60 Jahre BRD:Von der Spießerhölle zur Patchwork-Familie - Teil II

Zum politischen Aufbruch kam die sogenannte sexuelle Revolution. Oswald Kolle mit seinen Aufklärungsserien und -filmen wurde zum Sex-Papst der Deutschen. Kolles Kinofilm "Das Wunder der Liebe - Sexualität in der Ehe" sahen sich drei Millionen Deutsche an. Entscheidend geprägt wurde die neue sexuelle Freizügigkeit durch eine Erfindung aus den USA: die Pille, die 1961 auf den deutschen Markt gekommen war.

Vermutlich hat die Pille zur Veränderung des gesellschaftlichen Klimas mehr beigetragen als alle politischen Diskussionen. Denn sie erlaubte den Frauen endlich, selber darüber zu bestimmen, ob sie Kinder haben wollten oder nicht.

Nicht alles aus jenen wilden Jahren hat sich durchgesetzt. Die "Deutsche Sex-Partei" etwa verschwand bald wieder und auch der Versuch der berühmten Berliner Kommune I, die traditionellen Zweierbeziehungen zugunsten eines freien Durcheinanders abzuschaffen, scheiterte kläglich. Die gesellschaftliche Modernisierung Deutschlands indes war nicht mehr aufzuhalten.

Dabatte um den Paragraphen 218

Noch unter der ersten großen Koalition kam es zu Liberalisierungen im Strafrecht. Der Ehebruch als Straftatbestand wurde abgeschafft, der berüchtigte Paragraph 175 zumindest abgemildert. 1973 fiel unter der sozial-liberalen Koalition auch der unselige Kuppelei-Paragraph. "Das war wie ein Dammbruch", sagt Hildegard Hamm-Brücher über die innenpolitischen Veränderungen der späten 60er und frühen 70er Jahre.

Der Kampf der Frauen um volle Gleichberechtigung in Wirtschaft und Gesellschaft veränderte auch das Bild der Familien in Deutschland. Einer der Meilensteine war dabei die 1971 von der Journalistin Alice Schwarzer entfachte Debatte um den Abtreibungsparagraphen 218. Das Stern-Titelbild, das Frauen zeigte, die bekennen: "Wir haben abgetrieben", ist bis heute legendär. Der Kampf um ein liberaleres Abtreibungsrecht endete dennoch nur mit einem Teilerfolg. 1975 kippte das Bundesverfassungsgericht die Fristenlösung, die einen Schwangerschaftsabbruch bis zur zwölften Woche straffrei gestellt hätte und erzwang eine komplizierte Indikationslösung mit Beratungspflicht.

Der Streit um die Abtreibung führte in Deutschland zwar nicht zu solchen Exzessen wie in den USA, wo militante Abtreibungsgegner Kliniken belagerten, in denen Abbrüche vorgenommen wurden, er ist aber bis heute ein schwelendes Konfliktthema geblieben.

Ende der 80er Jahre flammte er noch einmal in voller Schärfe auf, als im bayerischen Memmingen ein Frauenarzt wegen illegaler Abtreibungen vor Gericht gezerrt wurde. Zahlreiche Frauen, von denen viele schon zu Geldstrafen verurteilt waren, mussten in dem Prozess, der als "Memminger Hexenjagd" bundesweite Schlagzeilen machte, als Zeuginnen aussagen und intime Details preisgeben.

Trauriger Höhepunkt war die Abberufung eines Richters, der durch besonders scharfe Fragen aufgefallen war. Er hatte ein paar Jahre zuvor seine Freundin selber zu einem Abbruch gedrängt.

Die katholische Kirche akzeptiert den deutschen Kompromissweg bis heute nicht. 1999 zwang der Vatikan die deutschen Katholiken zum Ausstieg aus dem staatlichen Beratungssystem für Schwangere.

Patchwork-Familie und Homo-Ehe

Doch die Zeit der großen ideologischen Schlachten ist vorbei. Gemessen an der vermufften Adenauer-Ära hat die deutsche Gesellschaft einen weiten Weg hinter sich. Wohl noch nie in seiner Geschichte existierten in Deutschland so viele verschiedene Lebensmodelle. Es gibt die traditionelle Familie ebenso wie die alleinerziehende Mutter, die Patchwork-Familie genauso wie den überzeugten Single. Homosexuelle können eingetragene Partnerschaften eingehen (die gleichberechtigte Homo-Ehe war politisch nicht durchsetzbar). Und auch die gute alte WG, die Wohngemeinschaft, hat sich weiterentwickelt. Es gibt bereits die ersten Rentner-WGs. Endlich wird die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch politisch gefördert.

Der Staat finanziert den Ausbau der Kinderbetreuung, wenn auch gegen den murrenden Widerstand des konservativen Unionsflügels. Und er hat das Elterngeld eingeführt, das zunehmend von jungen Vätern genutzt wird. Doch es gibt noch viele Defizite. Noch immer hinkt Deutschland bei der Kinderbetreuung vielen seiner Nachbarn hinterher, noch immer sind die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen größer als in anderen EU-Staaten.

Wie so oft in der Geschichte der Bundesrepublik müssen wohl Gerichte für mehr Schwung sorgen. So wie das jüngste Urteil aus Karlsruhe, das geschiedene Frauen zwingt, schneller als früher wieder zu arbeiten. Es wird die Bedeutung des Berufs für Frauen erhöhen. "Das", freut sich Hildegard Hamm-Brücher, "wird einen neuen Schub bringen."

© SZ vom 4.4.2009/bica
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