60 Jahre BRD:Von der Spießerhölle zur Patchwork-Familie

Der Kampf um die Gleichberechtigung der Frau und die mühevolle gesellschaftliche Modernisierung Deutschlands.

Peter Fahrenholz

Dieses Bild dürfte sehr unterschiedliche Emotionen wecken. Bei den einen die wohlige Erinnerung an die gute alte Zeit, als alles angeblich noch in Ordnung war: Omi versorgt die Kleinen, Vati bekommt das größte Stück vom Sonntagsbraten, und im Hintergrund macht sich Mutti nützlich, wenn auch in diesem Fall leider nicht geräuschlos.

60 Jahre BRD: Vermutlich hat die Pille zur Veränderung des gesellschaftlichen Klimas mehr beigetragen als alle politischen Diskussionen. Denn sie erlaubte den Frauen endlich, selber darüber zu bestimmen, ob sie Kinder haben wollten oder nicht.

Vermutlich hat die Pille zur Veränderung des gesellschaftlichen Klimas mehr beigetragen als alle politischen Diskussionen. Denn sie erlaubte den Frauen endlich, selber darüber zu bestimmen, ob sie Kinder haben wollten oder nicht.

(Foto: Foto: dpa)

Bei anderen wird das Bild eher eine Mischung aus Belustigung und Beklemmung auslösen. Belustigung, weil die Szene wie eine Karikatur aus den 50er Jahren wirkt. Und Beklemmung, weil es eben keine Karikatur war, sondern die Wirklichkeit: das Nachkriegs-Deutschland als Spießerhölle - autoritär, vermufft, prüde und bigott. Der Mann bestimmte, die Frau gehörte an den Herd und hatte sich um die Kinder zu kümmern.

Für das "Mutterwirken" gebe es "keinen vollwertigen Ersatz", fand der damalige Familienminister Franz-Josef Wuermeling (CDU). Die siegreichen Alliierten hatten den Deutschen zwar die Demokratie geschenkt, doch in der deutschen Gesellschaft konnte von demokratischen Verhältnissen lange Zeit noch keine Rede sein.

Das betraf vor allem die Frauen. Dabei hätte es ganz anders kommen können. Unmittelbar nach dem Krieg gaben nämlich die Frauen den Ton an, viele Männer waren gefallen oder noch in Kriegsgefangenschaft. Es waren die "Trümmerfrauen", die in den ersten Nachkriegsjahren die Hauptlast trugen. Doch die neuen Freiheiten verpufften schnell, im Adenauer-Deutschland etablierten sich rasch die alten Verhältnisse.

Waschkörbeweise Postkarten

Selbst die formelle Gleichberechtigung der Frau durchzusetzen, war ein hartes Stück Arbeit. Im Parlamentarischen Rat, wo vier Frauen 61 Männern gegenübersaßen kämpfte die SPD-Politikerin Elisabeth Selbert zäh darum, die Einschränkungen der Weimarer Verfassung (dort waren Frauen nur "grundsätzlich" gleichberechtigt), im neuen Grundgesetz zu beseitigen.

Die FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher, 87, erinnert sich an eine ihrer ersten politischen Aktionen. Weil sich die Männer querlegten, mobilisierte Selbert die Frauenfunk-Redaktionen quer durch Deutschland, die ihre Hörerinnen aufforderten, Postkarten an den Parlamentarischen Rat zu schreiben. In München koordinierte Hamm-Brücher die Aktion. "Da gab es waschkörbeweise Post", erzählt sie. Im dritten Anlauf wurde die volle Gleichberechtigung der Frau schließlich im Grundgesetz verankert, gegen Widerstände vor allem aus der Union.

Es blieb freilich für lange Zeit eine Gleichberechtigung nur auf dem Papier. Im öffentlichen Leben spielten Frauen so gut wie keine Rolle, bei politischen Ämtern wurden sie jahrelang mit Aufgaben abgespeist, die Gerhard Schröder noch Jahrzehnte später als "Gedöns" bezeichnete. "Wir riefen ja schon Hurra, wenn mal zwei Frauen im Kabinett waren", sagt Hamm-Brücher.

Für das Wirtschaftsleben galt das Gleiche. Wenn Frauen arbeiten wollten, brauchten sie dazu die Einwilligung des Ehemannes, auch zur Kontoführung war die Erlaubnis des Gatten erforderlich. Familienminister Wuermeling attestierte der Frauenarbeit gar "gemeinschaftszerstörenden Charakter".

Welchen Geist die Adenauer-Jahre atmeten, zeigt der Ratgeber "Die gute Ehe" aus dem Jahr 1959, der sich heute nur noch als Kabarettstoff eignen würde. Für die Hausfrau, heißt es dort, komme es darauf an, "ihrem Mann ein Heim zu schaffen, in dem er wirklich zu Hause ist, in das er nach des Tages Arbeit gern zurückkehrt".

Natürlich durfte die gute Ehefrau ihrem Gatten auch nicht nur "Allerweltsgerichte" auf den Tisch stellen, "sondern Dinge, die seinem Gaumen immer von Neuem schmeicheln". Auch konnte sich eine Ehefrau dadurch auszeichnen, dass sie "im Handumdrehen, adrett angezogen, für unangemeldet auftauchende Berufskollegen (des Mannes natürlich!) einen delikaten Imbiss auf den Tisch zaubert".

Das Klima jener Jahre war prüde und verklemmt. Der Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit galt als unschicklich, für Unverheiratete war es so gut wie unmöglich, eine gemeinsame Wohnung zu bekommen. Eltern, die es duldeten, dass der Freund der Tochter oder die Freundin des Sohnes bei ihnen übernachteten, riskierten bis zu fünf Jahre Haft - das sah der berüchtigte Kuppeleiparagraph als Höchststrafe vor.

Lange Schlangen vor den Provinzkinos

Homosexuelle Handlungen selbst unter Erwachsenen waren strafbar, der Paragraph 175, den die Nazis 1935 noch einmal verschärft hatten, galt unverändert bis 1969, endgültig abgeschafft wurde er erst 1994. Als 1951 im Film "Die Sünderin" für Sekundenbruchteile die nackte Hildegard Knef zu sehen war, provozierte das einen Skandal. Der Kölner Kardinal Frings rief zum Boykott des Films auf. Hamm-Brücher erinnert sich belustigt an die Schlangen vor den Kinos bayerischer Provinzstädte, wenn der Film gezeigt wurde.

Anfang der 60er Jahre gab es das erste zaghafte Aufbegehren in den bis dahin festgefügten deutschen Familien, Vorbote der politischen Erschütterungen wenige Jahre später. Unter dem Einfluss der amerikanischen Rock'n'Roll-Musik begehrten die "Halbstarken" auf, wie sie damals genannt wurden. Wenig später, mit der beginnenden 68er-Bewegung geriet die Autorität der Väter endgültig ins Wanken. In vielen deutschen Familien brach mit voller Schärfe der Generationenkonflikt los, die lange verdrängte Nazi-Zeit, die Rolle der eigenen Eltern und Großeltern, waren kein Tabu mehr.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB