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50 Jahre Élyseé-Vertrag:Zwei sehr unterschiedliche Länder

Die großen Probleme der deutschen Wirtschaft haben diese Veränderung zunächst kaschiert. Es ist fast vergessen - aber vor nur zehn Jahren war Deutschland noch der "kranke Mann Europas". Damals haben die Deutschen über ihre Wettbewerbsfähigkeit gestritten, bis dann Kanzler Gerhard Schröder Strukturreformen anpackte, deren Früchte Angela Merkel nun erntet. Der starke deutsche Export, perfekt an eine globalisierte Welt angepasst, hat das Land auf das heutige Niveau aufsteigen lassen.

50 Jahre Élysée-Vertrag

Vom schlimmsten Feind zum engsten Freund

Frankreich hat einen anderen Weg eingeschlagen. Zurückhaltender angesichts der Globalisierung und empfindsamer für sozialen Druck, hat Frankreich die strukturelle Anpassung aufgeschoben. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Abstand zwischen den beiden Volkswirtschaften daher unerbittlich vergrößert. Nun sind es die Franzosen, die über ihre Wettbewerbsfähigkeit debattieren. Und es sind die Franzosen, die reformieren müssen. Sie tun es, wenn auch nicht schnell genug für Merkels Geschmack.

In der globalisierten Welt hat Deutschland mehr Gewicht als Frankreich. Aus Washington oder Peking blickt man nicht auf das deutsch-französische Paar, man schaut auf die EU. Und wenn man die Karte der EU aus der Ferne betrachtet, ist Deutschland der größte Klecks. Das ist die Realität im Jahr 2013.

Trotzdem gebe es keinen Ersatz für das deutsch-französische Duo, sagt der frühere Außenminister Hubert Védrine, weder in Gestalt eines französisch-britischen Tandems noch eines deutsch-polnischen. Deutschland und Frankreich sind dazu verurteilt, miteinander auszukommen, wenn Europa vorankommen soll. Es sind zwei sehr unterschiedliche Länder - darin liegt auch die Idee begründet, ihre unentbehrliche Partnerschaft in einem Vertrag festzuschreiben, also einen verpflichtenden Rahmen zu schaffen, der sie zur Zusammenarbeit zwingt.

Es mag sein, dass diese Partnerschaft manchmal schwer zu pflegen ist. Aber es ist unwürdig, Differenzen allzu öffentlich zur Schau zu tragen. Die Bürger jedenfalls haben gelernt, miteinander zu leben und zu arbeiten. Es ergibt sich sogar, dass sie zusammen Zeitungen machen.

Sylvie Kauffmann ist Directrice Éditorial von Le Monde . Übersetzung: Caroline Ischinger