bedeckt München
vgwortpixel

Deutsche Einheit:Wostdeutschland

Wiedervereinigung, Tag der deutschen Einheit

Rund eine Million Menschen feierten in der Nacht des 3. Oktober 1990 in Berlin die wiedergewonnene deutsche Einheit (Archivbild).

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Der Erfolg der AfD bei der Bundestagswahl wird vielfach Ostdeutschland angelastet.
  • Doch die sozialen Themen - Integration, Chancengleichheit, prekäre Lebensbedingungen - betreffen längst die ganze Bundesrepublik.
  • Unterschiede zwischen Ost und West haben historische Ursachen, aber sind nicht mehr struktureller Natur.

Die Integration Ostdeutschlands sei wohl gescheitert, hieß es noch am Wahlabend. Eine Ost-West-Debatte ist wieder aufgeflammt, die bislang überwiegend dazu diente, Ratlosigkeit zu kompensieren. Wer es sich nicht zu einfach machen will, sollte zur Kenntnis nehmen, dass die AfD bundesweit Erfolg hatte und dass es ihr offenbar gelungen ist, in sehr verschiedenen Milieus attraktiv zu erscheinen. Das hat viele Gründe, so wie auch ihre besondere Stärke in Ostdeutschland nicht überall die gleichen Ursachen haben dürfte. In den fünf längst nicht mehr so neuen Ländern sind seit dem Vereinigungsschock der frühen Neunzigerjahre sehr heterogene Lebenswelten entstanden: Die urbanen Zentren wie Potsdam, Dresden, Leipzig oder Jena unterscheiden sich deutlich von den vielen Kleinstädten und mehr noch von ländlichen Regionen. Einige werden von gestressten Städtern als Rückzugsorte genutzt, andere wirken entleert, verlassen, im Wortsinne abgehängt.

Bundestagswahl "Wir haben Menschen vergessen"
AfD-Erfolg in Ostdeutschland

"Wir haben Menschen vergessen"

Nach der Wende entstand in Bitterfeld-Wolfen ein kleines Paradies. Heute stimmen dort 22 Prozent für die AfD. Wie passt das zusammen? Ein Besuch am Tag nach der Wahl.   Von Antonie Rietzschel, Bitterfeld-Wolfen

Komfortables Elend in den neuen Bundesländern

Es gibt solche Regionen auch im Westen. Die Unterschiede, die Probleme in armen Regionen mit schwacher Wirtschaft sind 27 Jahre nach der Vereinigung überhaupt kleiner als oft geglaubt. Allerdings unterscheiden sich Ost und West aufgrund der rund fünfzig Jahre unterschiedlicher historischer Erfahrung: mit verschiedenen Befreiern und Besatzungsmächten, in zwei einander feindlichen Gesellschaftssystemen und den sehr verschieden erlebten Jahren der Vereinigungskrise. Während manche im Westen in den neuen Mitbürgern vor allem Kostgänger und Fortschrittshemmnisse sehen wollten, erlebten die Ostdeutschen, nach der Selbstbefreiung 1989, wie einer Gesellschaft der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, sie wurden Zeugen einer beispiellos raschen Deindustrialisierung. Die Geburtenrate sank, bis nur noch im Vatikan weniger Kinder zur Welt kamen, Arbeitslosigkeit und Abwanderung wurden Massenschicksal. Zugleich aber, dies war die paradoxe Erfahrung der Neunzigerjahre, gab es überall im Osten eine Wohlstandsexplosion. In keinem anderen Land des ehemaligen Ostblocks war der Übergang in die Marktwirtschaft so abgesichert durch Transferzahlungen, Aufbauhilfen und einen ausgebauten Sozialstaat. Es war ein komfortables Elend.

Daher wird in der deutsch-deutschen Debatte einerseits Anerkennung und andererseits Dankbarkeit gefordert. Aber das sind Phrasen, aus denen wenig folgt. In Sonn- und Festtagsreden ist die besondere Leistung der Ostdeutschen mehrfach gewürdigt worden, aber das vermag, so pauschal ausgesprochen, den Durst nach Anerkennung der eigenen Biografie nicht zu stillen. Dieser allgemein menschliche Wunsch ist politisch nicht befriedigend zu erfüllen. Oder soll ein Bundesamt für die Würdigung von Lebensleistungen Anerkennungsscheine ausstellen?

AfD Eine Ursache für den Erfolg der AfD: Mangel an Respekt
Bundestagswahl

Eine Ursache für den Erfolg der AfD: Mangel an Respekt

Auch in Deutschland gibt es ein wirtschaftliches Gefälle, doch es spielt eine viel kleinere Rolle als bei der Wahl von Trump oder dem Brexit. Entscheidend sind andere, weniger messbare Dimensionen von Ungleichheit.   Gastbeitrag von Timothy Garton Ash