonel Hathi, dem dicken Elefanten-Boss.

Schwäbischer Fleiß, äußerst bewunderungsanfällig

Ach, was war er dünn am Höhepunkt seines politischen Lebens! 1998 schließt er in Bonn am Rhein mit Gospodin Gerhard (unten im Bild, im Hintergrund ein Dolmetscher) den politischen Bund, der so lange halten sollte wie Fischers 2. und 4. Ehe zusammen. Der Marathonläufer aus Liebeskummer ist nun Außenminister. Und Vizekanzler. Was für eine erstaunliche Karriere!

Es gibt wohl niemanden, dessen Lebensweg so anschaulich auch in den Extremen zeigt, was die Bundesrepublik von Adenauer bis, je nun, Joschka Fischer war und wurde. In engen Verhältnissen geboren, als junger Mann mehr Existenz denn Existentialist, als Reifender ein Gelegenheitsergreifer, als Gereifter eine Symbolfigur mit hoher Identifikationskraft. Stets ein Überzeugungstäter. Manchmal Opportunist, immer selbstbewusst bis scheußlich arrogant. Eher selbstmitleidig als mitleidend. Schwäbischer Fleiß. Äußerst bewunderungsanfällig.

Lesen Sie auf der folgenden Seite, wie Fischer seinen Abschied hingekriegt hat.

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