17. Juni 2014, 13:55 Irak zwischen Terror und Religionskrieg Der Geist von Saddam

Der Erfolg von Isis im Irak ist offenbar nicht allein das Werk von Islamisten. Kurdenpolitiker sind überzeugt: Getreue des ehemaligen Diktators Saddam Hussein bahnen den Kriegern den Weg. In einem Flüchtlingslager im Nordirak berichten Augenzeugen von der Brutalität der Dschihadisten.

Von Tomas Avenarius

Raed steht vor einem Zelt, knetet ein Stück trockenes Brot in der Hand. Das Zelt ist leer. Der Mann aus Mossul besitzt nicht mehr viel mehr als das, was er am Leib trägt und das, was ihm die Helfer im Flüchtlingslager geben: "Wir sind geflohen, sobald die Kämpfe aufgehört hatten, sobald der Weg sicher war."

Wer seine Heimatstadt Mossul überfallen, Soldaten und Polizisten erschossen und die irakische Armee im Handstreich aus der Millionenstadt vertrieben hat, ist für ihn klar: "Islamisten. Die meisten tragen diese langen Bärte. Nach den Kämpfen sind sie zum Basar, mit Benzinkanistern. Sie sind in die Alkoholgeschäfte und in die Teehäuser, in denen die Männer Karten spielen, und haben diese Orte in Brand gesteckt."

Die Militanten haben umgerechnet 350 Millionen Euro erbeutet

Was die Flüchtlinge im Lager Khallak nahe der Kurden-Hauptstadt Erbil über die radikalislamischen Kämpfer erzählen, die vergangene Woche eine modern bewaffnete Armee im Handstreich in die Flucht geschlagen und Teile des Nordirak erobert haben, klingt eindeutig. Die Militanten haben in Mossul zudem Banken überfallen, umgerechnet 350 Millionen Euro Bargeld erbeutet.

Isis dürfte nun die reichste Terrorgruppe weltweit sein, kann ihre Kriege im Irak und in Syrien auf Jahre finanzieren. Die Dschihadisten der Terrorgruppe, die in der Langfassung "Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien" heißt, wollen nun nach Bagdad, bedrohen die irakische Regierung, die Herrschaft der Schiiten über den Irak.

Irak Die Machtinteressen im Irak

Naher Osten

Die Machtinteressen im Irak

Der Vormarsch der radikal-islamischen Terrorgruppe Isis bedroht nicht nur die Herrscher im Irak. Das Machtgefüge einer Region gerät ins Wanken. Warum das Regime in Iran fast alles tun wird, um Iraks Premier Maliki zu stützen, wieso US-Präsident Obama zögert und welche Rolle die Türkei spielt.   Von Matthias Kolb und Sebastian Gierke

Vieles spricht allerdings dafür, dass sich hinter dem Isis-Terrorfeldzug mehr verbirgt als der Überraschungsschlag von ein paar Tausend Dschihadisten gegen die Bagdader Regierung. Der irakische Kurdenpolitiker Salah Delo, Mitglied des Politbüros der in Erbil herrschenden Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) sagte der SZ in Kirkuk: "Das ist nicht allein Isis. Neben Dschihadisten sind es Baathisten, alte Saddam-Getreue. Dazu Stammesleute und Teile der Bevölkerung von Mossul. Ein anderer ranghoher Kurdenpolitiker geht weiter: "Das ist nicht nur Terror. Das ist ein sunnitischer Aufstand gegen Maliki, gegen die Schiitenherrschaft in Bagdad."

Was im Januar in der von Isis-Kämpfern besetzten Stadt Falludscha begann und in Mossul zum Tragen kam, erscheint gut geplant finanziert. Dass Isis-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi der alleinige strategische Kopf ist, mutet unwahrscheinlich an.

Kurdenpolitiker vermuten Izzet Ibrahim al-Duri als Mastermind hinter der Offensive der Sunni-Militanten. Duri war Saddam Husseins Vizepräsident, als Stellvertreter des Diktators ein Schwergewicht in Saddams Baath-Partei, in der Armee. Er wäre der ideale Mann, die Sunniten zu einen. Der Offizier war von Anfang an im Widerstand gegen die US-Besatzer. Der 71-Jährige gilt als strengst-frommer Muslim. Er kennt die Führer und Scheichs der mächtigen sunnitischen Stämme, ist aber auch überzeugter Baathist.

Irak Warum Amerika nicht wegschauen darf
Gewalt im Irak

Warum Amerika nicht wegschauen darf

Nicht George W. Bush und ein paar Spießgesellen sind 2003 im Irak einmarschiert, sondern die Vereinigten Staaten von Amerika. Damit hat Washington Verantwortung für das Land übernommen. Präsident Obama muss sich endlich persönlich und ernsthaft um den Nahen Osten kümmern - sonst ertrinkt die Region in Blut.   Ein Kommentar von Hubert Wetzel

Als früherer Vize-Armeechef kann Duri die von den USA 2003 mit der Auflösung der Streitkräfte von einem Tag auf den anderen auf die Straße gesetzten Offiziere an sich binden, aber auch die meist nur auf eigene Interessen bedachten Stämme integrieren. Sie verfügen über Zehntausende junge Männer. Und damit über Kämpfer.

Auch Mossul als Ausgangspunkt der Erhebung spricht für eine Verwicklung alter Saddam-Kader: Mossul war immer Hochburg des arabischen Nationalismus, der Baath-Ideologie Saddams. Bei all dem ist Duri als frommer Muslim für die ultrareligiösen Isis-Dschihadisten akzeptabel, zumindest in einem taktischen gedachten Zweckbündnis.

Kurz: Saddams Vertrauter ist wohl der Einzige, der die Sunniten zurück an die Macht bringen könnte in Bagdad. Das ahnten selbst die Amerikaner: Ihr Kopfgeld auf den rothaarigen Duri betrug zehn Millionen Dollar.

Premierminister Maliki versucht die Nation zu einen

Wie gefährlich die Lage ist, wissen auch die Schiiten: Es geht um ihre Macht, ihre Religion, ihr Überleben. Die Isis-Militanten betrachten die Schiiten als Ketzer, als Nicht-Muslime. Sie wollen ihre heiligen Stätten in Nadschaf, Kerbala und Samarra zerstören. Ayatollah Ali al-Sistani, geistliches Oberhaupt des Irak und ein sonst immer auf Versöhnung pochender Schiitenführer, hat zum Heiligen Krieg aufgerufen.

Alle müssten "Land, Volk und heilige Stätten" schützen. Als Märtyrer zu sterben sei "ehrenvoll". In Bagdad und im Südirak melden sich Tausende als Freiwillige. Der Vor-marsch auf Bagdad könnte den Militanten also schwerfallen, der Isis-Blitzkrieg bald feststecken. Zumal die Schiiten auch noch eigene Milizen haben, die viele Tausend Mann stark sind.

Thema des Tages Gotteskrieger außer Kontrolle
Islamisten-Vormarsch im Irak

Gotteskrieger außer Kontrolle

Sie sind Dschihadisten, reich, unabhängig und nicht mehr zu steuern: Die Isis gilt als gefährlichste Terrorgruppe der Welt. Jetzt müssen sich selbst die Saudis fürchten, die sie einst mit Geld unterstützt haben.   Von Tomas Avenarius

Premierminister Nuri al-Maliki, auch Schiit, versuchte, die vor dem Zerfall stehende Nation rhetorisch zu einen: Das Land stehe im Kampf gegen Terroristen. Am Ende seien alle Iraker: "Hört nicht auf die, die von Sunniten und Schiiten reden", so der Premier, der nach dem schmählichen Zusammenbruch seiner Armee politisch enorm geschwächt ist, vielleicht um Hilfe der Iraner oder der USA bitten muss. Spätestens dies zeigt angesichts der Erzfeindschaft zwischen Teheran und Washington, wie ernst die Lage im Irak ist.