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Spuren von Folter:Ermordeter Doktorand - Italien stellt Ägypten Ultimatum

Egyptian authorities say killers of Italian Regeni shot dead

Die persönlichen Sachen des in Kairo ermordeten Studenten Giulio Regeni.

(Foto: Egyptian Interior Ministry/dpa)
  • Der italienische Student Giulio Regeni ist Ende Januar in Kairo verschwunden. Neun Tage später wird er tot gefunden. Der Italiener wurde offenbar gefoltert.
  • In Italien wird darüber spekuliert, ob ägyptische Sicherheitskräfte Regeni umgebracht haben könnten. Die offiziellen Stellen streiten diesen Vorwurf ab. Eine Bande soll den Ausländer entführt und getötet haben.
  • In Italien werden derweil Stimmen laut, die Premier Matteo Renzi auffordern, Ägypten ein Ultimatum zu stellen.

Der Auftritt einer trauernden Mutter bewegt Italien. Mit ihrem Mut, ihrer Stärke, dem unterdrückten Schmerz. Paola Regeni, die Mutter von Giulio Regeni, der vor zwei Monaten in Kairo getötet wurde, brach vor einigen Tagen ihr Schweigen und erzählte den Medien vom letzten Bild, das sie im Kopf trage von ihrem Sohn - aus der Leichenhalle. "Sein Gesicht war ganz, ganz klein, so schlimm haben sie ihn hergerichtet. Es war nicht mehr sein Gesicht, ich erkannte ihn nur an der Nasenspitze." Sie habe nicht weinen können, sagte sie, sie leide unter einer Weinblockade.

"Ausgerechnet ich, die ich tausend Mal geweint habe wegen eines romantischen Lieds, wegen einer Kinderzeichnung." Wahrscheinlich löse sich die Blockade erst, wenn sie erfahre, warum ihr Sohn, der in Cambridge studierte und für Forschungszwecke in Kairo weilte, ein fröhlicher und weltoffener junger Mensch aus Triest, gefoltert und getötet wurde. Mit 28 Jahren.

Sollte die Wahrheit aber weiterhin verschleiert bleiben, sei sie bereit, das Foto zu zeigen, dieses Bild eines ganz, ganz kleinen Gesichts. Es soll dann auf dem Gewissen derer brennen, die die Wahrheit hintertreiben oder sie nicht entschieden genug fordern.

Family of murdered Italian Student in Cairo speak to press

Die Eltern von Giulio Regeni fordern die Behörden auf, die Wahrheit über den Tod ihres Sohns aufzuklären.

(Foto: dpa)

Geheimdienst in das Verschwinden verwickelt

Giulio Regeni war am Abend des 25. Januar in Kairo verschwunden, dem Jahrestag der Revolution. Er wollte von seiner Wohnung im Stadtteil Doqqi in ein Café im Zentrum, auf der anderen Nil-Seite, um dort mit einem Freund dessen Geburtstag zu feiern. Doch Regeni kam nie an. Zuletzt gesehen wurde er bei der U-Bahnstation Behus, in der Nähe seiner Wohnung.

Die Straßen waren an jenem Tag weitgehend leer. Unterwegs waren nur Polizisten und zivil gekleidete Agenten der Staatssicherheit. Das ließ bald den Verdacht aufkommen, dass der Sicherheitsapparat am Verschwinden des Studenten beteiligt sein könnte, zumal der Geheimdienst in Ägypten regelmäßig Menschen verschwinden lässt. Meist tauchen sie Wochen später in Gefängnissen auf und tragen Spuren von Folter und Misshandlung. Die Regierung bestreitet das vehement. Doch Nichtregierungsorganisationen haben Dutzende Fälle dokumentiert.

Am 3. Februar fand ein Taxifahrer Regenis Leiche in einer Grube am Stadtrand. Er war nur am Oberleib bekleidet, und, wie sich später herausstellen sollte, sein Körper war entstellt von den Folgen schwerster Folter, die über Stunden, wahrscheinlicher aber über Tage gewährt haben muss.

Er trug Brandmale von Zigaretten am Körper, Blutergüsse von Schlägen, Spuren von Elektroschocks. Nägel waren ihm ausgerissen worden, er hatte Blutungen im Kopf erlitten. Teile seiner Ohren waren abgetrennt. Sieben Rippen waren gebrochen - und ein Halswirbel, vermutlich die Ursache seines Todes.

Polizeioffizier äußert sich zu Folter

Es begann der Reigen der Theorien und Versionen. Ein hoher Polizeioffizier in Gizeh, der Provinz, in der die Leiche gefunden wurde, sprach sofort von einem Verkehrsunfall. Bald wurde bekannt, dass der Offizier selbst schon einmal wegen Folter eines Gefangenen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war. Noch am selben Tag trat der Staatsanwalt auf und sagte, Regenis Körper weise Anzeichen von Misshandlungen auf. Es folgten weitere Versionen - nur jene nicht, die Italiens Behörden, ausländische Beobachter und auch Regenis Familie für die wahrscheinlichste halten, nämlich die, dass Elemente des Sicherheitsapparats für den Tod des Doktoranden verantwortlich sind.

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