4. Juni 2014, 11:38 Studie zu Extremismus Die Vermessung der Rechten

Weil es den Deutschen wirtschaftlich gutgeht, nehmen rechtsextreme Einstellungen ab. Doch der Fanatismus verschwindet nicht, er verlagert sich.

Von Kim Björn Becker

Auf den ersten Blick sehen die Befunde der Forscher vielversprechend aus: Immer weniger Deutsche hegen rechtsextreme Gedanken. Das haben Sozialpsychologen der Universität Leipzig zumindest in einer repräsentativen Studie (hier als PDF) herausgefunden, die an diesem Mittwoch in Berlin vorgestellt wird. Alle zwei Jahre ermitteln sie, wie weit rechts die Deutschen politisch sind. Im April wurden dazu 2432 deutsche Staatsangehörige zwischen 14 und 91 Jahren befragt.

Im Vergleich zu den Studien der vergangenen Jahre sind Ausländerfeindlichkeit, Chauvinismus und Antisemitismus diesmal klar zurückgegangen. Das ist die gute Nachricht. "Es gibt aber auch eine schlechte", sagt Sozialpsychologe Oliver Decker. "Bestimmte Gruppen von Migranten werden umso deutlicher diskriminiert." Das klingt zunächst nach einem Widerspruch. Doch die Forscher haben eine Erklärung dafür: Der Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft verändert sich. Die wichtigsten Ergebnisse im Einzelnen:

Die SPD-Bundestagsabgeordneten Susann Rüthrich und Daniela Kolbe forderten angesichts der Studienergebnisse, dass Bundesprogramme gegen Rechts dauerhaft unterstützt werden. Zudem sollten qualifizierte Opferberatungsstellen ausgebaut und die Prävention verstärkt werden. Petra Pau (Die Linke) plädierte dafür, gesellschaftliche Initiativen gegen Rechtsextremismus "endlich verlässlich und ausreichend zu unterstützen".

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter mahnte, die Bundesmittel für Demokratieförderung und den Kampf gegen Rechtsextremismus "auf mindestens 50 Millionen Euro aufzustocken." Er betonte, der Rassismus in Deutschland konzentriere sich auf Gruppen, die zunehmend an den gesellschaftlichen und medialen Pranger gestellt würden. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit müsse bekämpft werden, hier dürfe es keine Toleranz geben.

Auch Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzt, forderte ein stärkeres Engagement gegen Rassismus. Die Vorurteile gegen Sinti und Roma, Muslime und Flüchtlinge seien "in besorgniserregendem Maße gestiegen". Für den Sprecher für demokratische Kultur der SPD-Fraktion im sächsischen Landtag, Henning Homann, zeigt die Tatsache, dass jeder Fünfte nach wie vor ausländerfeindlichen Positionen zustimme, dringenden Handlungsbedarf.