19. Juni 2013, 22:02 Protest in Berlin "Blut ist billig geworden"

Die einen kippen um, die anderen brechen ab, einige bleiben unter sich - und ein paar werden richtig wütend: Die Protestkundgebungen gegen den amerikanischen Präsidenten scheitern am Wetter in Berlin. Trotzdem fühlen sich manche erhört.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Protest von Amnesty International am Potsdamer Platz - vor 15 Uhr. Danach musste die Demo abgeblasen werden, wegen der Hitze.

(Foto: dpa)

In Berlin regiert an diesem Tag nicht Klaus Wowereit. Auch nicht Angela Merkel. Und nicht mal Barack Obama, obwohl für ihn so viele Straßen abgesperrt, Sicherheitsvorkehrungen getroffen und 4000 Gäste geladen wurden. An diesem Mittwoch herrscht in der Hauptstadt vor allem eines: die Hitze. Sie kam plötzlich und hat sogar die drückende Sahara-Schwüle, die in München seit Montag herrscht, noch übertroffen. Das macht vor allem Alten und Kranken zu schaffen - aber auch den Protestlern.

Die hohen Temperaturen und die sengende Sonne, an beides sind die Deutschen nicht gewöhnt, beendeten die Demonstrationen frühzeitig. Dabei waren gleich fünf Demos angekündigt, zu unterschiedlichsten Bereichen des Protests: Amnesty International wollte am Potsdamer Platz erhört werden, die Piraten mit ihrer Kritik an Prism ursprünglich am Großen Stern, die Gesellschaft für bedrohte Völker hatte einen Stand am Bebelplatz, syrische Studenten demonstrierten Unter den Linden - und ein Privatanmelder wollte unter dem Titel "5 Jahre Obama - Krieg nach Innen und nach Außen" Mitstreiter ans Kottbusser Tor locken.

Allein: Die meisten blieben mehr oder weniger allein. Ein paar Sicherheitsbeamte, vereinzelte Selbstdarsteller und teils mehr Berichterstatter als Demonstranten waren hier anzutreffen. Weshalb etwa Amnesty die Kundgebung mit rund 30 Teilnehmern nach Angaben der Polizei schon gegen 15 Uhr beendete anstatt am Abend - pünktlich zum Hitze-Höhepunkt. Das war wohl nur vernünftig.

An der Absperrung zum Brandenburger Tor Unter den Linden etwa musste stattdessen eine Demonstrantin am Nachmittag vom Notarzt abtransportiert werden: Sie hatte zu wenig getrunken.

Obama hat seine Versprechen gebrochen

Die Stabileren machten ihrem Unmut trotzdem lautstark Luft. Etwa Studentin Leila El-Aptah aus Berlin, mit weißem Kopftuch, die für die syrische Revolution protestiert - und den Vorbeilaufenden Schilder entgegenstreckt: "Schon seit zwei Jahren schlachtet das mörderische Assad-Regime dort die Kinder ab, es gibt inzwischen so viele Tote!", erklärt sie mit wütender Stimme. "Man kann sich das hier gar nicht vorstellen: Da werden Frauen auf der Straße vergewaltigt, Männer verschleppt, Kinder gefoltert, Babys abgeknallt. Obama hat gesagt, dass er eingreifen würde, sobald die rote Linie überschritten wird, aber bis jetzt ist noch nichts passiert. Wir stehen hier, um zu zeigen: Wir wollen keine leeren Worte mehr!"

Leila hat eine deutsche Mutter, einen palästinensischen Vater - und einen Cousin in Syrien, dessen Kinder in Damaskus ums Leben gekommen sind, als ihr Flüchtlingslager bombardiert wurde. "Obama unterstützt auch Israel mit Drohnen und Waffen, da sterben palästinensische Kinder jeden Tag, andere werden Waisen und wachsen ohne Eltern auf. Blut ist leider billig geworden", sagt sie mit so traurigem wie kämpferischem Blick. Zum Glück nehme Deutschland ein paar Flüchtlinge auf, auch aus Syrien, doch das sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

"Auch Guantanamo hatte Obama versprochen zu schließen, jetzt werden dort immer noch muslimische Häftlinge abgeschlachtet und gequält unter unmenschlichen Bedingungen. Er hat schon so viel versprochen, das er nicht gehalten hat. Aber die Hoffnung stirbt ja zuletzt." Deshalb will Leila am liebsten in jede Kamera sprechen. "Ich habe schon das Gefühl, dass die Nachricht gehört wird."

Nebenan interviewt das ZDF ein paar bunte Gestalten, die es nach Fernsehtauglichkeit ausgewählt hat. Michael, "The Glitterking", Künstler aus Berlin, der sein Geld damit verdient, unter anderem Autos zu verglitzern, ist im Stars-and-Stripes-Look und mit Glitzermantel erschienen. Er hätte gerne, "dass die ganze Clique mal hier vorbeikommt". Gemeint seien der chinesische, der französische, der spanische Präsident, "überhaupt alle internationalen Strippenzieher, damit sie den Leuten mal in die Augen schauen." Obama hätte wenigstens das Rückgrat, sich hin und wieder in Deutschland blicken zu lassen. Ansonsten sei auch er trotz guter Konzepte und Ideen am Ende ein Opfer der Verhältnisse.

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Berlin in 25 Stunden

Sein Freund Vrank-Michael Goedel, ebenfalls Künstler, mit langem Ledermantel, Bundeswehrhose und Cowboyhut auch im US-Look erschienen, trägt in einem Patronenhalter anstelle von Waffen Mundharmonikas. Als "Rock'n'Roll Preacher" ist der evangelische Theologe in Berlin und dem Rest der Welt unterwegs, hat eine amerikanische Tochter - und ist auch ansonsten dem US-Präsidenten sehr viel wohlgesonnener als die meisten anderen Demonstranten an diesem Tag. "Ich habe leider von der Rede nicht viel mitbekommen, weil das Fußvolk und der gemeine Steuerzahler ausgeschlossen waren, man hätte zumindest per Lautsprecher übertragen können", so Goedel.

Obama hört uns nicht, aber die anderen

"Ich verstehe, dass die Amis strengere Sicherheitsvorkehrungen haben, aber rein formell ist das hier eine sehr undemokratische Veranstaltung. Inhaltlich allerdings spitze: Obama ist aus europäischer Sicht der beste Präsident, den wir bekommen konnten." Es sei nach Bush unbedingt notwendig, "gegen die absolut konservative Lobby dort endlich mal ein paar Leute zu mobilisieren", so Goedel. Ihm selbst sei in jungen Jahren beigebracht worden: "Dort, wo Gott dich hingelenkt hat, sollst du blühen!". Und selbst auf die Frage, ob Obama nicht inzwischen ein verblühter Hoffnungsträger sei, antwortet er noch: So sei der Lauf der Dinge. Man müsse verblühen, um Samen setzen zu können, und seien Spuren hinterlasse Obama schon alleine dadurch, dass es ihm gelungen sei, der erste schwarze Präsident zu werden.

Weniger Obama-Begeisterung, dafür mehr Interesse an einem anderen US-Bürger haben die Aktivisten von der "Gesellschaft für bedrohte Völker" am Bebelplatz. Sie protestieren an diesem Tag nicht für mehrere Völker, sondern für einen einzelnen Mann: Leonard Peltier. Der müde Blick, den Pressesprecherin Yvonne Bangert dabei an den Tag legt, dürfte nicht nur der Hitze geschuldet sein, sondern auch dem Umstand, dass die Aktion schon seit 1977 läuft. Nicht am Bebelplatz, dafür aber weltweit: Das "Peltier-Verteidigungskomitee LPDOC" hat sich gegründet, um Peltier, Mitbegründer der indianischen Bürgerrechtsbewegung "American Indian Movement", der seit 36 Jahren in Haft sitzt, begnadigen zu lassen.

Warum die Menschenrechtsorganisation, die sich den Schutz bedrohter Völker auf die Fahnen geschrieben hat, an diesem Tag für einen Einzelnen und nicht für bedrohte Völker, wie etwa Syrien, protestiert? Weil das ja schon die anderen machen würden, sagt Bangert. "Der Obama-Besuch gibt uns die Chance, an diesem Tag sehr viel mehr auch überregionale Medien zu erreichen als sonst. Viele, auch Passanten, hatten von dem Fall noch nie etwas gehört."

So hat Obama einigen Protestlern durchaus Gehör verschafft - auch wenn er selbst, ein paar hundert Meter entfernt, kein Ohr für ihre Sorgen und Nöte hatte.