Attentat auf John F. Kennedy:Die Ermordung des Präsidenten

1963 wurde John F. Kennedy in Dallas erschossen. Auf viel mehr als das können sich die vielen Verschwörungstheoretiker nicht verständigen. Steckte hinter dem Mord die CIA, Fidel Castro oder doch Lee Harvey Oswald?

Ausgewählte Szenarien im Überblick

Um die Ermordung John F. Kennedys ranken sich viele Gerüchte und Theorien. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2003 glaubt die Mehrzahl der Amerikaner nicht an die offizielle Version, wonach Lee Harvey Oswald der Einzeltäter ist, sondern an eine Verschwörung. Spekulationen gibt es auch über Beweismittel, die die US-Regierung nach wie vor unter Verschluss hält. Wir haben die offizielle Version des Kennedy-Attentats und vier ausgewählte Verschwörungstheorien zusammengetragen.

Die offizielle Version

Der Nachtclubbesitzer Jack Ruby erschoss Lee Harvey Oswald zwei Tage nach seiner Festnahme am 24. November 1963. So konnte der mutmaßliche Mörder von John F. Kennedy nicht mehr vor Gericht gestellt werden. Rubys Motiv blieb rätselhaft. Er machte Andeutungen über mächtige Leute, die kein Interesse daran hätten, dass die Hintergründe seiner Tat bekannt würden. Er starb 1967, bevor sein Berufungsprozess beginnen konnte.

Oswald gilt in der offiziellen Version als linksradikaler Einzeltäter. Quellen sind die Ermittlungen der amerikanischen Bundespolizei FBI und der Untersuchungsbericht der US-Regierung, der sogenannte Warren-Report. Schon 17 Tage nach dem Attentat veröffentlichte das FBI unter Direktor J. Edgar Hoover einen Bericht, demzufolge der Einzelgänger Oswald Kennedy mit drei Schüssen getötet habe, wobei er sich in einem Schulbuch-Lagerhaus hinter der Wagenkolonne des Präsidenten befand. Oswald hielt sich zum Zeitpunkt des Attentats nachweislich in dem Gebäude auf.

Die Warren-Kommission wurde von Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson einberufen und veröffentlichte ihren Bericht zehn Monate später. Benannt war sie nach dem damaligen Obersten Richter am Supreme Court, Earl Warren. Mitglied war unter anderem der ehemalige CIA-Direktor Allen Welsh Dulles. Ihn hatte Kennedy nach der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht auf Kuba entlassen. Bei der Invasion versuchten mehr als 1000 Exilkubaner am 17. April 1961 unter Führung der USA und mit Hilfe der CIA Staatschef Fidel Castro zu stürzen.

Die Kommission kam ebenfalls zu dem Schluss, Oswald sei ein Einzeltäter gewesen. Aus dem fünften Stock des Schulbuch-Lagerhauses habe er innerhalb von höchstens sieben Sekunden drei Schüsse auf den Präsidenten abgefeuert. Der dritte, der Kennedy in den Kopf traf, sei tödlich gewesen. Der Warren-Report wurde vielfach kritisiert. So ist die Ansicht verbreitet, die Kommission habe - auch auf Druck Johnsons - keine ergebnisoffene Untersuchung geleistet. Demnach fürchtete der Präsident, dass es bei Hinweisen auf mögliche eine Verwicklung Kubas oder der Sowjetunion zu einem Krieg kommen könnte.

Die Garrison-Theorie

Jim Garrison erhob als Einziger Anklage im Mordfall Kennedy. Der Bezirksstaatsanwalt von New Orleans glaubte an eine Verschwörung unter Beteiligung der CIA. Im Prozess beschuldigte er Clay Shaw, einen angesehenen Geschäftsmann, einer der Mitverschwörer gewesen zu sein. Shaw wurde am 29. Januar 1969 freigesprochen. Nach seinem Tod bestätigte der ehemalige CIA­-Chef Richard Helms, dass Shaw tatsächlich für den Geheimdienst tätig gewesen war.

Garrison stützte sich auf zwei Hauptargumente. Durch eine Rekonstruktion des Tathergangs kam er zu dem Schluss, dass ein Einzeltäter mit nur drei Schüssen in so kurzer Zeit unmöglich sämtliche Verletzungen bei Kennedy und dem texanischen Gouverneur John Connally verursacht haben könne.

Im Prozess präsentierte der Ankläger den Film des Zeugen Abraham Zapruder. Dieser zeigt, wie Kennedys Kopf nach dem tödlichen Schuss nach links hinten geschleudert wird. Das wertete Garrison als Beweis, dass dieser Schuss von vorne rechts abgegeben worden sein musste. Demnach konnte Lee Harvey Oswald, der sich zum Tatzeitpunkt im Schulbuch­-Lagerhaus hinter der Wagenkolonne des Präsidenten aufhielt, unmöglich die tödliche Kugel abgefeuert haben. Garrison lehnte damit die Ergebnisse des Warren-Reports entschieden ab.

Damals und heute

Der Tatort in Dallas

Obwohl er nicht glaubte, dass Oswald überhaupt auf Kennedy geschossen hatte, schrieb der Staatsanwalt ihm eine Rolle bei der Verschwörung zu. Nach seiner Auffassung agierte Oswald als agent provocateur. Garrison zufolge wurde Oswald durch Befehle seiner Führungsoffiziere in der Öffentlichkeit bewusst zum Kommunisten gestempelt und als Einzeltäter präpariert. In New Orleans verteilte er im Sommer 1963 Pro­-Castro­-Flugblätter und bekannte sich in einer Radiodiskussion zum Kommunismus. Nach der Tat musste er stellvertretend für die Verschwörer­-Gruppe den Kopf hinhalten. Oswald bezeichnete sich tatsächlich als "patsy" (deutsch: Sündenbock) und beteuerte, niemanden getötet zu haben.

Bei seinen Ermittlungen vor dem Gerichtsverfahren hatte Garrison über Zeugenaussagen eine Verbindung zwischen Shaw und Oswald herstellen können. Zur Gruppe gehörten laut Garrison auch der ehemalige FBI­-Agent Guy Banister, der Pilot und Privatdetektiv David Ferrie und einige Exil-­Kubaner, die von den USA aus die Castro­-Regierung bekämpften. Banister und Ferrie waren in anti­-kommunistischen Gruppen aktiv - sie sollen gemeinsam ein CIA­-Ausbildungslager für kubanische Paramilitärs geleitet haben, um sie für eine neue ­Invasion auf Kuba zu trainieren.

Als Motiv für die Tat sah Garrison Kennedys Außenpolitik, vor allem den geplanten Abzug aus Vietnam. Der Präsident fühlte sich zudem von der CIA vor der gescheiterten Schweinebucht-Invasion auf Kuba bewusst falsch informiert. Kennedy setzte nach dieser Theorie das FBI unter Druck, Banisters und Ferries Ausbildungslager dichtzumachen sowie Waffen zu beschlagnahmen. Garrison, der selbst einst für das FBI gearbeitet hatte, warf der Bundespolizei vor, die Aktivitäten im Büro des mutmaßlichen Mitverschwörers Banister aus alter Verbundenheit zumindest nicht nachdrücklich verfolgt zu haben. Der Regierung warf er vor, die Öffentlichkeit belogen und ihn in seinen Ermittlungen behindert zu haben.

Die Israel-Theorie

Am 5. Juli 1963 erhält der frisch gewählte israelische Premierminister Levi Eschkol von der amerikanischen Botschaft einen dreiseitigen Brief. Absender: John F. Kennedy. Der Präsident der Vereinigten Staaten drängt darin darauf, schon im Sommer regelmäßige amerikanische Besuche in Dimona zu ermöglichen. Sollte dies nicht möglich sein, wäre "die Verpflichtung und Unterstützung Israels durch diese Regierung gefährdet", so die deutlichen Worte.

Dimona ist nicht nur eine Stadt in der Wüste Negev, sondern auch Standort eines nuklearen Forschungszentrums. Die damalige Vermutung der Amerikaner gilt inzwischen als bestätigt: Israel produzierte dort Atomwaffen.

Kennedys Drängen auf Inspektoren wird heute in einer prominenten Verschwörungstheorie mit seinem Tod wenige Monate später in Verbindung gebracht. Immerhin war sein Nachfolger Lyndon B. Johnson weit weniger rigoros, weshalb Israel zur inoffiziellen Atommacht werden konnte.

Damals und heute

Wo Oswald gefasst wurde

Der Mossad habe gemeinsam mit CIA und Mafia-Cliquen Kennedy umbringen lassen, unter anderem sei der bekannte jüdische Mafiosi Meyer Lansky verwickelt gewesen, auch Kennedys Nachfolger Johnson habe eine Rolle gespielt, lautet die Theorie. Belege gibt es für all dies nicht, die These findet jedoch in antisemitischen Weltverschwörungskreisen ebenso großen Zuspruch wie die Behauptung, dass der Mossad auch Martin Luther King habe ermorden lassen.

Die Castro-Theorie

Lee Harvey Oswald hat John F. Kennedy ermordet. Aber, und hier wird aus der offiziellen Version eine andere Theorie: Oswald handelte nicht alleine, sondern im Auftrag des kubanischen Geheimdienstes. Als glühender Kommunist sei er der ideale Mann gewesen, um den Mann zu ermorden, der zahlreiche Attentatsversuche auf Castro angeordnet hatte. Lyndon B. Johnson, so die Theorie weiter, habe später von der kubanischen Verwicklung erfahren. Um eine Eskalation des Kalten Krieges zu verhindern, habe er dies jedoch der Öffentlichkeit verschwiegen.

Der deutsche Filmemacher Wilfried Huismann griff die Theorie in einem Film 2006 auf und befragte dazu Mitarbeiter des kubanischen Geheimdienstes G2. Demnach gab es offenbar in der Tat Kontakte zwischen Oswald, der eine Zeitlang in Moskau gelebt hatte, und dem G2. Immer wieder gab es Spekulationen über ein Treffen zwischen Oswald und dem damaligen kubanischen Geheimdienstchef Fabian Escalante in Mexiko. Oswald selbst gab sich als Castro-Anhänger zu erkennen und verteilte pro-kubanische Flugblätter.

Lückenlos ist die Indizienkette nicht. Escalante streitet naturgemäß jede Beteiligung des G2 ab. Was gegen die Theorie spricht: Kennedy hatte es 1962 abgelehnt, mit fingierten Terroranschlägen im eigenen Land den Vorwand für eine Invasion Kubas zu schaffen. Verfechter der Castro-These hoffen auf 2017: Dann werden wichtige Geheimdienstakten über Escalante veröffentlicht.

Die Exilkubaner-Theorie

Nicht nur Fidel Castro, auch seine Gegner werden als mögliche Auftraggeber für den Kennedy-Mord genannt: In den USA lebende und im organisierten Verbrechen tätige Exilkubaner, so die Theorie, seien voller Hass auf Kennedy gewesen, da dieser die Schweinebucht-Invasion nicht mit Luftangriffen unterstützt und in der Kuba-Krise zu weich reagiert habe. Je nach Abwandlung der Theorie habe die Exilkubaner-Mafia alleine oder mit enttäuschten CIA-Mitarbeitern das Attentat geplant.

Ein Indiz für diese Theorie liefert wiederum Lee Harvey Oswald, der nicht nur als Castro-Anhänger agierte, sondern auch die Nähe der traditionell Castro-hassenden Exilkubaner suchte. Allerdings fehlen wichtige Details über Mittelsmänner und einen möglichen Ablauf. Ein Randaspekt: Einer Variante dieser Theorie zufolge handelt es sich bei den schon damals kursierenden Hinweisen auf eine Beteiligung des kubanischen Geheimdienstes um den Versuch, eine falsche Fährte zu legen und den Vorwand für eine Verschärfung der amerikanischen Kuba-Politik zu liefern.

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