14. August 2010, 10:07 Rechtsradikale in der Mongolei Mit Hitler gegen die Chinesen

Parolen an den Wänden und Überfälle auf Ausländer: Junge Mongolen bedienen sich der Nazi-Ideologie und sorgen für Unruhe in dem Steppenland. Vor allem der Hass auf China fällt dabei auf fruchtbaren Boden.

Von Laura Martin

Hakenkreuzgraffitis und "Sieg Heil"-Rufe: In Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, sind Neonazi-Sprüche an Wänden und Fenstern keine Seltenheit. Mit ihrer dunklen Haut und schmalen Augen sind die Mongolen das Gegenteil des propagierten arischen Ideals: Sie gehörten zu den minderwertigen Völkern. Trotzdem verehren mongolische Neonazis Hitlers Ideologie einer reinen Nation - und sehen über so manche Details hinweg.

Die Steppe ist ihr Zuhause: Die Mongolen sind ein Reitervolk und ziehen mit ihren Viehherden als Nomaden umher, auch heute noch.

(Foto: Reuters)

"Hitler hat uns gelehrt, wie man die nationale Identität erhält", sagt ein Mitbegründer der rechtsextremen Gruppe Tsagaan Khas (Weißes Hakenkreuz) im Gespräch mit der britischen Tageszeitung Guardian. Seine sowie zwei andere ultranationalistische Gruppen, Dayar Mongol und Blue Mongol, fühlen sich dazu berufen, ihr Volk gegen den Einfluss von außen zu schützen - und behaupten von sich, dabei nicht zur Gewalt zu greifen. "Wir gehen nicht herum und schlagen drauf los", erklärt ein anderes Mitglied von Tsagaan Khas. "Wir kontrollieren, wir gehen zu Hotels und Restaurants, um sicherzustellen, dass mongolische Mädchen nichts mit Prostitution zu tun haben und dass Ausländer keine Gesetze brechen."

Diese Kontrollgänge scheinen aber des Öfteren zu eskalieren. Die US-Botschaft warnt auf ihrer Website vor Überfällen auf Ausländer: "Seit dem Frühjahr 2010 ist der Botschaft eine steigende Anzahl fremdenfeindlicher Überfälle auf Ausländer in Ulan Bator gemeldet worden", heißt es da. Die Botschaft rät vor allem Amerikanern asiatischer Herkunft zu Vorsicht in der mongolischen Hauptstadt, da sie mit Chinesen verwechselt und ohne Warnung angegriffen würden.

Das Auswärtige Amt zeigte sich deutlich zurückhaltender: "Die Botschaft in Ulan Bator hat ein Auge auf die Lage", hieß es auf Anfrage von sueddeutsche.de. "Wir beobachten die Entwicklung sehr aufmerksam und haben die aktuellen Ereignisse in unsere Reise- und Sicherheitshinweise aufgenommen." Sich häufende Überfälle bestätigte der Sprecher; zu etwaigen fremdenfeindlichen Motiven machte er jedoch keine Angaben.

Die Parolen der Neonazis treffen bisweilen auf Zustimmung in der mongolischen Bevölkerung, vor allem, was den Hass auf den mächtigen Nachbarn China betrifft. Nyamtseren Solidagva arbeitet als Lektorin für Mongolisch in Deutschland und ist zurzeit auf Heimatreise in der Mongolei, wo sueddeutsche.de sie erreichen konnte. Sie ist überzeugt davon, dass die Gruppen ausschließlich antichinesisch sind. Und dafür gebe es gute Gründe: "Korruption und Verletzung der Menschenrechte durch Chinesen, wie zum Beispiel Menschenhandel, sind tägliche Ereignisse in der Mongolei. Es ist wichtig, dass die Welt nationalistische Gruppen nicht als ausländerfeindlich, sondern als chinesenfeindlich sieht. Die Chinesen verletzen unsere Gesetze und übernehmen dafür keinerlei Verantwortung."

Solidagva erzählt von einem mongolischen Polizisten, den mehrere betrunkene Chinesen verprügelten, weil er sie aufgefordert hatte, nicht auf die Straße zu pinkeln. Sie verletzten den Mongolen schwer, mussten aber trotzdem nicht ins Gefängnis. Das war 2006 - ein Einzelfall, könnte man meinen. Doch: "Die Chinesen kaufen unsere Gesetze", sagt Solidagva. "Sie bestechen Polizei und Justiz mit Geld." Einige Mongolen ließen sich darauf ein, andere griffen zu rechtsradikalen Parolen.

In den Worten der Mongolin schwingt viel Frust mit. Hans van Ess, Professor für Sinologie und Mongolistik in München, bestätigt das: "Ich kenne keinen Mongolen, der nicht unterschwellige Angst vor China hat." Das sei nichts Neues. Schon in den neunziger Jahren sagte ein Mongole zu van Ess: "China ist für uns eine tödliche Gefahr." Er selbst dürfe bei seinen Reisen keinem Mongolen verraten, dass er Sinologie lehrt.

Der Grund für die Angst vor dem Nachbarn liegt auf der Hand. Den gerade mal 2,7 Millionen Mongolen stehen 1,3 Milliarden Chinesen gegenüber. China ist übervölkert, während die Mongolei dünnbesiedelt und noch dazu reich an Rohstoffen ist. Dass deshalb viele Chinesen in das Nachbarland auswandern, ist nicht verwunderlich. Doch wenn Ackerbauern, wie es die Chinesen sind, sich in einem Land ansässig machen, in dem die Menschen Nomaden sind und dessen Boden für Landwirtschaft nicht geeignet ist, sind Konflikte programmiert.

Das beste Beispiel dafür ist eine chinesische Provinz, die einst zur Mongolei gehörte und deshalb noch heute den Namen "Innere Mongolei" trägt. Als sich die Mongolei 1911 nach jahrhundertelanger Herrschaft durch die Mandschuren für unabhängig erklärt, blieb das Gebiet der Inneren Mongolei in den Händen der Chinesen. Diese taten dort vieles, was der einheimischen Nomadenkultur widerspricht: Sie bauten Häuser und versuchten, in dem kalten, rauen Steppenland Felder anzulegen. Der Boden der mongolischen Steppe ist jedoch nur kurz fruchtbar und muss sich dann erholen. Zu stark beansprucht bietet er den mongolischen Viehherden keine Nahrung mehr. Inzwischen sind die Nomaden aus der Inneren Mongolei weitestgehend verschwunden; man findet sie nur noch in ein paar wenigen Gegenden. Die chinesische Kultur hat die ureigene Identität der Mongolen verdrängt.

Heutzutage sind die Mongolen ohne ihren großen Nachbarn nicht überlebensfähig. Sie beziehen einen Großteil der Produkte aus China, darunter lebensnotwendige Lebensmittel wie frisches Obst und Gemüse und geraten damit in eine Abhängigkeit. Das thematisieren auch die Neonazis. Das abschreckende Beispiel der Inneren Mongolei vor Augen, wettern sie gegen China und wollen vor allem eine Vermischung mit den Chinesen verhindern. Dayar Mongol, eine der Neonazi-Bewegungen, schert dem Guardian zu Folge Frauen, die mit Chinesen schlafen, den Kopf. Der Anführer von Blue Mongol hat den Angaben zufolge vor drei Jahren den Freund seiner Tochter ermordet, weil er in China studierte.

Die Chinesen nehmen den Hass, der ihnen entgegenschlägt, nicht wahr. "Sie sehen sich als Helfer, die Gutes tun, Essen bringen und Aufbauhilfe leisten", erklärt der Sinologe van Ess. "Sie sehen die Mongolen eher als Brüder und halten den Hass für ein vereinzeltes Phänomen. Sie wissen allerdings auch, dass die Mongolei ohne sie nicht überleben kann."

Mehr als ein Drittel der mongolischen Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Alkohol, jugendliche Banden und Arbeitslosigkeit sind ein guter Nährboden für rechtsradikales Gedankengut. "Unter diesen Bedingungen ist es leicht, eine Gruppe von Menschen um sich zu scharen", meint van Ess. Die Stimmung im Land sei aufgeladen. "Ich habe oft kein gutes Gefühl und gehe abends nicht alleine auf die Straße." Er vermutet, dass die Ausländer, die überfallen wurden, die Verhaltensregeln des Landes nicht gut genug kannten. Die Einheimischen wissen ganz genau, was sie tun können und was sie besser lassen sollten. Die Gewalt beziehe sich nicht nur auf Chinesen und andere Ausländer, erklärt van Ess. Es herrsche auch Gewalt untereinander. Der aufkommende Rechtsextremismus sei nur Teil des nationalen sozialen Problems. "Ausländer, die überfallen werden, sind Opfer sozialer Probleme, die sie nicht einschätzen können."