Am 7. Dezember 1970 befindet sich Kanzler Brandt in Warschau, um den zuvor ausgehandelten Vertrag mit Polen zu unterzeichnen. Das Protokoll sieht nach der Vertragsunterzeichnung auch einen Besuch im ehemaligen Warschauer Ghetto vor, der Ort, an dem die Nazis Tausenden jüdischen Gefangenen unfassbares Leid zugefügt hatten, in dem eine halbe Million Menschen ihr Leben ließen. Die deutsche Delegation sollte am Mahnmal zum Gedenken des Ghetto-Aufstandes einen Kranz niederlegen. Brandt, so wurde später bekannt, hat schon am Morgen des Tages gewusst, dass es diesmal mit einer einfachen Kranzniederlegung nicht getan war. Bedächtigen Schrittes und mit bitterernster Miene nähert sich Brandt dem Mahnmal. Er beugt sich hinunter zum niedergelegten Kranz und zieht die Kranzschleifen gerade, verneigt sich und tritt einen Schritt zurück. Doch in der typischen staatsmännischen Haltung verharrt er nur für einen kurzen Augenblick - und sinkt auf die Knie, den Kopf gebeugt, die Hände ineinander gefaltet. Eine knappe halbe Minute kniet der Kanzler der Bundesrepublik vor dem Mahnmal - und schafft so eines der wichtigsten Symbole der deutschen Nachkriegsgeschichte.

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6. April 2009, 16:002009-04-06 16:00:00 ©