18. Juni 2015, 19:00 Profil Hans Joachim Schellnhuber

Klimaforscher mit direktem Draht zum Heiligen Stuhl.

Von Michael Bauchmüller

Wenn es noch eine Lücke im Wirken und Einfluss von Hans Joachim Schellnhuber gegeben haben sollte, dann hat er sie am Donnerstag geschlossen. Der deutsche Klimaforscher, den Freunde und Kollegen nur "John" nennen, klärte die Bush-Administration über die Tragweite der Erderwärmung auf und sprach darüber vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Er beriet Angela Merkel, als die den Klimawandel 2007 ins Zentrum des G-8-Gipfels in Heiligendamm rückte. Scheichtümer am Persischen Golf suchten seinen Rat genauso wie die Weltbank, die Queen verlieh ihm 2004 den britischen Verdienstorden. Und jetzt auch noch der Vatikan.

Am Mittwoch nahm ihn der Papst in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften auf, am Donnerstag saß Schellnhuber, 65, auf der Tribüne der vatikanischen Pressekonferenz. Er sollte erklären, was es mit dem Klimawandel auf sich hat - mithin auch, warum Papst Franziskus der Causa weite Teile seiner Enzyklika "Laudato Si" gewidmet hat. Für den gebürtigen Niederbayern ist das ein Höhepunkt in doppelter Hinsicht. Einmal der Ehre wegen, denn uneitel ist Schellnhuber gewiss nicht. Viel mehr aber noch der Sache halber: Die Enzyklika, sagt er, bringe Glauben und Vernunft zusammen. Nur mit dieser Kombination lasse sich das Problem lösen. Ganz schön viel Gottvertrauen für einen Wissenschaftler.

Schellnhuber gelangte auf Umwegen zum Klimaproblem - es waren die dynamischen, nichtlinearen Systeme, die den Physiker reizten: Systeme, die vielen Einflüssen ausgesetzt sind, sich daher mitunter sprunghaft verändern. 1989 wurde er Professor an der Oldenburger Universität, für eines der dynamischsten Systeme überhaupt: das Meer. Erst über dessen Wechselbeziehung mit dem Erdklima gelangte Schellnhuber zu seinem Lebensthema. Als die Bundesregierung 1991, kurz vor dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro, ein Klimainstitut fördern wollte, griff Schellnhuber zu. So wurde er Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, dem er heute noch vorsteht.

Seither widmet er sich der Dynamik des Klimasystems. Lautstark und unverdrossen mahnt er vor sprunghaften Prozessen auch beim Weltklima, den sogenannten Kippelementen. Schmelze erst einmal das Eisschild der Westantarktis oder Grönlands, dann ziehe das eine ganze Reihe schwer kontrollierbarer Effekte nach sich. Daraus leitete Schellnhuber frühzeitig das Zwei-Grad-Ziel ab: Die schlimmsten Folgen des Klimawandels, so warnt er seit Langem, ließen sich nur mit einer Begrenzung der Erwärmung auf zwei Grad verhindern. Inzwischen steht das Ziel in allerlei Gipfeldokumenten der Staaten.

Vor allem aber versteht es Schellnhuber, seine Botschaften zu vermitteln. Im Presseraum des Vatikans vergleicht er das Erdklima mit der recht konstanten Körpertemperatur. "Wenn da zwei Grad dazukommen, haben Sie Fieber", erklärt der Forscher der Vatikan-Presse. "Bei fünf Grad sind Sie tot."