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20 Jahre Fatwa gegen Rushdie:Der Feind und seinesgleichen

Der Gießener Politologe Claus Leggewie hat jüngst für die "freien Gesellschaften" ein "Blasphemiegebot" gefordert, damit "die Frommen lernen, selbst obszöne und geschmacklose Religionskritik souverän auszuhalten". Das ist ein törichter Einfall, und zwar nicht nur, weil sich solche "Gebote" mit "Freiheit" schlecht vertragen. Sondern vor allem, weil absehbar ist, was derartige Ideen - die ja auch in Gestalt von Vorschlägen auftreten, Schweine durch Synagogen zu jagen - für Folgen zeitigen: Beide Seiten werden auf Prinzipien pochen, beide Seiten werden in ihren Ansprüchen erstarren, und ähnlicher werden sie einander nie gewesen sein.

Ein Wissen darüber, wie totalitär die Glücksideale des Westens sein können

Nein, man soll auch gläubigen Muslimen nicht die Begegnung mit der westlichen Kultur ersparen, alberne Karikaturen eingeschlossen. Aber suchen muss man die Schmähung nicht. Und am besten wäre es, wenn der Westen ein Bewusstsein dafür entwickelte, was er da massenhaft an Bildern in die Welt setzt, ein Wissen darüber, wie totalitär selbst seine Glücksideale - die Liebe, die sexuelle zumal, das souveräne Ich, der materielle Erfolg - sein können.

Bevor die Fatwa gegen Salman Rushdie verhängt wurde, war er ein Schriftsteller aus dem Osten mit einem halb indischen, halb britischen Lebenslauf. Weltruhm erreichte er, nachdem er im Jahr 1981 für seinen Roman "Mitternachtskinder" den Booker Prize, die höchste literarische Auszeichnung innerhalb des Commonwealth, erhalten hatte. Seine Bücher, die frühen zumal, handeln vom Westen im Osten und vom Osten im Westen. Er war das literarische Versprechen und der poetische Repräsentant einer neuen, vielfarbigen, multikulturellen Welt.

Die Technik aber, in der er seine Geschichten vortrug, der Roman, ist ganz und gar westlicher Herkunft. Als die Führer der iranischen Revolution Salman Rushdie zu ihrem Feind erklärten, wussten sie, was sie taten: Sie zielten auf das Ineinander der Kulturen, auf die Mischung, die sich an solchen Gestalten und um sie herum gebildet hatte. Und sie zielten auf einen Autor, der seine Präsenz in der Öffentlichkeit offensichtlich genoss, so sehr, dass er, später noch und nicht ohne Wehmut, dem Rock 'n' Roll auf Stadienbühnen literarische Denkmäler errichtete.

Ein glückliches Ende ist nicht gewiss

Aber nur zum Schein traten die Kulturen nach der Fatwa gegen Salman Rushdie auseinander. Denn auch der Islamismus operiert mit westlicher Technik, mit Massenmedien, Satellitenübertragung und moderner Bühnentechnik. Die Wertedebatten, die er im Westen entfesselte, nicht zuletzt in den Massenmedien, trafen auch darin auf ihr Gegenstück.

Gibt es keinen Ausweg? Doch, ja, aber es braucht Zeit, ihn zu finden, denn er ist klein, und ein glückliches Ende ist nicht gewiss. Als Salman Rushdie und Orhan Pamuk sich im Herbst 2007 im Highline Ballroom in Manhattan trafen, um öffentlich über "Heimat" zu reden, traten ungleiche Opfer auf die Bühne - Orhan Pamuk hatte im Frühjahr desselben Jahres, nach dem Mord an Hrant Dink, vorübergehend die Türkei verlassen, nachdem auch gegen ihn Todesdrohungen kursierten.

Interessanter noch als alles, was in jenem Gespräch gesagt wurde, ist dieses Nebeneinander: Denn Orhan Pamuk wurde eher als von Islamisten von radikalen Nationalisten, also von völlig säkular gesonnenen Fundamentalisten einer modernen Staatlichkeit, bedroht - von Ideologen eines westlichen Staates ohne westliche Bürger.

Unsichere Fronten

Und als Salman Rushdie vor einigen Monaten auf Einladung der Schwedischen Akademie in Stockholm auftrat, tat er dies in einer Veranstaltung für Roberto Saviano, dem die Camorra den Tod versprochen hatte. Es kam bei dieser Veranstaltung, intellektuell betrachtet, außer gegenseitigen Komplimenten nicht viel heraus. Das muss auch nicht sein, denn es war allen Teilnehmern der Veranstaltung bewusst, dass Roberto Saviano als Opfer eines ebenso tückischen wie feudalen Gemeinwesens dort saß, das sich in Italien an die Stelle des Staates setzen kann.

Die Botschaft aber war: Die eine Morddrohung ist so unerträglich wie die andere, und jeder, dem etwas an der Freiheit liegt, wird sich gegen sie empören. Doch die Fronten sind, zumindest im Westen, unsicher geworden, zu Recht, und die Tode sind einander am Ende furchtbar ähnlich: Überwinden lässt sich der Fundamentalismus nur, wenn man ihm, aufgeklärt, auf allen Seiten entgegentritt.