20. Juni 2011, 07:33 US-Geheimgespräche mit Taliban Gefangen in der Friedensfalle

Der Westen verhandelt mit den Taliban, um nach zehn Jahren Krieg endlich eine Friedensperspektive zu bekommen - doch tatsächlich ist nicht mal klar, mit wem das Bündnis genau reden soll. Die Zeit drängt, und die Aussichten für die Gespräche sind düster.

Von Tobias Matern

Über das angebliche Geheimnis wurde viel geredet. Schon seit längerem. Diplomaten sprachen immer wieder Mal über Kontakte auf verschiedenen Ebenen zu den Taliban, Beamte aus der afghanischen Regierung platzierten ihr angebliches Wissen in amerikanischen Zeitungen.

Taliban-Kämpfer in Afghanistan (Archivbild): Geschwächt, aber nicht besiegt.

(Foto: AFP)

Das Signal sollte sein: Bei den Bemühungen um einen Frieden in Afghanistan geht es voran. Langsam, aber immerhin. Nun hat es der Präsident offiziell ausgesprochen. "Die Gespräche mit den Taliban und anderen haben begonnen und so Gott will, gehen sie auch weiter", sagte Afghanistans Staatschef Hamid Karsai am Wochenende in Kabul. Vor allem die USA befassten sich mit den Verhandlungen.

Wer da genau mit wem redet, das ist weiterhin nicht eindeutig. Fest steht mehr denn je: Der Westen ist unter Zeitdruck und drängt auf Gespräche mit den Taliban. Zehn Jahre nach dem Einmarsch in Afghanistan hat die Staatengemeinschaft ihre einst hochgesteckten Ziele deutlich zurückgeschraubt.

Nach dem Ende des Abzugs, der bereits in den nächsten Monaten beginnt, soll wenigstens ein halbwegs stabiler Staat stehen. Die Islamisten erhalten das Angebot, in die Machtstrukturen eingebunden zu werden. Und westliche Vertreter hoffen, dass nicht sofort wieder der Konflikt der verschiedenen Ethnien in Afghanistan ausbricht.

Im Jahr 2014, so sieht es das Konzept von US-Präsident Barack Obama vor, werden die Kampftruppen das Land am Hindukusch verlassen haben. Bis dahin muss der Westen eine Verhandlungslösung vermitteln: Die Taliban mögen in manchen Gebieten zwar geschwächt sein, besiegt sind sie aber nicht.

Aufständische setzen Attacken fort

Vor diesem Hintergrund sind die nun öffentlichen Äußerungen Karsais zu verstehen. Die Aufständischen geben sich davon jedoch unbeeindruckt, sie setzen ihre Attacken fort. Am Samstag griffen Selbstmordattentäter eine Polizeistation im Zentrum Kabuls an.

Drei Polizisten, fünf Zivilisten sowie ein Mitarbeiter des Geheimdienstes seien ums Leben gekommen, teilten die Behörden mit. Im nördlich gelegenen Kundus starben nach Angaben des Leiters der Gesundheitsbehörde zwei afghanische Zivilisten bei einem Anschlag auf einen Konvoi der Bundeswehr. Wie das Einsatzführungskommando in Potsdam mitteilte, wurden zwei deutsche Soldaten leicht verwundet.

Trotz der vom Westen proklamierten Gesprächsanbahnungen wird der Krieg also mit unvermittelter Härte weitergeführt. Vor allem amerikanische Spezialtruppen machen in nächtlichen Kommandoaktionen gezielt Jagd auf Taliban aus der mittleren und oberen Ebene.

Im 30-jährigen Krieg

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Die Aufständischen wiederum haben ihre Strategie modifiziert: Sie suchen noch weniger als zuvor das direkte Gefecht, sondern verlagern sich zusehends auf Anschläge aus dem Hinterhalt oder den Einsatz von Selbstmordattentätern. Dennoch heißt es immer wieder: Nach den Jahren im Untergrund seien einige Aufständische des Kämpfens müde.

Offiziell erklären die Taliban hingegen weiterhin, von Verhandlungen nichts wissen zu wollen. Der Zeitplan für den angeblichen Rückzug des Westens sei "eine Lüge", wie es ihr Sprecher jüngst in einem Telefoninterview ausdrückte. Mit dieser Taktik wolle die Staatengemeinschaft die Bewegung nur dazu bringen, ihre Waffen niederzulegen. Auf diesen Trick werde man aber nicht hereinfallen, ließ er wissen.

In Hintergrundgesprächen machen sich auch westliche Vertreter keine Illusionen über die Erfolgsaussichten von Verhandlungen. Von "Gesprächen über Gespräche" ist die Rede, offiziell laufe noch nichts. Die USA und auch die Vereinten Nationen versuchen zunächst einmal, überhaupt die potenziell richtigen Verhandlungspartner zu identifizieren.

Im vergangenen Jahr tauchte etwa ein angeblicher Talib in Kabul auf, der sich schließlich als einfacher Warenhändler und nicht als Vertreter der Islamisten entpuppte - so etwas soll künftig vermieden werden. "Jeder bemüht sich nun, Kontakte mit seinem Lieblings-Talib herzustellen", beschreibt ein westlicher Diplomat ironisch die Situation.

UN trennt Sanktionslisten

Die Staatengemeinschaft wirbt bei den Islamisten zunächst um Vertrauen: Der UN-Sicherheitsrat hat auf Drängen der afghanischen Regierung beschlossen, die Sanktionslisten zu trennen, auf denen Taliban und Al-Qaida-Kämpfer gemeinsam geführt wurden. Damit soll ein besseres Klima für mögliche Verhandlungen geschaffen werden.

Auch könnten ehemalige Vertreter des Taliban-Regimes von der Liste gestrichen werden, die in Afghanistan bereits im "Hohen Friedensrat" sitzen. Mit Hilfe dieses Gremiums soll der innerafghanische Aussöhnungsprozess vorangetrieben werden. Die Bemühungen laufen an vielen Fronten. Der Ausgang bleibt ungewiss.