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Deutsche Einheit:Es ist Zeit, die Schreckstarre zu überwinden

Präsent sind diese Erfahrungen in Büchern, in Filmen, auf der Bühne. Vor Kurzem erschien Ingo Schulzes großer Schelmenroman "Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst". Schulze spannt den Bogen von der Honecker-DDR bis in die späten Neunzigerjahre und erzählt aus der Perspektive eines ganz und gar Naiven vom Umbruch, vom Traum einer christlich-kommunistischen Demokratie und von Geldvernichtung in der Marktwirtschaft.

Dankbarkeit einzufordern ist selten ein feiner Charakterzug. Diese von den Ostdeutschen zu verlangen, verkennt die Lage. Sie waren, auch wenn das bei Helmut Kohl oft anders klang, nicht Objekte eines staatlichen Beglückungsprogramms, sondern Akteure der Vereinigung, verantwortliche Subjekte. Die Einheit des Landes und gleichwertige Lebensverhältnisse herzustellen war ein Grundgesetzauftrag. Und Wahlentscheidungen sollten doch unter Demokraten nicht als Danksagung verstanden werden.

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Dass freilich die Treuhand miserabel wirtschaftete, dass die Mittel für den Aufbau Ost oft falsch eingesetzt wurden, dass die Wirtschaftskraft im Osten bei etwa 70 Prozent des westdeutschen Niveaus stagniert, dass im Osten deutlich weniger verdient wird, der Mindestlohn eine größere Rolle spielt, dass etwa 40 Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte ihre Einkünfte aus Transferzahlungen beziehen - darüber wäre zu reden. Der Hinweis auf ähnliche Verhältnisse im Westen relativiert das Problem nicht, sondern zeigt, dass es ein gesamtdeutsches ist.

Im Osten ist die Lage besser als vor zwanzig Jahren

Waren die Stimmen für die AfD ein Protest gegen den Neoliberalismus? Ausdruck der Verzweiflung angesichts der wirtschaftlichen Lage? Es mögen solche Motive eine Rolle gespielt haben, wobei man sich dann doch wundern muss, dass dieser Protest sich ausgerechnet jetzt so vehement äußert. Auch im Osten ist die wirtschaftliche Lage besser als vor zwanzig oder vor zehn Jahren.

Wenigstens so wichtig wie die ökonomischen Verhältnisse sind Fragen der politischen Kultur. In der DDR boten Familie und Freundeskreis einen privaten Schutzraum, in den Neunzigerjahren, als die Mehrheit ihr Leben auf neue Gleise setzte, boten sie Halt. Dass die öffentliche Sphäre im Osten schwächer entwickelt sei als im Westen, die Parteibindungen geringer seien, ist oft gesagt wurden. Aber ist das im Westen wirklich grundsätzlich anders? Die Unterschiede scheinen in diesem Fall doch nur noch graduelle, keine substanziellen mehr zu sein. Auch sollte man nicht übersehen, dass es überall starke Gegenkräfte gibt, dass etwa Pegida-begleitend über Monate auch die Demonstration "Dresden für alle" organisiert wurde.

Nach einer Woche des verständlichen Entsetzens über das Wahlergebnis der AfD ist es nun wohl an der Zeit, die Schreckstarre zu überwinden. Es ist gelungen, mit den Deutschen des Jahres 1945 eine Demokratie aufzubauen. Es ist nach dem für alle überraschenden Jahr 1989 die Berliner Republik entstanden, politisch stabil, von vielen Europäern um kulturellen Reichtum und ökonomische Prosperität beneidet. Die Erfolge der Gauland-Weidel-Truppe sind kein Grund, in Panik zu geraten. Die wichtigen Fragen - nach Integration, nach prekären Verhältnissen, nach der Zukunft schrumpfender Regionen, nach Chancengleichheit - stehen schon länger auf der Tagesordnung.

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