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200 Jahre Wiener Kongress:Als die Tyrannei der Werte fehlte

Group of people sitting in a meeting, Congress, Vienna, Austria

Sie verhandelten die neue Ordnung des Kontinents: Die Delegierten des Wiener Kongresses auf einem zeitgenössischen Kupferstich.

(Foto: Getty Images)

Frankreich, der geschlagene Gegner, wurde ritterlich behandelt. Doch das Gemälde von Staatsklugheit, das die Historiker Heinz Duchhardt und Eberhard Straub vom Wiener Kongress zeichnen, geht nicht auf. Die 1815 vereinbarte internationale Ordnung war moralisch angreifbar.

Der Wiener Kongress, der vor 200 Jahren den Umsturz der europäischen Staatenordnung reparierte, den die französischen Revolutionskriege und Napoleon bewirkt hatten, bleibt eines der klassischen Beispiele internationaler Politik. Als solches hat er immer auch die Praktiker der Diplomatie interessiert, was sich daran zeigt, dass jeweils am Ende von Erstem und Zweitem Weltkrieg ambitionierte Darstellungen vorgelegt wurden, als Anregungen für die Diplomatie.

1946 erschien ein Buch von Harold Nicolson, dem flamboyanten Briten, der schon 1919 in Versailles die monströse Behandlung mitnotiert hatte, die man den bedauernswerten Vertretern der deutschen Republik (und nicht etwa Exponenten des besiegten Kaiserreichs) zumutete. Der junge Henry Kissinger promovierte zum Wiener Kongress - der Ausgangspunkt seiner diplomatiehistorischen Standardwerke.

Neue Bücher zum Wiener Kongress

Heinz Duchhardt: Der Wiener Kongress. Die Neugestaltung Europas 1814/15. Verlag C. H. Beck (Beck Wissen), München 2013. 128 Seiten, 8,95 Euro.

Eberhard Straub: Der Wiener Kongress. Das große Fest und die Neuordnung Europas. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2014. 255 Seiten, 21,95 Euro.

Die beiden Jubiläumsbücher von Eberhard Straub und Heinz Duchhardt kennen diese Rezeptionsgeschichte, machen aber etwas jeweils Eigenes und Neues. Straubs Buch ist eigentlich ein Essay zur europäischen Außenpolitik zwischen der Französischen Revolution und dem Ersten Weltkrieg, der mit breitem Pinsel und oft polemischen Antithesen - gegen das nationale Selbstbestimmungsrecht und die Moralisierung der internationalen Beziehungen - das Konzert der Großmächte im 19. Jahrhundert feiert.

Diplomatie mit Vorgeschichte

Die "Pentarchie", das europäische Direktorium von Frankreich, Russland, Preußen, Österreich und England ordnete sich zu einem beruhigten Mobile des Ausgleichs um die strategische Mitte Deutschland. Dieses blieb geteilt zwischen Preußen, das bis ins Rheinland erweitert wurde, um Frankreich in Schach zu halten, und Österreich, das Russland abwehren und Italien überwachen sollte. Deutschland war so gesichert, konnte aber seinerseits niemanden bedrohen.

Wiener Kongress Europa feiernd neu ausgekungelt
200 Jahre Wiener Kongress

Europa feiernd neu ausgekungelt

Am 18. September 1814 beginnen die Gegner Napoleons in Wien, Europa neu zu ordnen. Der Machtpoker gleicht einer Riesenparty, sorgt für kuriose Amouren und führt zu Entscheidungen, die teilweise 200 Jahre später nachwirken.

England, in Straubs Sicht kaum noch gebraucht, monopolisierte die Meere und die liberale Moral. Vor allem dass Russland nicht aus Europa ausgeschlossen wurde, ist Straub wichtig - gegen das Aufgehen des alten Kontinents in einem atlantischen "Westen" samt zugehöriger "Tyrannei der Werte" bleibt der politisch inkorrekte Essayist skeptisch, durchaus mit Blick auf heutige Fragen.

Die autonome Sphäre der alteuropäischen Diplomatie allerdings macht Straub edler als sie war: Denn die Vorgeschichte der "Pentarchie" - Preußens räuberischer Aufstieg zur Großmacht und die polnischen Teilungen - vollzog sich in schweren Rechtsbrüchen.