10. April 2012, 13:49 Grass, Israel und Irans Atomprogramm Viele Lücken in der Argumentation

Teheran ist der Provokateur - das bestätigen unzählige Berichte. In der Auseinandersetzung mit Irans Atomprogramm verwechselt Grass Ursache und Wirkung. Denkt man seine Argumentation weiter, lautet die Logik: Wenn Israel die Bombe haben darf, müsste doch Israels Feind dasselbe Recht zugebilligt werden. Es geht um ein Recht auf Waffengleichheit.

Von Stefan Kornelius

Auch wenn die sehr deutsche Debatte um das Grass-Gedicht einen anderen Eindruck erweckt: Die Spekulationen um einen israelischen Präventivangriff auf iranische Nuklearanlagen haben sich seit etwa drei Wochen beruhigt.

Günter Grass während einer Veranstaltung im März 2011

(Foto: dapd)

Mit einem Angriff ist zwar immer noch zu rechnen. Aber zumindest momentan ist die Wahrscheinlichkeit gesunken, seitdem Israels Premier Benjamin Netanjahu bei seinem jüngsten Besuch in Washington keine politische und keine militärische Unterstützung für einen Angriff gefunden hat.

Die so schnelle wie oberflächliche Analyse: Netanjahu wollte sich den innenpolitischen Kalender der USA zunutze machen und Präsident Barack Obama im Wahlkampf ein Solidaritätsopfer für Israel abringen - in Form von politischer und vielleicht gar auch militärischer Hilfe bei einem Angriff. Obama hat ihm diesen Beistand verweigert. Amerika ist müde und will keinen neuen Krieg, nicht vor der Wahl im November, vermutlich auch anschließend nicht.

Das tatsächliche Problem ist mit der Reise nach Washington allerdings nur aufgeschoben: Muss man das iranische Atomprogramm hinnehmen, oder gibt es ein politisches oder militärisches Mittel dagegen? Entgegen der Meinung von Grass ist es nämlich dieses Programm, von dem die größte Gefahr wenn nicht unbedingt gleich für den Weltfrieden, so doch zumindest für die Region ausgeht.

Verschiebung der Perspektive

Seit gut zehn Jahren wächst die Sorge um die iranischen Nuklearanlagen, seit etwa 2008 wird die Beweislast erdrückend. Nicht allein das Ziel dieses Programms - die Atombombe - wird als Bedrohung empfunden. Bereits die Existenz der Anreicherungsanlagen und die Arbeiten an einem Zündmechanismus für eine Bombe haben die strategischen Gewichte in der arabischen Welt verändert.

In dieser Verdrehung von Ursache und Wirkung liegt einer von mehreren gravierenden Fehlern, die in Grass' Gedicht zu finden sind. Diese Verschiebung der Perspektive, die Benennung Israels als Aggressor, verzerrt das strategische Bild und ist ein Grund für die Empörung, die Grass entgegenschlägt.

Iran als Provokateur ist Gegenstand unzähliger unabhängiger Berichte, vor allem der Internationalen Atomenergiebehörde. Sie hat den Auftrag, die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags zu überwachen, den auch Iran als Signatarstaat zu seinem völkerrechtlichen Inventar gemacht hat. Zu den Rechten der Behörde gehören Inspektionen, die Iran immer und immer wieder verweigert oder unterläuft. Zweitens ist Iran verpflichtet, sein ziviles wie militärisches Nuklearprogramm offenzulegen.

Ob Iran die Bombe testfähig oder einsatzbereit hat - niemand weiß es

Mehrmals hat Iran gegen dieses Gebot verstoßen und insgeheim Anlagen betrieben. Zweifelsfrei bewiesen ist, dass Iran ein Anreicherungsprogramm für Uran betreibt, das den Bedarf für medizinische Zwecke deutlich übersteigt, zugleich aber nicht das Atomkraftwerk in Buschir versorgen kann, für das ohnehin Russland die Brennelemente liefert. Drittens ist hinreichend dokumentiert, dass Iran seit Jahren an dem komplizierten Zündmechanismus arbeitet, der einen nuklearen Sprengkopf zur Detonation bringen kann.

Wer heute noch das Wörtchen "angeblich" vor das iranische militärische Nuklearprogramm setzt, der erweist lediglich der letzten Ungewissheit seinen Respekt: Ob Iran am Ende tatsächlich eine Atombombe testfähig oder gar einsatzbereit in sein Arsenal einlagert - das weiß heute niemand. In der Gemeinde der Nuklearexperten ist zurzeit die These verbreitet, dass Iran lediglich die sogenannte Break-out-Fähigkeit erlangen will, also wenige Schritte vor der eigentlichen Montage der Bombe innehält - aber damit über eine mächtige Drohung verfügt.

Ob mit virtueller oder der tatsächlichen Waffe: Iran wäre all seinen Nachbarn in der Region weit überlegen - und nicht nur eine Bedrohung für Israel. Das Kräftegleichgewicht zwischen Iran und seinen sunnitischen Nachbarstaaten wäre derart außer Kontrolle, dass die Fachwelt seit Jahren die Gefahr einer arabischen Bombe als Antwort auf die persische Bombe diskutiert. Saudi-Arabien könnte sich einen Sprengkopf samt Rakete beschaffen - gegen gutes Geld etwa in Pakistan oder in Nordkorea. Ob die Türkei die Nuklearisierung ihrer Nachbarschaft hinnimmt oder sich selbst für diesen Augenblick wappnet, ist eine zusätzliche Unbekannte in dem sich nun entwickelnden Nuklearschach.

Irans Nuklearprogramm entfaltet im direkten Duell mit Israel seine entscheidende Wirkung. Irans Vernichtungsphantasien gegen Israel sind hinreichend dokumentiert. Daraus ergeben sich existentielle Fragen: Würde eine Theokratie mit einem Populisten an der Spitze der Regierung der Verlockung erliegen und den vielen Worten auch die Tat folgen lassen? Würde ein Sprengkopf über Tel Aviv gezündet nicht ausreichen, Israel von der Landkarte zu tilgen?

Funktioniert bei derartiger religiös-ideologischer Überladung das Gesetz von Abschreckung, von Erstschlag und Gegenschlag noch? Man kann es Israels Premier und der Mehrheit der politischen Klasse in Jerusalem nicht absprechen, diese Szenarien bis in die letzte Konsequenz zu durchdenken - und nach einer Abwehr dagegen zu suchen.

Nachdem alle politischen Einhegungsversuche wenig gefruchtet haben, nachdem Sanktion um Sanktion von Iran unterlaufen wurden oder einfach nur hingenommen werden, rückt der Moment näher, an dem über die letzte Option zur Behinderung oder gar Verhinderung des Programms geredet werden muss: einen Militärschlag.

In der Abwägung der Angriffsoptionen scheiden sich die Geister

Dabei geht es nach allem taktischen Kalkül nicht um eine irgendwie geartete Vernichtung, wie Grass behauptet, sondern um einen gezielten Angriff auf die Anlagen, die das nukleare Waffenprogramm beherbergen. Der iranische Atomreaktor Buschir spielt dabei keine Rolle. Er ist für die Anreicherung und die Herstellung des waffenfähigen Sprengstoffs weitgehend ohne Bedeutung. Ein Fukushima-Szenario, wie von Grass entworfen, gehört also in die Abteilung Hysterie.

In der Abwägung der Angriffsoptionen scheiden sich überall auf der Welt, auch in Israel, die Geister. Lassen sich alle Ziele treffen? Lassen sie sich so weit zerstören, dass eine iranische Bombe verhindert oder ihr Bau zumindest auf lange Zeit verzögert wird? Kann die israelische Luftwaffe das überhaupt? Ist mit einem Gegenschlag Irans zu rechnen? Mit Terror?

Israel hat sich indes mit seinem eigenen Nuklearprogramm ebenso politisch und moralisch verwundbar gemacht - allerdings nicht völkerrechtlich, weil der Staat als einer der ganz wenigen auf der Welt nicht zu den Unterzeichnern des Atomwaffensperrvertrags gehört.

Ein simples Argument, das dem einfachen Geist schmeichelt

In Grass' Argumentation - und sie findet Anhänger - geht die Logik noch weiter: Wenn Israel die Bombe haben darf, müsste doch Israels Feind dasselbe Recht zugebilligt werden. Es geht quasi um ein Recht auf Waffengleichheit. Die Simplizität des Arguments schmeichelt dem einfachen Geist, aber das Argument hält dem harten Test eines komplexen strategischen Szenarios nicht stand. Siehe oben: Wenn einer eine Bombe hat, dann wird die Welt nicht sicherer, nur wenn ein zweiter sie ebenfalls bekommt.

Wichtig ist auch, die politische Absicht eines Bombenträgers zu durchleuchten. Israel setzt sein Nuklearpotential politisch nicht offensiv ein, es droht nicht mit der Bombe und es zieht auch keine offensiven, taktischen Vorteile aus dem Besitz (wenn es etwa Krieg gegen die Hisbollah im Libanon führt).

Zwar könnte Israel mit Hilfe eigens umgerüsteter U-Boote aus deutscher Fertigung nukleare Sprengköpfe abschießen und verfügt damit über eine Zweitschlagskapazität. Aber für diesen Zweitschlag würden sich im Zweifel auch die USA hergeben. Deutsche U-Boote sind in der Eskalationsstrategie also von Bedeutung, aber nicht entscheidend.