25 Jahre Deutsche Einheit:Späte Blüte

Endlich nicht mehr Zonenrandgebiet, sondern wieder im Zentrum Deutschlands - Kassel musste lange auf den erhofften Aufschwung warten. Doch inzwischen boomt die Stadt.

Von Susanne Höll

Ach, wie groß war die Begeisterung in Kassel, als 1989 die Grenzen aufgingen zur DDR, als die Ostdeutschen endlich gen Westen konnten und man selbst ohne Antrag und bürokratisches Brimborium nach Thüringen durfte, jedenfalls dann, wenn es auf den Straßen ein Durchkommen gab. Größer als die Freude waren damals und selbst ein Jahr später, dem Tag der deutschen Einheit, die Hoffnungen in der Stadt: Nun ist Schluss mit der Randlage im Schatten von Stacheldraht und Minenfeldern, nach mehr als 40 Jahren wieder ein Hinterland, endlich wieder da, wo man hingehört, im Zentrum Deutschlands. Jetzt geht es aufwärts. Ganz bestimmt.

Und was geschah? Die Begeisterung ließ, wie andernorts auch, mit der Zeit spürbar nach, die Hoffnungen auf wirtschaftliche Prosperität wurden erst einmal schwer enttäuscht. Wieder ein Rückschlag, wieder ein Debakel für einen gemarterten Ort.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war Kassel schön, sehr schön sogar, alte Residenzstadt, viele Beamte, große Industrieunternehmen, Verkehrsknotenpunkt im Herzen Deutschlands, mehr als 200 000 Einwohnern, auf dem besten Weg zur veritablen Metropole. 1943 wurden weite Teile der Stadt zerstört, in deren Fabriken zuletzt ausschließlich Waffen für den NS-Staat produziert und über die Bahnkreuze in alle Himmelsrichtungen transportiert worden waren. Kassel lag buchstäblich in Schutt und Asche. Dann wurde Deutschland geteilt, gut 30 Kilometer östlich vom Rathaus in der Königstraße wurde die deutsch-deutsche Demarkationslinie gezogen - die Zonengrenze. Keine andere westliche Großstadt - mit Ausnahme natürlich von Westberlin - lag näher an der Grenze, litt härter unter ihr.

„Grenzen überwinden“ - das Bürgerfest in Frankfurt

Das große Bürgerfest zum 25. Geburtstag der Einheit steht in diesem Jahr unter dem Titel "Grenzen überwinden". Wer auch immer diesen Slogan wählte, wird nicht geahnt haben, wie präzise er dieses Vierteljahrhundert deutscher Geschichte beschreibt. Damals waren in Europa Grenzen gefallen, heute werden sie neu errichtet.

Die inzwischen traditionellen Feste finden im alljährlichen Wechsel eigentlich in der Hauptstadt des Gastgeberlandes statt. Aber Wiesbaden, Regierungssitz von Hessen, musste passen. Einen Ansturm von mindestens einer Million Besucher hätte Wiesbaden aus Sicht der schwarz-grünen Landesregierung nicht verkraftet. Also wird die Geburtstags-Sause in Frankfurt arrangiert, einer Stadt, die oft und gern feiert. Drei Tage, vom 2. bis zum 4. Oktober, wird in der Innenstadt das inzwischen übliche Programm von historischem Rückblick, politischer Bildung, Musik und sonstiger Unterhaltung offeriert.

Es gibt wieder eine Ländermeile, auf der sich die 16 Bundesländer präsentieren, gern besucht, mit den landesüblichen Häppchen wie Spreewaldgurken oder Ruhrpott-Currywurst. Auf einer "Blaulichtmeile" berichten Polizisten, Feuerwehrleute und andere Lebensretter über ihre Arbeit. Vor der Paulskirche kann man eine Zeitreise in die jüngste Vergangenheit unternehmen: Auf Info-Ringen werden die wichtigsten Ereignisse jedes Jahres seit 1990 dargestellt. Der Bundestag, der Bundesrat und die Bundesregierung informieren, was sie jeden Tag so tun. An der Liebfrauenkirche laden Stiftungen und Gedenkstätten, Beauftragte für Stasi-Unterlagen und politische Bildungsstätten zu Diskussionen ein. Andernorts in der Stadt wird getanzt und gesungen. Vor der Alten Oper etwa. Auf der Bühne spielen der Rapper Cro, Sarah Connor sowie Roger Cicero mit einer Bigband auf. In der Alten Oper findet am 3. Oktober der offizielle Festakt statt; erwartet wird die gesamte Polit-Prominenz Deutschlands, auch Altkanzler Helmut Kohl und der letzte sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow, ohne die es die deutsche Einheit nicht gegeben hätte. Und drei Dutzend Flüchtlinge, die in diesem Jahr mühsam Grenzen überwunden haben, sind eingeladen.

Natürlich gibt es ein großes Feuerwerk, am Samstagabend, nach Anbruch der Dunkelheit, über dem Main. Am Sonntag dürfen die Geschäfte öffnen, wer Lust und Zeit hat, kann also neben der Feierei auch noch shoppen gehen. Susanne Höll

Berlin und Kassel waren in mancher Hinsicht ungleiche Schicksalsschwestern der Nachkriegszeit. Die düstere Grenze bestimmte die Wirtschaftsentwicklung und auch oft persönliche Lebenswege. Beide Städte exportierten ihre Kinder, wer etwas werden wollte, ging in den westdeutschen Süden, Norden oder Westen. Westberlin hatte immerhin eine renommierte Universität; Kassel bekam erst 1971 eine Gesamthochschule, die in ihren Anfangsjahren bundesweit keinen sonderlich guten Ruf genoss. Die inzwischen weltberühmte Documenta brachte kulturelles Renommee, aber wenig Geld. Beide Städte hingen am staatlichen Finanztropf - in Kassel war es die Zonenrandförderung. Und beide erhielten allerlei andere Unterstützung als Ausgleich für ihre im wörtlichen Sinne schwierige Lage.

Bundeshauptstadt wäre Kassel nur zu gern geworden, der Zuschlag ging im Mai 1949 aber an Bonn. Ein Ort, der von sowjetischen Panzern in wenigen Stunden hätte erreicht werden können, kam als Regierungssitz nicht in Frage. Später fanden das Bundesarbeitsgericht und das Bundessozialgericht ihren Platz in der Stadt, der Bundesgrenzschutz war stationiert und viele Soldaten, amerikanische, belgische und westdeutsche.

Der Fall der Mauer und der Abbau der Zonengrenze sorgten nicht für Besserung, im Gegenteil. Die Zonenrandförderung wurde gestrichen, man brauchte schließlich Geld für den Aufbau in Ostdeutschland. Das Bundesarbeitsgericht zog kurz vor der Jahrtausendwende nach Erfurt. Die lokale Industrie schwächelte, die Soldaten zogen ab, ebenso der Bundesgrenzschutz, Arbeitsplätze gingen allüberall verloren, neue gab es kaum.

Kasseler Wasserspiele

Der Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel mit der Herkulesfigur und den Wasserspielen gehört seit zwei Jahren zum Unesco-Weltkulturerbe.

(Foto: Uwe Zucchi/dpa)

Speditionen und Versandhändler siedelten sich dort an, wo es direkte Autobahnverbindungen gen Osten gab und man sich nicht über die in den Wintermonaten berüchtigten Kasseler Berge quälen muss. Kleinere Betriebe wechselten, der Fördergelder wegen, in die neuen Bundesländer.

Einheit bedeutet, dass der Westen mit dem Osten teilt. Kassel teilte, in wachsendem Missmut allerdings. 2003 war die Stadt gesamtdeutscher Spitzenreiter bei den Sozialhilfeempfängern - gut zehn Prozent der damaligen Bevölkerung bekamen damals Stütze, die Arbeitslosigkeit lag bei erschreckenden 20 Prozent. In jener Zeit konnte man mitten in der Stadt ein Jugendstilhaus mit zehn Wohnungen für 200 000 Euro kaufen. Gewinnerin der Gewinnerin der Einheit? Sicher nicht.

Und dann, mehr als ein Jahrzehnt nach der deutschen Einheit, kam endlich auch in Kassel die Wende. Die einstige Gesamthochschule ist längst eine Uni geworden, mit inzwischen gutem Ruf. Etliche ihrer Absolventen wurden zu Unternehmern, gründeten in und um die Stadt herum eigene kleine Firmen, viele Software-Entwickler wagten ihr Glück und machten sich selbständig.

Und die Geschäfte liefen prächtig, endlich gab es wieder neue Arbeit. Der Star unter ihnen war lange Zeit SMA Solar, die Wechselrichter für Solaranlagen produzieren und einige tausend Jobs in und um Kassel schufen. Anfang des Jahres geriet das Unternehmen allerdings in die roten Zahlen, in Nordhessen wurden gut tausend Stellen gestrichen. Aber inzwischen berappelt sich die Firma wieder. Die Arbeitslosigkeit in Kassel liegt mittlerweile unter zehn Prozent. Aus dem nahegelegenen Thüringen, einst von Nordhessen durch die Zonengrenze getrennt, pendeln viele, der Arbeit wegen, in die Stadt. Die Immobilienpreise steigen, Mietshäuser kann man nicht mehr zum Spottpreis kaufen, die Leute ziehen inzwischen wieder auf das nahe Land, weil man dort preiswerter wohnt. Die Stadthalle ist ein beliebter Konferenzort Deutschlands geworden.

Kassel boomt, jedenfalls für seine Verhältnisse. Sogar einen Flughafen gibt es, im nahegelegenen Örtchen Calden. Der ist aber eine Art Geister-Airport, von dem kaum ein Flieger startet und hat mit dem Aufschwung in Kassel entgegen manchen Beteuerungen von Kommunalpolitikern nicht wirklich etwas zu tun.

Einer, der in Kassel geboren wurde, ihr Oberbürgermeister war, in die Ferne zog und nun wieder in der Stadt lebt, meint, man habe in den euphorischen Stunden der Einheit zu hohe Erwartungen gehabt. "Was 40 Jahre getrennt war, braucht vielleicht 40 Jahre, um wieder zusammenzuwachsen", sagt Hans Eichel, Ex-Ministerpräsident Hessens und Ex-Bundesfinanzminister.

© SZ vom 24.09.2015
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