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25. Todestag:Was würde "König Willy" sagen?

Bisher ist seit dem Wahlsonntag inhaltlich wenig passiert - und auch eine personelle Erneuerung scheint schwierig. Auch aus einem Mangel an Alternativen. Olaf Scholz etwa wurde schon als Generalsekretär wegen seiner gestanzten Antworten "Scholz-O-Mat" getauft und machte im Juli als Hamburger Bürgermeister bei den G-20-Protesten alles andere als eine gute Figur. Also überließ Schulz Andrea Nahles, die seit ihrer Zeit als Juso-Chefin nichts anderes kennt als den SPD-Klüngel, den Fraktionsvorsitz. Auch wenn er sich mit dieser Machtteilung zwischen Partei- und Fraktionsvorsitz zu einem SPD-Vorsitzenden auf Abruf macht.

Schulz wird also versuchen, die nächsten zwei Jahre die Partei wieder aufzurichten, aber 2021 wohl der eigentlichen Oppositionsführerin den Vortritt lassen. Vielleicht hat Nahles dann sogar eine Chance, weil sie höchstwahrscheinlich nicht mehr gegen Merkel antreten muss (falls die nicht den Fehler ihres einstigen Mentors und späteren Opponenten Helmut Kohl wiederholen möchte). Doch Merkel-Verdrossenheit und die Angst vor einem "Weiter so" dürfen nicht alles sein, was für die SPD spricht.

Was würde Willy dazu sagen, fragen sich seither viele in der SPD. Sein ältester Sohn, der Historiker Peter Brandt, sagte dazu kürzlich bei einer Veranstaltung in Ulm, er wisse auch nicht, was "König Willy" zu den aktuellen Ereignissen sagen würde. Das sei alles hypothetisch, die Sozialdemokratie müsse eigene Antworten finden, statt zu deuten, welche Meinung der Übervater der SPD dazu heute wohl hätte. Keine Schützenhilfe aus der Familie also, aber womöglich genau die richtige Maßgabe. Die Sozialdemokraten stehen vor einer Entscheidung zwischen einer neoliberalen SPD a là Gerhard Schröder und Tony Blair oder dem linken Gegenentwurf eines Jeremy Corbyn, der in Großbritannien zumindest nicht so schmachvoll verlor wie Schulz in Deutschland.

"Mehr Demokratie wagen" als Mahnung

Brandt war kein Heiliger. Er war es, der den Radikalenerlass und die Berufsverbote in den 1970er Jahren zu verantworten hatte. Wenn auch als Tribut an die Ministerpräsidenten der Union, wie sein Sohn Peter meint. Er trug mit, dass Helmut Schmidt, sein Nachfolger als Kanzler, den Nato-Doppelbeschluss durchsetzte und die SPD immer weiter nach rechts schob (was für manche die Mitte war). Auch ging unter ihm als Vorsitzenden der SPD die Macht verloren, die erst Gerhard Schröder 1998 wieder (in der Mitte) gewinnen konnte. Das Projekt Rot-Grün allerdings hielt nicht einmal zwei reguläre Legislaturperioden und ging 2005 mit vorgezogenen Neuwahlen zu Ende.

Trotzdem lässt sich auch heute noch einiges lernen von Willy Brandt. Etwa, weil er aus der ersten Koalition zwischen Union und SPD von 1966 bis 1969 als Kanzler hervorging. Und eben nicht in die Opposition. Und weil Brandts Satz "Wir wollen mehr Demokratie wagen" auch 48 Jahre nach seiner Regierungserklärung von 1969 Gewicht hat - und heute wie eine Mahnung klingt, die mit all ihrem Pathos für Modernisierung und Liberalisierung einer ganzen Gesellschaft steht. Für Aufbruch, nicht für Bewahren.

Im klassischen Sinne ist die SPD eine Partei vielleicht nicht mehr der Arbeiter, die immer weniger werden, aber doch noch immer der Arbeitnehmer. Die Sozialdemokraten brauchen eine neue Losung, sie müssen deutlich machen, wieso gerade sie wichtig sind in einer Zeit, in der sich die Arbeitsverhältnisse rasant ändern. In einer Zeit, in der Roboter Werte schaffen und sich auch folglich die Eigentumsverhältnisse ändern müssen, wenn sich die Gesellschaft nicht noch mehr spalten soll.

Und in einer Zeit, in der Europa an allen Ecken bröckelt, weil die Idee davon dringend eine Erneuerung benötigt. Schafft die Sozialdemokratie es nicht, darauf Antworten zu finden, wird es Zeit, sie ins Museum zustellen. In anderen Ländern Europas ist das längst geschehen.

© SZ.de/lala/sebi

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