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20 Jahre Unabhängigkeit:In Hongkong hat allein Peking das Sagen

Als die Kronkolonie vor 20 Jahren an China zurückfiel, hofften viele, Hongkong werde die Volksrepublik öffnen. Diese Hoffnung ist zerstört - und die Demokratie in Gefahr.

Kommentar von Christoph Giesen

Prinz Charles persönlich hielt die Abschiedsrede. "God Save the Queen" wurde gespielt und der Union Jack eingeholt. Um Mitternacht, am 1. Juli 1997, erklang dann die chinesische Nationalhymne, und ein aufgekratzter Präsident Jiang Zemin sprach von einem Land und zwei Systemen. 20 Jahre ist das nun her. Aus der ehemaligen britischen Kronkolonie ist die "Sonderverwaltungszone Hongkong der Volksrepublik China" geworden. Ein bürokratischer Name, der all das beschreibt, was in den vergangenen Jahren aus dieser stolzen Stadt geworden ist. Ein chinesischer Vorposten mit ein paar Sonderrechten, die aber niemanden groß stören.

Dabei hatte alles recht verheißungsvoll begonnen: 1997 brauchte China Hongkong. Die Stadt war das Tor zur Volksrepublik. Der chinesische Exportboom stand am Anfang, und viele Unternehmen nutzten Hongkong als Stützpunkt, um im nahegelegenen Perlfluss-Delta fertigen zu lassen. Erst Schuhe, Brillengestelle oder Feuerzeuge - heute iPhones, Elektroautos und ferngesteuerte Drohnen. Shenzhen, das einstige Fischernest an der Grenze zu Hongkong, ist in der Zwischenzeit zu einer der größten Städte der Volksrepublik herangewachsen. Ohne Hongkong wäre Chinas Aufstieg zur Werkbank der Welt nicht so schnell gegangen. Zumal nur acht Jahre vor der Übergabe die Regierung in Peking das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens befohlen hatte. Die Hoffnung: Hongkong wird die Volksrepublik verändern, das Land öffnen und demokratischer machen.

Für die meisten Chinesen ist Hongkong ein Touristenziel

2017 ist die Lage eine andere: Hongkong braucht China und nicht mehr umgekehrt. Die Stadt ist vollkommen abhängig. Es ist das Geld aus dem Norden, das die Wirtschaft am Leben hält. Für die meisten Chinesen ist Hongkong nicht mehr als ein beliebtes Touristenziel mit angeschlossener Investmentbank. Entweder wird man dort Banker oder verkauft den chinesischen Reisegruppen Nippes. 50 Millionen Touristen kommen jedes Jahr aus der Volksrepublik in die Stadt. In den Straßen hört man fast häufiger Hochchinesisch, als den in Hongkong gesprochenen kantonesischen Dialekt.

Auch als Immobilienmakler kann man sich gut in Hongkong verdingen. Die Stadt ist zum Rückzugsort für reiche Chinesen geworden. Sie schätzen die gute Luft, das unzensierte Internet und die niedrigen Steuersätze. Die meisten Hongkonger aber können sich ihre Stadt kaum noch leisten. Die Gehälter sind nicht viel höher als in Peking oder Shanghai, die Quadratmeterpreise aber liegen selbst über denjenigen in London oder New York. Das Geld aus China treibt.

Die Jugend begehrt dagegen auf. Sie fordert freie Wahlen, vor allem aber eine Perspektive. Jeden Tag siedeln 150 Chinesen nach Hongkong über. Wer kommen darf, das entscheidet China, nicht etwa Hongkong. Die Pragmatiker (und davon gibt es viele) haben resigniert: Peking hat das Sagen - politisch, aber vor allem wirtschaftlich. Mit jedem Tag wird Hongkong ein Stück gewöhnlicher, und niemand kann das aufhalten.

Geht es so weiter, beschränkt sich Hongkongs Individualität (ein Land, zwei Systeme) bald auf den Linksverkehr, die eigene Währung und die sympathisch britische Eigenart, an jeder Bushaltestelle eine Schlange zu bilden. Aus London ist zum Jahrestag folglich schon niemand mehr eingeladen worden. Hongkong, das ist eine rein chinesische Veranstaltung. Und aus Peking betrachtet, ist sie eine Erfolgsgeschichte. Für das Regime. Nicht für die Stadt und schon gar nicht für die Demokratie.

© SZ vom 01.07.2017/cag
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