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Google:Eine Krim, zwei Karten

Summer In The Crimea After It Is Annexed By Russia In 2014

Lenin-Statue auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim. In der Ukraine wäre sie verboten.

(Foto: Alexander Aksakov/Getty)

Der Konzern tauscht auf einer Karte der Krim die Namen Dutzender Orte aus, kurze Zeit später macht er alles wieder rückgängig. Google will Ärger mit Russland vermeiden.

Von Frank Nienhuysen

Google hat die Welt verändert, jetzt traute der Konzern sich an die Krim. Und das gleich zweimal. In der vergangenen Woche tauschte das Unternehmen auf einer Karte der von Russland annektierten Halbinsel mit einem Schlag die Namen Dutzender Ortschaften aus. So wurde aus Krasnogwardejskoje (benannt nach den Rotgardisten) der Ort Kurman, aus Kirowskoje (das den Namen eines sowjetischen Funktionärs trägt) wurde Isljam-Terek, und das Gebiet Sowjetskij hieß nunmehr Itschki.

Grundlage war ein Gesetz, das der ukrainische Präsident Petro Poroschenko im Mai des vergangenen Jahres unterzeichnet hatte. Darin wird die Verwendung von Symbolen des Kommunismus - und des Nationalsozialismus - in der Ukraine verboten. Auch mit dem Hinweis auf dieses sogenannte Dekommunisierungsgesetz haben sich mehrere ukrainische Städte bereits ihrer Lenin-Denkmäler und anderer Statuen entledigt. Doch was etwa bei der Stadt Kamjanske, die bis Mai noch Dniprodserschynsk hieß (nach dem ersten Leiter des Geheimdienstes), noch eine leichte Sache gewesen war, erwies sich auf der Krim als schwierig. Völkerrechtlich gehört die Halbinsel nach wie vor zur Ukraine, wenngleich Moskau sie vor zwei Jahren in das russische Staatsgebiet eingegliedert hat. Und in Russland wurden Googles Umbenennungen nicht sehr goutiert.

Der russische Kommunikationsminister Nikolaj Nikiforow nannte den Eingriff des amerikanischen Konzerns eine "kurzsichtige Politik" und drohte ihm vage mit Konsequenzen, falls "der Fehler" nicht umgehend korrigiert werde. "Wenn Google dem russischen Gesetz und russischen Ortsnamen so wenig Aufmerksamkeit widmet, dann wird es ihm künftig sehr schwer fallen, auf russischem Gebiet effektive Geschäfte zu machen." Der Regierungschef der Krim, Sergej Aksjonow, warf dem Unternehmen vor, es habe sich zu sehr auf Kiew "und die Russophobie in der Ukraine" eingelassen.

Die Kritik zeigte schnell Wirkung. Schon einen Tag später, Ende der vergangenen Woche, nahm Google die Namensänderungen wieder zurück. Itschki heißt also wieder Sowjetskij, woraufhin die Zeitung Kyiv Post titelte: "Google beugt sich russischem Druck". Der Konzern selber kommentierte das Hin und Her nicht sonderlich und sprach lediglich von einer "komplizierten Situation" und dass es zu den vormaligen Bezeichnungen zurückkehre. Nach einem Bericht der Kyiv Post versprach die ukrainische Konzern-Vertretung allerdings, sie werde nun zwei verschiedene Versionen der Krim-Karte erarbeiten, eine für Russland, eine für die Ukraine. Kiew hatte sich für die meisten betroffenen Ortschaften auf der Krim auf einen tatarischen Namen geeinigt, etwa im Falle von Itschki. Die Krimtataren waren unter Stalin von der Halbinsel deportiert worden und konnten erst mit der beginnenden Perestroika zurückkehren. Nach der Annexion der Krim flüchteten viele Tataren nach Kiew und in den Westen der Ukraine.

Schon Coca-Cola hatte mit der Veröffentlichung einer Russland-Karte im sozialen Netzwerk Vkontakte einen Konflikt gleich mit zwei Ländern ausgelöst. Zuerst empörten sich die Russen, weil die Krim fehlte. Dann zürnten die Ukrainer, weil die Krim drauf war. Als Ukrainer zum Boykott des Getränks aufriefen, reagierte der Konzern ein weiteres Mal - und löschte die Karte ganz.

© SZ vom 02.08.2016

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