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50 Jahre nach Schweinebucht-Invasion:Kuba 2011 - Capitalismo o muerte

Die alten Revolutionäre haben Sinn für symbolische Daten: 50 Jahre nach dem Sieg in der Schweinebucht kommt Kubas Kommunistische Partei zusammen. Doch ihr wird nichts anderes übrig bleiben, als die Insel weiter zu öffnen - in Richtung Kapitalismus.

Die verkorkste Attacke der Großmacht war schon im Gange, als sich Kuba offiziell zum Sozialismus bekannte. Am 15. April 1961 erklärte Fidel Castro "den sozialistischen Charakter der Revolution". Er sprach auf einer Trauerfeier für die Opfer von US-Luftangriffen auf kubanische Flugplätze.

Posieren für ein Jubiläum: Rafael Soldevilla,74, Veteran der Schweinebucht-Invasion in seiner Wohnung in Havanna.

(Foto: AP)

Seit seiner Rebellion 1959 hatte sich der Chefkommandant immer mehr von den zunehmend feindseligen USA abgewandt und der Sowjetunion angenähert. US-Firmen verstaatlichte er. Washington brach die diplomatischen Beziehungen ab und verhängte bald das bis heute geltende Wirtschaftsembargo. Die UdSSR schickte Öl und kaufte der Insel den Zucker ab. Mitten im Kalten Krieg bekam Moskau einen Verbündeten in der Karibik, keine 150 Kilometer von Florida entfernt. "Eine Invasion Kubas durch die Streitkräfte der USA wird nicht stattfinden", behauptete US-Präsident John F. Kennedy dennoch. Doch das war nur die halbe Wahrheit.

Am 16. April 1961 begann das amerikanische Debakel in der Schweinebucht, am sumpfigen Strand von Girón. In Guatemala hatte die CIA Exilkubaner ausgebildet, von Nicaragua aus machten sich die 1400 Mann der Brigade 2506 auf den Weg. Die Landung geriet zum Fiasko. Nach 72 Stunden war die Söldnertruppe besiegt, Fidel Castro kämpfte auf einem Panzer. US-Kriegsschiffe griffen nicht ein, Kennedy wollte keinen Weltkrieg riskieren.

Später wurden die Kriegsgefangenen gegen Medikamente abgeschoben. Für die Sieger war es ein Triumph, der Castro endgültig zum Mythos machte. Die Verlierer fühlten sich vom später ermordeten Kennedy im Stich gelassen. "Girón, erste Niederlage des Yanqui-Imperialismus in Lateinamerika", steht auf einer Tafel, 50 Jahre ist das her.

Großer Gesprächsbedarf

Ein halbes Jahrhundert nach der Invasion trifft sich die Kommunistische Partei Kubas (PCC) nun in Havanna zu ihrem VI. Kongress, vom 16. bis 19. April 2011. Die alten Revolutionäre haben Sinn für symbolische Daten. Außerdem gibt es 14 Jahre nach dem V. Kongress viel zu besprechen. Zum Jubiläum geht es um die Frage, ob der tropische Sozialismus teilprivatisiert werden muss. Und ob Fidel Castro auch seinen Posten an der Parteispitze räumt.

Seine Ämter als Staats- und Regierungschef hatte er nach einer Darmerkrankung 2006 seinem jüngeren Bruder Raúl übertragen. Auf der Internetseite der PCC allerdings wird der bald 85-Jährige noch als Erster Parteisekretär geführt. Auch war Fidel zuletzt öfter bei Reden und in Uniform zu sehen gewesen. In einer seiner Kolumnen in der Parteizeitung Granma ("Reflexionen des Genossen Fidel") indes wies der ältere Castro darauf hin, dass er auch den KP-Job aufgegeben habe und nur noch einfacher Revolutionssoldat sei.

Invasion in der Schweinebucht

Supermacht im Sumpf

Umsteuern oder Untergehen

Vielleicht wird der genesene Genosse Fidel dabei sein, wenn am Samstag zur Erinnerung an die Schweinebucht alias Girón eine Parade auf dem Platz der Revolution stattfindet. "Was kostet dieser Exzess die Nation?", fragt auf Twitter die Bloggerin Yoani Sánchez, die von ihrem Balkon aus zuschauen kann. Doch den Umbau der Republik hatte vor fünf Monaten im Parlament Fidels fast 80-jähriger Nachfolger Raúl angekündigt: "Wir müssen die elementaren Fehler korrigieren, die wir in diesen fünf Jahrzehnten des Aufbaus des Sozialismus begangen haben", sagte er. "Entweder berichtigen wir, oder wir gehen unter."

So schwimmt Kuba notgedrungen ins Meer des Kapitalismus. Die Krise nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Hauptsponsors vor 20 Jahren war ja nie überstanden. Mit Hilfe von außen, vor allem aus Venezuela und China, konnten die Engpässe nur teilweise überwunden werden, die globale Finanzkrise und Hurrikane waren endgültig zu viel. "Strukturelle Reformen" versprach Raúl Castro, manche davon sind schon zu besichtigen. 171.000 Lizenzen für neue Kleinunternehmer vergab die Regierung, es gibt trotz hoher Steuern viel mehr Privatrestaurants, Cafés, Pizzastände, Fremdenführer, Friseure und Maniküresalons.

Etwa 300.000 Kubaner arbeiten inzwischen legal auf eigene Rechnung. Dafür lässt der aufgeblasene Staatsapparat Luft ab. 500.000 und später mehr als eine Million Beamte sollen entlassen werden, um den Haushalt zu entlasten. Branchen wie Ölindustrie, Nickel, Biotechnologie und Tourismus könnte das Eiland für ausländische Investoren öffnen. Die Doppelwährung mit einheimischen und dollarähnlichen Pesos dürfte abgeschafft werden und vielleicht auch das zerfledderte System der Lebensmittelkarten.

Für die versprengte Opposition ist das zu wenig. Man brauche einen Systemwechsel, findet der Dissident Oswaldo Payá. Das hat er auch dem früheren US-Präsidenten Jimmy Carter gesagt, als der kürzlich Kuba besuchte. Immerhin entließ Castro mittlerweile mehrere Regimegegner aus dem Gefängnis.

Vor einem texanischen Gericht wurde derweil ein Planer der Schweinebucht-Attacke freigesprochen, der nachmalige Terrorist Luis Posada Carriles. Und eine republikanische Abordnung im Kapitol von Washington empfing überlebende Besiegte von damals. "Diese Männer", sprach die exilkubanische Abgeordnete Ileana Ros-Lehtinen, "sind Helden."