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Islam:Dschihad von Anfang an

Der Londoner Nahostforscher Efraim Karsh beschreibt in seinem Buch "Imperialismus im Namen Allahs" die aggressive Dynamik des Islam.

Tilman Nagel

Wie konnte es zum 11. September 2001 kommen? Zwei miteinander nicht zu vereinbarende Thesen dominieren die Debatte hierüber. Es handle sich um die gewalttätige Reaktion einer Kultur, die über Jahrhunderte in dem Glauben lebte, die bedeutendste auf der Erde zu sein.

,,Doch'', so wird der anerkannte Orienthistoriker Bernard Lewis zitiert, ,,dann veränderte sich alles, und statt die Christenheit zu erobern und zu beherrschen, wurden die Muslime nun von christlichen Mächten erobert und beherrscht.'' Der Zorn über die Verkehrung der Verheißungen in ihr Gegenteil, so Lewis, erreiche gegenwärtig seinen Höhepunkt.

Während Bernard Lewis die Ursache der Anschläge und ähnlicher terroristischer Verbrechen in einer unreifen Kollektivpersönlichkeit sieht, die die Einsicht in die eigene Begrenztheit verweigert, behaupten andere Beobachter, dies alles habe mit dem Islam wenig oder gar nichts zu tun.

Niemals hätten die Muslime die Eroberung der Welt angestrebt; der Dschihad sei nichts weiter als ein Ringen um die Läuterung des Individuums, und die Anschläge seien die - leider verfehlte - Antwort einiger Extremisten auf die anmaßende Außenpolitik der USA.

Es ist Zeit, dass alle religiös begründeten Herrschaftsansprüche aufgegeben werden

Diesen beiden Thesen setzt Efraim Karsh, Professor für die Geschichte des Nahen Ostens am Londoner King's College, seine eigene entgegen, die sich in dem Satz zusammenfassen lässt: Dem Islam wohnt seit dem Augenblick seiner Entstehung eine aggressive Dynamik inne, die sich ein ums andere Mal im Laufe seiner 1400-jährigen Geschichte gezeigt und die sich auch in den New Yorker Untaten offenbart hat.

Sowohl Lewis' Deutungsversuch, der stillschweigend voraussetze, dass die muslimische Aggressivität erst unter bestimmten historischen Bedingungen entstanden sei, als auch der eilfertige Freispruch von jeglicher muslimischer Schuld stünden mit den geschichtlichen Tatsachen nicht im Einklang.

Der Aufweis dieser Tatsachen zur Untermauerung seiner These ist das Ziel von Efraim Karsh' Buch ,,Imperialismus im Namen Allahs''. Besonderes Augenmerk richtet er dabei auf den Gang der Ereignisse im 19. und 20. Jahrhundert, die man meist als eine Leidenszeit der Muslime beschreibe.

In der Tat gefallen sich muslimische Studien über diesen Zeitraum in einem larmoyanten Ton; die unangenehme, aber fruchtbare Frage, warum denn die angeblich so überlegene islamische Kultur dem herandrängenden Europa wenig entgegenzusetzen hatte, wird möglichst nicht gestellt.

Dass Karsh bei seinem Streifzug durch die islamische (Kriegs-)Geschichte wesentliche neue Fakten aufdecke, kann man nicht sagen. Er verarbeitet geschickt und sachkundig die Ergebnisse der mit dem Nahen und Mittleren Osten befassten Geschichtswissenschaft und reichert sie mit Einzelheiten an, die er den einschlägigen arabischen Quellen entnimmt.

So liegt der Wert seines Buches vor allem darin, dass es an ,,unkorrekte'' Wahrheiten erinnert und den mannigfaltigen Illusionen über die vermeintliche Friedfertigkeit des Islam den Boden entzieht.

Muhammad ersetzte, so Karsh, das ,,pluralistische System traditioneller Stammesorganisation'' durch eine ,,absolutistische Herrschaft'', in der allein der ,,Gesandte Allahs'' das Sagen hatte.

Da die durch Muhammad verkündete Rede als von Allah ausgegangene unüberbietbar wahr zu sein hatte, bürdete sie schon implizit allen, die an sie glaubten, die Verpflichtung auf, ihr überall auf Erden Geltung zu erfechten; darüber hinaus wird diese Pflicht im Koran und in der Prophetenüberlieferung, dem Hadith, an vielen Stellen ausdrücklich erwähnt.

Wer sich also dem Dschihad gegen die Andersgläubigen widmet, vollzieht unbezweifelbar den Willen Allahs. Hier hätte Karsh noch darauf hinweisen müssen, dass die Scharia zwar empfiehlt, dieser Pflicht im Rahmen einschlägiger, durch den islamischen Staat ins Werk zu setzender Maßnahmen nachzukommen, dass aber dem Einzelnen die Entscheidung darüber anheimgestellt ist, ob er diese Maßnahmen für ausreichend ansieht oder auf eigene Faust den Dschihad wirkungsvoller gestalten möchte. Im Rahmen des islamischen Rechts lässt sich demnach nichts gegen individuelle Aktionen des Dschihad vorbringen.

Als Mohammed starb, konnte er nicht ahnen, welch erstaunliche Eroberungen seine Anhänger in wenigen Jahrzehnten tätigen würden. Karsh beschreibt sie in großen Zügen und geht auch auf die Probleme ein, unter denen ein Gemeinwesen leidet, das seinen Machtbereich ausdehnen will: Immer neue Beute, ständig steigende Tribute mussten den Dschihad finanzieren - doch je mehr Andersgläubige den Islam annahmen, desto geringer wurden die Tribute, die ja nur den Andersgläubigen abverlangt wurden.

Dieser Zielkonflikt zwischen militärischer Unterwerfung weiter Territorien und der Werbung für den Übertritt ihrer Bewohner zum Islam wurde nicht gelöst. Infolgedessen beobachtet man in der islamischen Geschichte zu wiederholten Malen einen ,,Triumph der'' - Beute verheißenden - ,,Peripherie über das Zentrum'' sowie, wie hinzuzufügen wäre, generell eine Schwäche der Regierungsinstitutionen. Ein Gewaltmonopol des Staates, wie es für die westliche politische Zivilisation selbstverständlich ist, entwickelte sich in der islamischen Welt nicht.

Unter der Überschrift ,,Das Haus des Islam und das Haus des Krieges'' schildert Karsh, wie sich das imperialistische Selbstverständnis des Islam in der Scharia widerspiegelt. Den unbeschränkten Machtanspruch rechtfertigte unter anderem das Wort Muhammads, ihm sei von Allah aufgetragen worden zu kämpfen, bis alle Welt diesen als den einzigen Gott anerkenne.

Ibn Chaldun (gestorben 1406), der scharfsinnigste muslimische Interpret der islamischen Geschichte, stellte lakonisch fest, dass der Dschihad nur den Muslimen obliege. Im Gegensatz zu ihnen ,,hätten die anderen Religionen keine solch universelle Mission, und der Heilige Krieg war (deshalb) keine religiöse Pflicht für sie, außer zur Selbstverteidigung''.

Die Scharia steht individuellen Aktionen gegen die Andersgläubigen nicht entgegen

Nebenbei sei angemerkt, dass laut Ibn Chaldun auf dem endgültig dem Islam unterworfenen Erdkreis eine Art geistiger Friedhofsruhe herrschen sollte; denn die intellektuelle Durchdringung der Gegebenheiten des Diesseits, der kalam, sei nur notwendig, solange die Lehren des Islam noch von Andersgläubigen herausgefordert würden.

Auch die osmanische Minderheitenpolitik, die vielfach von unwissender Seite als ,,tolerant'' gepriesen wird, setzte voraus, dass die Andersgläubigen Untertanen minderen Rechts waren. Sobald etwa die Griechen oder die Armenier hiergegen aufbegehrten, hatten sie unter grausamsten Repressionen zu leiden, die im Falle der Armenier sich bis zum Völkermord steigerten.

Noch bevor das Osmanische Reich unterging, waren auf seinem - ehemaligen - Territorium neue politische Kräfte entstanden, die sich in ihrer Propaganda mancher Versatzstücke aus westlichen nationalistischen Ideologien bedienten, ihre eigentliche Überzeugungskraft aber aus einer antiwestlichen und im Zusammenhang damit dezidiert islamischen Rhetorik zu gewinnen hofften. Ein immer wieder in diesem Sinn bemühtes Motiv ist die Rache für die Kreuzzüge, bisweilen auch die Rückgängigmachung des Verlusts Spaniens.

Der These des Verfassers, der Kalte Krieg habe es den arabischen Staatsmännern ermöglicht, ihre je unter spezifischen Bedingungen gehegten Träume von einem arabisch-islamischen Imperium zu träumen und sich vor einer realistischen Palästina- beziehungsweise Israelpolitik zu drücken, ist zuzustimmen. Seit 1990 hat sich die Lage von Grund auf geändert. Aber der Durchbruch zu einer eigenverantwortlichen, wirklichkeitsnahen, auf den regionalen Gegebenheiten fußenden Politik ist bisher nicht gelungen.

Doch habe, so Karsh, die ohne fremde Einflussnahme zustande gekommene Osloer Vereinbarung von 1993 gezeigt, was möglich sei. Im Großen und Ganzen sei die Politik der islamischen Welt allerdings im Banne islamistischer Ideologien und imperialer Wunschvorstellungen verblieben. So fällt es den Regierenden in der islamischen Welt schwer, sich Leuten vom Schlage eines Osama bin Laden zu widersetzen, die mit dem Ernst machen wollen, was jene selber immer wieder in leichtfertiger Publizitätshascherei verkünden.

Karsh hat eine erhellende Studie geschrieben, die alle am Nahen Osten Interessierten mit Gewinn lesen werden. Man muss ihm allerdings vorhalten, dass seine Ansicht, die Alliierten hätten sich im Ersten Weltkrieg nur deshalb in jener Region engagiert, weil sie dem imperialen Streben der Haschemiten einen Riegel hätten vorschieben wollen (Sykes-Picot-Abkommen), einseitig und naiv ist.

Großbritannien und Frankreich verfolgten je ihre eigenen imperialistischen Ziele und nutzen alle Gelegenheiten, die sich zu deren Verwirklichung boten. Der Zorn darüber - und hierin ist Karsh beizupflichten - entbindet ein knappes Jahrhundert später die Staatsmänner der islamischen Welt allerdings nicht von der Pflicht, endlich zu einer Politik zu finden, die jegliche religiös begründeten Herrschaftsansprüche überwindet. Auch Israel hat übrigens in dieser Hinsicht noch nicht geleistet, was man mit Recht erwarten darf.

EFRAIM KARSH: Imperialismus im Namen Allahs. Von Muhammad bis Osama Bin Laden. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 399 Seiten, 24,95Euro.

© SZ vom 4.5.2007
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