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3. Oktober:Ganz schön vereint

30 Jahre nach der Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland: Drei Bücher blicken auf die Entwicklung seit 1990 - mit sehr unterschiedlichen Ansätzen, aber einem Ergebnis.

Von Viktoria Großmann

Deutsche Wiedervereinigung, 1990; Mauerfall Wiedervereinigung

Achtung Einheit: Am 3. Oktober 1990 feiern die Menschen die Wiedervereinigung vor dem Reichstagsgebäude. Dass alles nicht so glatt laufen würde, wie Helmut Kohl sich das vorstellte, erahnten nicht nur die Grünen.

(Foto: Regina Schmeken; Regina Schmeken)

Hinten stehen Witze drin. Das lässt der nüchterne Einstieg nicht vermuten. Eine Streitschrift zur deutschen Einheit nennen Karl-Heinz Paqué und Richard Schröder ihr Buch "Gespaltene Nation? Einspruch!" - und man liest am besten den zweiten Teil zuerst. Dann wird noch schneller ersichtlich, dass die Autoren weniger streitsüchtig als versöhnlich gestimmt sind. Meinungsverschiedenheiten kann man sich zwischen dem Ostdeutschen Schröder und dem Westdeutschen Paqué, mehr noch zwischen dem Theologen und SPD-Mitglied Schröder und dem Volkswirt und ehemaligen FDP-Finanzminister in Sachsen-Anhalt, Paqué, gut vorstellen. Aber so richtig gestritten haben sich die beiden wohl nicht. Vielmehr geht es ihnen um die Betonung von Gemeinsamkeiten. Und dazu tragen auch die Witze bei.

Jahrestage sind Anlässe, Geschichten zu erzählen. Und sie werden im 30. Jahr der deutschen Einheit noch um ein paar Erlebnisberichte und Erinnerungen ergänzt. Etwa durch die Sammlung "Die anderen Leben. Generationengespräche Ost" von Dörte Grimm und Sabine Michel oder das von Freya Klier herausgegebene Kompendium "Wir sind ein Volk! Oder?" Doch genau diesen Geschichten misstrauen Schröder und Paqué - offenbar so sehr, dass die mit eigenen Erinnerungen gemischte Darstellung des Lebens in der DDR in ihrem Buch unter dem Kapitel "Mythen" zusammengefasst ist. Das erste Kapitel heißt schlicht "Fakten" und präsentiert diese entsprechend trocken, aber aufschlussreich mit Grafiken und Statistiken unterlegt.

Aufräumen wollen die beiden älteren Herren, Jahrgang 1943 und 1956, mit der Vorstellung, dass Ost- und Westdeutsche 30 Jahre nach der Wiedervereinigung mehr trennt als vereint. Entschieden treten sie dem entgegen, was sich gerade als Opfermythos zu verfestigen beginnt und was Schröder und Paqué ins Reich der Legenden verweisen: Die Treuhand taugt nach ihrer Analyse nicht als Sündenbock. Schon gar nicht als vom Westen gesteuerte Aktion, um den Osten auszunehmen.

Die These vom Schweigen der Generationen geht nicht ganz auf

Zum überwiegenden Teil hätten Ostdeutsche für die Treuhand gearbeitet, gegründet am 1. März 1990 unter der Regierung von Hans Modrow. Den Wert der volkseigenen Betriebe völlig überschätzend, sei es dennoch gelungen, aus 8500 Betrieben mehr als 10 000 überlebensfähige, teils kleinere Unternehmen zu machen, 40 Prozent der Arbeitsplätze habe man erhalten können. Dafür habe sich der Sektor der kleineren, privaten Dienstleistungen gut entwickelt. Den richtig großen Stellenabbau habe es - ganz ohne Treuhand - in der Landwirtschaft gegeben sowie im Bergbau. Jedoch sei auch dies nicht zugunsten der West-Beschäftigten gegangen - im Gegenteil hätten im Kali-Bergbau auch westdeutsche Kumpel ihre Arbeit verloren.

So weit die Fakten, die im zweiten Teil des Buches in ein gesellschaftliches Ganzes eingeordnet werden. Doch wo Schröder und Paqué versuchen, Mythenbildung vorzubeugen und diffusen Unter- oder auch Überlegenheitsgefühlen zu begegnen, wird an anderer Stelle genau an dieser gefühlten DDR und ihren Auswirkungen weitergeschrieben. Mit der These, es werde zwischen den Generationen zu wenig bis gar nicht über das Erlebte in der DDR und der Wendezeit gesprochen, treten die Dokumentarfilmerinnen Dörte Grimm und Sabine Michel an. Sie bitten Eltern und Kinder an einen Tisch: die Lehrerin und ihren Stasi-Vater, den Zeitungsmitarbeiter mit der marxistisch-leninistischen Erziehung, die zu Wohlstand gekommene Reichsbürgerin, die depressive Schuldirektorin.

Aufgezeichnet haben sie teils angespannte Gesprächssituationen zwischen jener Generation, die in der DDR berufstätig war und Familie hatte, und der Generation der sogenannten Wendekinder, zu denen sie selbst gehören. Geboren zwischen 1970 und 1985, war ihre Kindheit und Jugend weniger von der DDR als den Folgen ihres Zusammenbruchs geprägt. Es sind gut lesbare, teils aufschlussreiche Familiengeschichten. Einen unnötigen Eindruck der Schwere erweckt die konsequente Anonymisierung der Protagonisten, als seien sie Geheimnisträger, auf denen Unsagbares laste. Als Beitrag zur Erinnerung an einen untergegangenen Staat und zur Ergänzung im Schulunterricht sind diese Geschichten aber ungleich geeigneter als der Oscar-prämierte, aber historisch doch recht ungenaue Film mit dem so ähnlichen Titel "Das Leben der anderen". Er wird, wie die Autorinnen im Anhang leicht empört anmerken, gern als Lehrfilm eingesetzt. Das Schulsystem der DDR, die Institution der Wochenkrippe, aber auch das unverwüstliche Material Sprelacart - zu besichtigen in Aufzügen von Plattenbauten - oder der Trabi Kübel werden in ihrem Buch dem Vergessen entzogen.

Eine bessere Einordnung ermöglicht dazu die Textsammlung der erst in der DDR inhaftierten, dann ausgebürgerten Dresdner Bürgerrechtlerin Freya Klier, die in "Wir sind ein Volk! Oder?" auch Westdeutsche zu Wort kommen lässt. Anonym bleibt hier niemand - von CDU-Politiker Peter Tauber über den ehemaligen Dresdner Oberbürgermeister Herbert Wagner bis zur Zeitzeugin Editha Krummreich, die sich am Tag ihrer Entlassung aus ihrem Verpackungskombinat erst mal betrinkt und später ihr Berufsglück bei der Allianzversicherung findet. Hervorzuheben auch der Beitrag der Afrodeutschen Katharina Oguntoye mit ihrer ost-west-deutschen Biografie und der von Doris Liebermann, die daran erinnert, wie tschechische und polnische Dissidenten schon früh ein vereinigtes Deutschland als Voraussetzung für ein geeintes Europa ansahen.

Denn so ganz will die These des Schweigens zwischen den Generationen bei Grimm/Michel nicht aufgehen. Nicht nur, weil manche Leserin aus eigener Erfahrung von keinerlei Schweigen, weder von Seiten der Eltern noch Großeltern oder eher allzu plauderfreudigen Lehrern, zu sagen weiß. Auch weil die angespannten Eltern-Kind-Verhältnisse oft nur schwer ausgerechnet auf schwierige Transformationsbiografien zurückzuführen sind, sondern vielmehr auf allzu Menschliches. Auch im Westen haben sich Väter und Söhne nicht immer viel zu sagen.

Damit stützen die Autorinnen unfreiwillig das Fazit von Schröder und Paqué, der Osten habe eine Deindustrialisierung erlebt, die auch andere Weltgegenden aus unterschiedlichen Gründen durchgemacht haben. Was die Menschen in diesen Regionen eine, ob Sachsen, Nordengland oder Südfrankreich - sei nun die Hinwendung zu nationalistischen Bewegungen und Parteien. Mit anderen Worten: Uns eint, auch in der Verbitterung, alle viel mehr, als uns trennt. Oder wie es einer der DDR-Witze besagt: "Was ist Kapitalismus? Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Im Sozialismus ist es umgekehrt."

© SZ vom 05.10.2020

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