Kanzlerin und frühere CDU-Chefin:Merkels gefallene Männer

Drei Viertel der CDU-Mitglieder sind männlich. Die langjährige Chefin war bis vor kurzem: Angela Merkel. Die Kanzlerin hat so manchen Rivalen stürzen sehen. Nicht immer war sie schuld.

Von Kim Björn Becker und Michael König

1 / 10
(Foto: dpa)

Die CDU ist eine Männerpartei. Drei Viertel ihrer Mitglieder sind männlich. Doch die Chefin ist: eine Frau. Angela Merkel sah so manchen Mann stürzen. Nicht immer war es ihre Schuld. Helmut Kohl: Der Ziehvater Bundeskanzler Helmut Kohl holte die Ostdeutsche Angela Merkel 1991 überraschend als Frauen- und Jugendministerin in sein Kabinett. Drängte sie 1993, den CDU-Landesvorsitz von Mecklenburg-Vorpommern zu übernehmen: "Jetzt wird das Mädchen erstmals halbwegs mit dem Ernst des Lebens konfrontiert", soll Kohl damals gesagt haben. Machte sie 1994 zur Umweltministerin. 1999 zerbrach das Verhältnis, als Merkel Kohl in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung vorwarf, der Partei mit der Spendenaffäre "Schaden zugefügt" zu haben. So eindeutig hatte sich niemand sonst aus der Parteispitze gegen ihn positioniert. Als 2000 wegen der Spenden des Rüstungslobbyisten Karlheinz Schreiber auch der Partei- und Fraktionschef Wolfgang Schäuble abtrat, war der Weg für Merkel als CDU-Chefin frei. Anschließend bemühte sich Merkel zwar um ein geordnetes Verhältnis zum Altkanzler, wahrte aber Distanz. 2011 revanchierte sich Kohl, als er Merkel auf dem Höhepunkt der Eurokrise vorwarf, Deutschland sei "keine berechenbare Größe" mehr. Die Kanzlerin reagierte kühl: "Jede Zeit hat ihre spezifischen Herausforderungen." (mikö)

CDU-Chefin und Kanzlerin

Friedrich Merz: Der Geschasste

2 / 10
(Foto: REUTERS)

Friedrich Merz wurde 1989 für die CDU ins Europaparlament gewählt, 1994 in den Bundestag. Führte von 2000 an zwei Jahre lang die Fraktion und brachte sich selbst als Kanzlerkandidaten ins Spiel. Verantwortete eine "Leitkultur"-Debatte im Wahlkampf und schlug sich auf die Seite des Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber. Er hatte auf den falschen gesetzt. Gerhard Schröder blieb Bundeskanzler. Merkel beanspruchte anschließend den Fraktionsvorsitz für sich, Merz verlor den Machtkampf. Erholte sich von der Demütigung nicht wieder. Ließ sich zur Stellvertreterrolle überreden. Wollte erreichen, dass jeder Bürger seine Steuererklärung auf einem Bierdeckel machen kann und machte sich mit seinem Reformeifer unbeliebt. Kündigte 2007 an, eine Pause von der Politik zu machen. Stieg als Rechtsanwalt bei einer amerikanischen Großkanzlei ein, ist Vorsitzender des Vereins Atlantik-Brücke und sitzt in mehreren Aufsichts- und Verwaltungsräten. Wollte Ende 2018 Merkel im CDU-Vorsitz beerben - und scheiterte an Annegret Kramp-Karrenbauer. (kbb)

Roland Koch: Der Konservative

3 / 10
(Foto: Getty Images)

Der Hesse Roland Koch setzte sich 1996 an die Spitze aufstrebender Nachwuchspolitiker und nervte die Bundespartei mit Forderungen nach weitreichenden Reformen. 1999 Landtagswahlsieger mit einer Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Überstand 2000 eine Schwarzgeldaffäre der Landespartei unbeschadet und galt daraufhin als kommender Kanzlerkandidat. Untermauerte das mit Opposition gegenüber der CDU-Chefin Merkel und einer absoluten Mehrheit in Hessen bei der Wahl 2003. Trotz der Rivalität rief er Merkel 2005 zur Kanzlerkandidatin aus und gab sich als loyaler Unterstützer. Hoffte womöglich auf ihr rasches Scheitern. Scheiterte dann aber selbst, als ihm erzkonservative Parolen im Landtagswahlkampf 2008 eine herbe Niederlage einbrachten. Blieb wegen des Scheiterns rot-rot-grüner Pläne seiner SPD-Konkurrentin Andrea Ypsilanti trotzdem Landesvater, ehe er 2010 - wohl auch mangels bundespolitischer Perspektive - seinen Rückzug aus der Politik ankündigte. Arbeitete ab 2011 beim Baukonzern Bilfinger Berger. (mikö)

Dieter Althaus: Der Gestürzte

4 / 10
(Foto: REUTERS)

War erst Kultusminister in Thüringen und wurde 2003 Nachfolger von Ministerpräsident Bernhard Vogel. Forderte ein bedingungsloses Grundeinkommen von 800 Euro für jeden Deutschen. Musste sich für seine vermeintliche Nähe zum umstrittenen Kreationismus rechtfertigen. Galt dennoch als Vertrauter Merkels. Am Neujahrstag 2009 wurde er im Winterurlaub in Österreich in einen schweren Skiunfall verwickelt, bei dem eine Frau starb. Nahm seine Arbeit in der Erfurter Staatskanzlei erst nach einem Vierteljahr wieder auf. Bei der darauffolgenden Landtagswahl verlor die CDU die absolute Mehrheit, er trat von allen politischen Ämtern zurück. Wechselte Anfang 2010 als Manager zum kanadisch-österreichischen Autozulieferer Magna. Kümmert sich dort seitdem unter anderem um die politischen Beziehungen des Konzerns. (kbb)

Jürgen Rüttgers: Der Möchtegern-Sozi

5 / 10
(Foto: Oliver Berg/dpa)

Jürgen Rüttgers eroberte 2005 Nordrhein-Westfalen für die CDU zurück - nach 38 Jahren SPD-Regentschaft. Der "Herbergsvater" (Die Zeit) stellte sich als soziales Gewissen seiner Partei dar, nachdem er 2000 noch mit dem Slogan "Kinder statt Inder" eine Kontroverse ausgelöst hatte. Merkel und der Bundespartei warf er mangelnde Rücksicht auf Arbeitnehmerinteressen vor. Der aus Köln stammende Ministerpräsident Rüttgers forderte die Rückkehr zur sozialen Marktwirtschaft ein und kritisierte die Unschärfe der Merkel-Politik. Um zum ernsthaften Rivalen der Kanzlerin aufzusteigen, hätte Rüttgers die Landtagswahl 2010 gewinnen müssen. Doch sein enger Vertrauter in der Staatskanzlei wurde dabei erwischt, die SPD-Landeschefin Hannelore Kraft per Video zu überwachen. Zudem wurde bekannt, dass die CDU "Einzelgespräche" mit Rüttgers gegen Geld anbot. "Rent a Rüttgers", spottete die Opposition. Obwohl sich der Ministerpräsident als legitimer Nachfolger des Sozialdemokraten und langjährigen Landesvaters Johannes Rau präsentierte, verlor die CDU bei der Wahl zehn Prozentpunkte - und Rüttgers sein Amt an die SPD-Frau Kraft. Arbeitet seitdem als Anwalt und schreibt Bücher. (mikö)

Ole von Beust: Der Experimentierfreudige

6 / 10
(Foto: REUTERS)

Ole von Beust übernahm 2001 das Amt des Ersten Bürgermeisters in Hamburg. War politisch enorm wandlungsfähig: Bildete erst eine Koalition mit der Partei Rechtsstaatlicher Offensive (Pro) und der FDP und schmiedete später das erste schwarz-grüne Bündnis auf Landesebene. Warf den skandalumwitterten Pro-Innensenator Ronald Schill aus dem Kabinett und wurde von seinem Vater in einem Interview als homosexuell geoutet. Kritisierte Merkel regelmäßig. Eines der wichtigsten Projekte seiner dritten Amtszeit, die Hamburger Schulreform, fiel 2010 beim Volksentscheid in wesentlichen Punkten durch. Noch bevor die Wahllokale schlossen, trat er zurück. Seit 2010 Unternehmensberater bei Roland Berger, spielt in der Politik praktisch keine Rolle mehr. Angela Merkel schicke er höchstens ab und zu mal eine SMS, sagte er der Zeit. "Sie antwortet auch immer freundlich." (kbb)

Karl-Theodor zu Guttenberg: Der Plagiator

7 / 10
(Foto: dapd)

Karl-Theodor zu Guttenberg gehört der bayerischen Schwesterpartei an, doch auch die CDU handelte ihn als Merkel-Nachfolger. Wurde 2009 überraschend zum jüngsten Bundeswirtschaftsminister in der Geschichte der Bundesrepublik ernannt, nachdem sein Vorgänger Michael Glos zurückgetreten war. Wechselte wenige Monate später ins Verteidigungsressort, wo er ebenfalls der Jüngste war. Sprach als Erster öffentlich davon, dass in Afghanistan "Krieg" herrsche und versuchte sich an einer Bundeswehr-Reform. Seine Doktorarbeit "Verfassung und Verfassungsvertrag: Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU" entpuppte sich im Frühjahr 2011 als Plagiat. Merkel sprach ihm ihr Vertrauen aus und sagte, sie habe keinen "wissenschaftlichen Assistenten" eingestellt. Guttenberg trat einen Monat später trotzdem von allen politischen Ämtern zurück. Hat Deutschland den Rücken gekehrt und lebt mit der Familie im US-Bundesstaat Connecticut. Berät die Europäische Kommission seit Ende 2011 in Internetfragen, zumindest formal. Hält vereinzelt Vorträge - und muss immer wieder erklären, kein Comeback versuchen zu wollen. (kbb)

Stefan Mappus: Der Haudegen

8 / 10
(Foto: REUTERS)

Stefan Mappus galt als Wunderkind der CDU in Baden-Württemberg. Stieg im Windschatten von Ministerpräsident Erwin Teufel mit nur 38 Jahren zum Umwelt- und Verkehrsminister auf. Legte sich mit Teufels Nachfolger Günther Oettinger an und stichelte gegen Merkel, von der er ein konservativeres Profil einforderte. Lehnte den Christopher Street Day als "Zurschaustellen von sexuellen Neigungen" ab und forderte eine "finale Lösung" für SPD-Landeschefin Ute Vogt. Der Koalitionspartner FDP sprach angesichts der brachialen Rhetorik von "Mappi-Schnappi", dem "kleinen Krokodil". Als Merkel Oettinger nach der Bundestagswahl 2009 in die EU-Kommission fortlobte, stieg Mappus 2010 zum neuen Ministerpräsidenten auf. Profilierte sich als kommender Merkel-Rivale mit konservativer, ländlicher Prägung. Übersah jedoch beim Bahn-Projekt Stuttgart 21 die Sparsamkeit der Schwaben. Legte sich mit einer stetig wachsenden Zahl von Demonstranten an. Hoffte nach der Eskalation am "Schwarzen Donnerstag" im September 2010 auf eine Schlichtungsrunde, geleitet von Heiner Geißler. Brachte anschließend den Energiekonzern EnBW zurück in Landeshand. Zog viel Kritik auf sich, weil er den Deal mit seinem Freund und Banker Dirk Notheis am Parlament vorbei vereinbarte. Der schrieb in einer später im Untersuchungsausschuss veröffentlichten Mail, Mappus könne Angela Merkel "mit seinen Truppen töten". Im März 2011 endete die Karriere des Atom-Freundes Mappus kurz nach der Fukushima-Katastrophe mit einer krachenden Niederlage bei der Landtagswahl. (mikö)

Norbert Röttgen: Muttis Klügster

9 / 10
(Foto: picture alliance / dpa)

Norbert Röttgen galt als loyales Mitglied der "Merkel-Garde", als er im Januar 2005 zum Fraktionsgeschäftsführer der CDU im Bundestag aufstieg. Irritierte die Kanzlerin, als er 2006 Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie werden wollte - zusätzlich zu seinem Bundestagsmandat. Ließ nach teils heftiger Kritik davon ab, schrieb ein Buch ("Deutschlands beste Jahre kommen noch") und wurde 2009 Bundesumweltminister. "Muttis Klügster" wollte sich 2010 die Landes-CDU in seiner Heimat Nordrhein-Westfalen zur Hausmacht aufbauen, doch bei vorgezogenen Neuwahlen 2012 setzte es 26,3 Prozent - Negativrekord. Übernahm die Verantwortung, lehnte jedoch einen Rücktritt als Bundesumweltminister ab. Da machte Merkel nicht mit - und warf ihn aus dem Kabinett. Seit Anfang 2014 Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. Mit Option auf weitere Karriereschritte. (mikö)

CDU-Chefin und Kanzlerin

Christian Wulff: Der Fehlgriff

10 / 10
(Foto: Getty Images)

War erst niedersächsischer Ministerpräsident und galt als Widersacher Angela Merkels. Wurde dann von der Kanzlerin ins Amt des Bundespräsidenten weggelobt, nachdem sein Vorgänger Horst Köhler zurückgetreten war. Spitzte die Debatte um die Integration von Muslimen zu, indem er sagte, der "Islam gehört zu Deutschland". Ein früherer Hauskauf brachte ihn Ende 2011 in Erklärungsnot, nachdem bekannt wurde, dass er den niedersächsischen Landtag im Zusammenhang mit der Finanzierung seines Hauses in Großburgwedel falsch informiert hatte. Aus der Kreditaffäre wurde eine Medienaffäre, als er Bild-Chefredakteur Kai Diekmann wütend auf die Mailbox sprach. Im Februar 2012 trat er zurück, weil die Staatsanwaltschaft Hannover Ermittlungen gegen ihn aufgenommen hatte. Das Landgericht Hannover sprach ihn später von allen Vorwürfen frei. Heute wieder als Rechtsanwalt tätig und politisch aktiv in seiner Heimat Osnabrück. (kbb)

© SZ.de - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: