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25 Jahre deutsche Einheit:Deutschland, eine Erfolgsgeschichte

Silvester 1989 am Brandenburger Tor

Die Geburtsstunde des vierten Reiches? Es kam anders.

(Foto: dpa)

Als die deutsche Einheit kam, blickte besonders der Westen skeptisch auf den neuen Giganten in Europas Mitte. Mancher faselte vom "Vierten Reich". 25 Jahre später ist dieses Deutschland liberaler, reifer, freundlicher als je zuvor.

Von Kurt Kister

Deutschland ist ein Land, in dem es an einem nie mangeln wird: an Pessimismus. Viele Deutsche wissen ganz genau, was alles schiefgehen kann. Zu der habituellen Befürchtung, dass kaum etwas klappen wird, gehört die entschiedene Haltung, dass dann, wenn tatsächlich etwas nicht klappt, man es ja schon immer gesagt hat. So war und ist das auch mit der Einheit.

Nicht wenige Deutsche in Ost und West gehören zur großen Gruppe derer, die nicht nur vieles wissen, sondern auch vieles schon immer besser gewusst haben. Und die Schuldigen, die jede Misere verursacht haben, sind auch bekannt. Sie werden oft mit dem bestimmten Artikel "die" pauschalisiert: Schuld also, dass alles so kommt, wie man es schon immer gesagt hat, sind "die" Politiker, "die" Banker, "die" Medien, "die" Gewerkschaften - oder auch "die" Wessis respektive "die" Ossis. Und dazu passt, dass in kaum einem anderen Land so ernst genommen wird, was "das" Ausland über einen sagt.

Trotz alledem und alledem, wie es in einem Märzlied von Ferdinand Freiligrath hieß, trotz Missmut und Nörgelei: Die deutsche Einheit ist eine Erfolgsgeschichte. In einem Vierteljahrhundert ist aus zwei Antagonisten ein Staat, mehr noch: wieder ein Land geworden. Es gibt noch viele Unterschiede und etliche Ungleichheiten. Bedenkt man aber, wie ungleich die Verhältnisse, der Grad der Freiheit, der individuelle Lebensstandard, die realistischen Erwartungen an die Zukunft und vieles mehr waren, so ist es bemerkenswert, dass es jetzt bereits eine Generation junger Erwachsener gibt, bei deren Geburt DDR und BRD nicht mehr existierten. Das sind die neuen Deutschen, die sich mit ihrem Heimatland viel weniger schwer tun als die beiden Generationen vor ihnen. Vieles an der Einheit war schwierig, manches sehr schwierig, und jene Euphorie, die es am Anfang der neuen Beziehung gab, verflog rasch. Das ist kein Wunder, denn in keiner Beziehung überlebt die Euphorie des Anfangs, the heat of the moment.

Der neue, alte Gigant in Europas Mitte schürt Ängste

Deutschland wurde 1990 deutlich größer. Eine "Wieder"vereinigung all dessen, was vor 1937 Deutschland war, war es dennoch nicht. Zu Polen, Russland und Tschechien gehören als Folge des von den Deutschen angezettelten Krieges ehemals deutsche Gebiete; sie sind und bleiben Teile jener Staaten, die sich Deutschland hatte einverleiben oder kolonisieren wollen. (Der Verzicht auf diese Gebiete war eine wichtige Voraussetzung für die Einheit.) Und dennoch entstand, 45 Jahre nach der Zerschlagung des bösen Deutschlands, durch die Verschmelzung der beiden Teilstaaten Bundesrepublik und DDR in der Mitte Europas wieder ein Deutschland, das wohlmeinende und weniger wohlmeinende Nachbarn und Anrainer auch skeptisch stimmte.

Die Ängste vor dem neuen, alten Giganten in Europas Mitte waren 1990 im Westen fast größer als im Osten. Vom Baltikum bis ans Schwarze Meer waren die ehemaligen Ostblockstaaten nebst etlichen sowjetischen Teilrepubliken in erster Linie mit ihrem eigenen Schicksal beschäftigt - also der glücklicherweise meistens friedlichen Überwindung des Staatssozialismus Moskauer Prägung. In Paris, Rom oder London aber hörten nicht wenige den scheinbar wieder lauter gewordenen Marschtritt jener deutschen Gespenster, die zwei Generationen zuvor Europa zwischen Guernsey und der Wolga terrorisiert hatten. Und als Schatten hinter diesen Gespenstern schlurfte auch noch eine graue Masse mit Pickelhauben auf den Schädeln - Wiedergänger eines anderen, älteren Krieges, dem ersten von zwei Weltkriegen.

Zu der historisch bedingten Skepsis gegenüber Deutschland gesellten sich dann noch sehr konkrete Befürchtungen. Bis 1989 war das nur teilsouveräne Westdeutschland trotz seiner ökonomischen Macht in Nato und EU politisch wenn nicht gefesselt, so doch sediert, ruhig gestellt. Jahrzehntelang zitierte man in Brüssel gerne das Bonmot des ersten Generalsekretärs der Nato, des britischen Barons Ismay, der den Zweck des Bündnisses so beschrieb: "Keep the Russians out, the Americans in, and the Germans down."

Selbst den Deutschen kam das nicht ungelegen; im Zweifelsfall zahlte man lieber, als Truppen zu schicken. Die Konservative Margaret Thatcher sah wie der Sozialist François Mitterrand, dass sich nach der Vereinigung Deutschlands Rolle in Europa wandeln würde. Thatcher sprach von dem Land, das stärker sein würde als alle anderen, und Kommentatoren warnten gar vor dem "Vierten Reich".

Europäischer als die meisten und liberaler als viele

Das mit dem Vierten Reich war und ist Blödsinn, auch wenn Rechte in Frankreich und Linke in Griechenland deutsche Politiker bis heute gerne mal in Nazi-Uniformen karikieren. Zwar gibt es auch in Deutschland Rechtsradikale, darunter ein paar mörderische Terroristen. Und nicht wenige Deutsche liebäugeln mit rechtspopulistischem Gedankengut. Das alles aber ist von einem Vierten Reich noch viel weiter entfernt als die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass wegen der Existenz der Linkspartei irgendwann wieder eine Art liberale DDR auf deutschem Gebiet installiert würde.

Kein anderes Land hat sich so intensiv, lange und konsequent mit seiner nationalistischen, blutigen Vergangenheit auseinandergesetzt wie Deutschland - intensiver als etwa Italien mit seinem Faschismus oder Länder wie Ungarn, Rumänien oder Kroatien mit ihren braunen Vergangenheiten. Deutschland ist europäischer als die meisten anderen und liberaler als viele - das reicht von seinem sehr liberalen Asylrecht über die strikte parlamentarische Kontrolle von Militäreinsätzen bis hin zur manchmal nahezu verzweifelt multilateralen Außenpolitik. Und Berlin will auch nicht den europäischen Hegemon geben, auch wenn dieser Begriff gerade sehr in Talkshow-Mode ist.

"Deutsches Hegemonialstreben" - klingt irgendwie fesch und gebildet.

Dass die Kritik vom angeblich deutschen Europa gerade in Deutschland so viele Anhänger findet, hat einerseits mit der bereits geschilderten Lust in unserem Land zu tun, eher das Schlechte zu suchen als das Gute zu finden. Andererseits gibt es etliche Staaten in der EU, zumal unter den neueren Mitgliedern, die das deutsche Modell vom sozialpartnerschaftlich eingehegten Kapitalismus mit einem hohen moralischen Anspruch attraktiv finden. Viele dieser Länder vertreten in den Gremien der EU ähnliche Ansichten wie die deutsche Regierung - nicht weil sie von den Deutschen dominiert würden, sondern weil sie ihre Interessen ähnlich definieren.

Die Politik gegenüber Griechenland zum Beispiel ist keineswegs der Feldzug Merkels und Schäubles, sondern der einer Mehrheit der Staaten in der Euro-Gruppe. Polen oder die Führungsmacht Frankreich achten genau darauf, dass sie sich von der Führungsmacht Deutschland nicht dominieren lassen. Dennoch verfolgen sie in der griechischen Frage eine ähnliche Politik wie Berlin; im Falle der Flüchtlinge ist dies anders. Die EU sperrt sich auch wegen ihrer komplizierten Konsens-Konstruktion bewusst gegen einen Hegemon. Großbritannien wollte das nie sein, Frankreich wurde es nicht und Deutschland wird es nicht werden. Trotzdem ist die Kritik am "deutschen Hegemonialstreben" en vogue. Schon der Begriff klingt ja irgendwie fesch und gebildet.

Historisch gesehen war die Teilung Deutschlands die Folge davon, dass es im 20. Jahrhundert zweimal, um eine Formulierung Fritz Fischers zu benutzen, nach der Weltmacht gegriffen hat. Das hat sich erledigt. Im 21. Jahrhundert gibt es kaum ein Land in Europa, in dem so viele Menschen den Abschied vom Nationalstaat alter Prägung für richtig halten - auch wenn mancher Pegidist und mancher Lodenjanker-Träger dabei den Untergang des Abendlandes wittert. Trotz alledem und alledem: Deutschland ist 25 Jahre nach der Einheit reifer und weltoffener geworden.

© SZ vom 02.10.2015/pamu
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