9. Januar 2018, 14:30 Entwicklungspolitik "Der Westen hat als Vorbild dramatisch gelitten"

Für den Migrationsexperten Dirk Messner steht fest: Die nächste deutsche Regierung muss vor allem die multilaterale Entwicklungspolitik stärken, um den globalen Krisen zu begegnen.

Interview von Michael Bauchmüller und Stefan Braun

Kriege, Klima, Flüchtlinge, kaputte Schulen - die nächste Bundesregierung wird vor großen Herausforderungen und Problemen stehen. Die SZ befragt Experten, was diese von einer Regierung in dieser Welt voller Großaufgaben erwarten. Den Anfang machten der Politikwissenschaftler Herfried Münkler und der Klima-Forscher Ottmar Edenhofer; darauf folgten die Sozialexpertin Jutta Allmendinger und die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel.

Dirk Messner, 55, leitet das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik in Bonn und ist Co-Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Globale Umweltveränderungen. Eine weitere Gesprächspartnerin wird die Integrationsforscherin Naika Foroutan sein.

SZ: Herr Messner, vor der Haustür Europas gibt es wieder Sklavenmärkte. Hat die Entwicklungspolitik versagt, wenn uns das Mittelalter in Libyen derart einholt?

Dirk Messner: Die Entwicklungspolitik kann nicht jedes Problem lösen. Zum Beispiel dann nicht, wenn die internationale Staatengemeinschaft beschließt, einen Diktator wie Muammar al-Gaddafi aus dem Weg zu schaffen, sich aber danach nicht darum kümmert, was langfristig aus dem Land wird.

Die Menschen auf diesen Sklavenmärkten suchen eine Perspektive in Europa. Offensichtlich gibt es diese in ihrer Heimat nicht - und das nach 50 Jahren Entwicklungspolitik.

Wir haben eine etwas verzerrte Wahrnehmung von der Entwicklung Afrikas. Eine ganze Reihe von Indikatoren hat sich in vielen afrikanischen Staaten gut entwickelt. Die Einschulungsrate ist gestiegen, die Sterblichkeit von Kindern und Müttern ist gesunken. Mehr Menschen haben Zugang zu Wasser. Grosso modo haben sich die meisten Sozialindikatoren dort also verbessert. Afrika ist kein Kontinent, auf dem permanent nur Katastrophen stattfinden. Aber wir haben ein Dutzend Länder, in denen Gewalt herrscht, in denen Institutionen und Wirtschaft zusammengebrochen sind oder in denen kleptokratische Autokraten herrschen. Das sind Problemländer, in denen Menschen jede Perspektive genommen wird.

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Fliehen die Menschen nur von dort?

Nicht alle Flüchtlinge kommen von dort. Aber die meisten Menschen wechseln nicht von einem 6000-Dollar-Land in ein 40 000-Dollar-Land. Sondern sie fliehen aus Gesellschaften, in denen die Existenzgrundlagen für sie und ihre Kinder in Gefahr sind. Das hat vor allem mit Krieg und Gewalt zu tun. Entwicklungspolitik kann die Dinge zum Besseren ändern, aber sie kann nicht alles lösen. Und in Ländern wie Somalia oder im Kongo können wir von außen keine Entwicklungsfeuerwerke entfachen, sondern nur dazu beitragen, humanitäre Krisen zu reduzieren, Reform- und Friedensakteure zu stärken oder die Finanzströme von Warlords zu stoppen.

Zurzeit heißt es in Europa vor allem: Wir brauchen in Afrika Investitionen, Investitionen, Investitionen. Kann das wirklich helfen?

Grundsätzlich habe ich dagegen nichts - ohne Arbeitsplätze gibt es keine stabile Entwicklung. Aber wir müssen die Förderung von Investitionen klug kombinieren mit anderen Politikfeldern, von denen wir wissen, dass eine funktionierende Gesellschaft sie auch dringend braucht. Ansonsten wiederholen wir bekannte Fehler der Vergangenheit: Jetzt dreht sich alles um Investitionen und Jobs, ohne an all das andere Drängende zu denken. Und in zehn Jahren müssen wir dann sagen: Gut, wir haben Beschäftigung geschaffen, aber Dinge wie die Gesundheitsversorgung und die Umwelt haben wir leider vernachlässigt. Wir erliegen wieder einer Mode.

Einer Mode?

Ja. Wir verfolgen in der Entwicklungspolitik in Zyklen bestimmte Moden und drängen die Länder mal in die eine, mal in die andere Richtung. In den Achtzigern und Neunzigern haben Weltbank und der Internationale Währungsfonds den so genannten Washington Consensus ausgegeben, eine völlige Hinwendung zu einem eindimensionalen Wirtschaftsliberalismus. Den Ländern wurde aufgezwungen, ihre Märkte zu liberalisieren, Staatseigentum zu privatisieren und das Finanzsystem zu deregulieren. Nach 15 Jahren haben wir gesehen, dass das fast nirgendwo etwas gebracht, sondern viele Länder geschwächt hat. Im Jahr 2000 kamen dann die UN-Millenniumsziele zur Armutsbekämpfung. Also wurde begonnen, die sozialen Sektoren zu stärken. Wirtschaftliche Entwicklung wurde vernachlässigt. Und jetzt kommt die nächste Welle: die Investitionen.

Warum hat niemand daraus gelernt?

Wir tappen immer wieder in eine Omnipotenzfalle. Um unsere Bürger von der Entwicklungspolitik zu überzeugen, werden einfache Lösungen angepriesen. Also sind das dann mal die Investitionen, mal ist es der freie Markt, mal ist es die Rettung des Gesundheitswesens. Dabei wissen wir aus unserer eigenen Gesellschaft, dass es solche einfachen Lösungen nicht gibt, dass wir ständig überall etwas tun müssen.

Wie würden Sie es machen?

Wir müssen uns klar machen, dass wir von außen nicht alle Probleme lösen können. Aber wir können Entwicklungen verstärken und auf Akteure setzen, von denen wir denken, dass sie in Zukunft eine Bedeutung haben werden. Ich wünsche mir eine Mischung aus Pragmatismus und Ehrgeiz - statt alle paar Jahre die nächste Sau durchs Dorf zu jagen, nach dem Motto: Wir haben den goldenen Schlüssel gefunden. Es gibt keinen goldenen Schlüssel. Also muss man kluge Prioritäten setzen, und mit anderen Gebern und Regierungen in den Partnerländern zusammenarbeiten.

Gibt es etwa keine Zusammenarbeit zwischen Gebern?

Zu wenig. Sie finden in jedem Entwicklungsland 30, 40, 50 verschiedene Geber. Das sind bilaterale, europäische, multilaterale, private Organisationen oder regionale Entwicklungsbanken. Und sie alle arbeiten oft unkoordiniert nebeneinander. In den Neunzigern sollte ich mir die Technologieförderung in Bolivien näher anschauen. Da habe ich im Industrieministerium nachgefragt, wie die industriepolitische Perspektive des Landes aussehe und wie diese durch die Gebergemeinschaft unterstützt werde. Die haben erst mal geschluckt, und dann haben die Beamten in jedem Ministerium eine Liste aus der Schublade gezogen. Eine Liste von 50 Gebern, mit vielen Vorhaben und Projekten. Die Situation ist auch heute in Ländern wie Liberia, Mosambik, Haiti, in denen öffentliche Investitionen stark von der internationalen Entwicklungszusammmenarbeit abhängen, leider nicht viel besser. Stellen Sie sich vor, im deutschen Gesundheitssektor gäbe es dutzende Geber, jeder verfolgte sein Muster von Gesundheitspolitik, und wir müssten alles akzeptieren, weil wir auf die Hilfe angewiesen sind - dann hätten wir auch kein gutes Gesundheitssystem.

Dirk Messner, 55, leitet seit 2003 das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik in Bonn. Seit 2013 ist er zudem Co-Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Globale Umweltveränderungen, der die Bundesregierung berät.

(Foto: DIE)

Wie kann man dieses Problem lösen?

Man muss auf die Länder, wo das möglich ist, hören. Man sollte deren Strategien unterstützen. Und dann müssen die Geber sich soweit es geht abstimmen. Gerade in Europa sollte das doch nicht schwer sein. Wir Europäer stellen mehr als 60 Prozent der weltweiten offiziellen Entwicklungsinvestitionen zur Verfügung. Wir sind eine Union, also sollte es möglich sein, die 60 Prozent gemeinsam zu strukturieren. Das wäre, vorsichtig ausgedrückt, schon ein Riesenfortschritt.

Das hieße aber, dass die Europäer die gleichen Interessen in der Entwicklungspolitik haben müssten. Haben sie die?

Wir haben uns 2015 alle auf die Agenda 2030 und deren Entwicklungsziele verpflichtet. Wir sind alle an der ökonomischen und sozialen Entwicklung interessiert; wir wollen alle die Demokratie und den Klimaschutz fördern. Hier müsste es also klappen. Im Übrigen: Deutschland muss nicht in Ländern mit dabei sein, in denen schon sieben, acht Europäer aktiv sind. Wir könnten die Dänen oder Franzosen unterstützen, wenn wir merken, die machen schon längst gute Arbeit. Und vice versa. Gelingt das nicht, dann bringt auch noch so viel Geld keinen Zusatznutzen.

Welche Konsequenz hat die Flüchtlingskrise für die Entwicklungspolitik? Ist sie gut, weil plötzlich viele wach geworden sind? Oder schlecht, weil sie Geld von anderen Weltregionen abzieht?

Vielleicht tun wir jetzt das Richtige aus den falschen Gründen. Viele Menschen wollen, dass die afrikanische Fluchtbewegung aufhört. Nicht selten aus purem Eigennutz. Mich stört aber, dass viele übersehen, dass die wirklichen Flüchtlingskrisen in Afrika selbst stattfinden. 90 Prozent aller Flüchtlinge wandern zwischen den armen Staaten. Gut ist, dass viele Europäer endlich verstehen, dass es ohne Entwicklung in Afrika keine Sicherheit in Europa gibt. Wir haben schon vor Jahren gesagt, dass Europas und Afrikas Entwicklung voneinander abhängen, wir haben schon seit langem einen größeren Einsatz gefordert - und sind belächelt worden. Das ist jetzt vorbei.

Hat die Flüchtlingskrise das bisherige Denken aufgebrochen?

Wir waren lange zu kaltschnäuzig. Wir wussten, was los ist, aber es hat uns nicht interessiert. Die allermeisten Flüchtlinge bewegen sich zwischen armen Ländern. Pakistan, Libanon, Jordanien, Kenia sind wichtige Aufnahmeländer - mit viel größeren Herausforderungen als hier in Europa. Jetzt rücken uns die Flüchtlinge auf die Pelle und wir reagieren. Das trägt Züge von Zynismus. Aber wir lernen gerade weltweit. Wir lernen, wie unsere Gesellschaften auf noch nie dagewesene Art miteinander verknüpft sind. Und das hat plötzlich mit unserem Alltag direkt zu tun. Das ist ein historisch neuer Prozess: Wir müssen als Gesellschaften Verantwortung für das globale Gemeinwohl und das System Erde übernehmen - nur so können Dauerkonflikte vermieden werden.

Mehr als 230 000 Menschen leben im Flüchtlingscamp bei Dadaab. Kenia beherbergt neben Pakistan, Libanon und Jordanien die meisten Flüchtlinge weltweit.

(Foto: Ben Curtis/dpa)

Was heißt das für die nächste Bundesregierung?

Sie muss sich mit hoffentlich großer Leidenschaft dafür einsetzen, dass wir in der EU eine viel stärker gemeinsam ausgerichtete Entwicklungspolitik bekommen. Nicht nur aus gutem Willen, sondern auch aus aufgeklärtem Eigeninteresse, weil wir dann in Afrika viel mehr in Gang setzen könnten.

Was wünschen Sie sich konkret?

Die nächste Regierung muss vor allem die multilaterale Entwicklungspolitik signifikant stärken. Der Multilateralismus und die EU sind derzeit in ernster Gefahr. Eine gestaltende Rolle Deutschlands zur Stärkung der europäischen und der multilateralen Entwicklungskooperation bringt eine global nachhaltige Entwicklung viel besser voran. Und dazu müssen Europa und Deutschland Pioniere für eine globale nachhaltige Entwicklung sein, etwa in der Klima- und in der Finanzpolitik.

Wie das?

Um es glaubwürdig nach außen vertreten zu können, müssen wir es auch bei uns selbst so machen. Die Hälfte des Kuchens, den wir da backen wollen, müssen wir zuhause zusammenrühren. Wenn wir den Klimaschutz zu Haus nicht voranbringen, unterminieren wir die Entwicklungschancen Afrikas und betreiben Fluchtursachenverstärkung. Wenn wir Steuervermeidung auf den internationalen Finanzmärkten nicht eindämmen, schaden wir nicht nur uns selbst, sondern begünstigen auch die korrupten Geldwäscher in Entwicklungsländern.

Welche Konsequenz hat der radikale Kurswechsel der USA? Für Donald Trump ist Multilateralismus doch ein Schimpfwort.

Ja, das ist dramatisch für die ganze Welt. Jetzt stehen sich grundverschiedene Konzepte einer künftigen Weltordnung gegenüber. Deshalb würde ich mir von einer neuen Bundesregierung wünschen, dass sie demonstrativ mit Partnern die Löcher zu stopfen versucht, die Washington aufreißt - zum Beispiel bei der Finanzierung der Vereinten Nationen.

Wie hat sich die Wahrnehmung Deutschlands in der Welt verändert?

Sie ist im Wesentlichen sehr positiv, und das hilft uns natürlich. Wir werden oft als ziemlich ehrliche Makler wahrgenommen. Das liegt auch an unserer militärischen Enthaltsamkeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Verändert hat sich dagegen die Leitbildfunktion des Westens - sie hat dramatisch gelitten. Ein schwerer Einbruch war die internationale Finanzkrise. Jahrzehntelang haben wir good governance gepredigt, und dann fliegt uns der westlich geprägte und beherrschte internationale Finanzmarkt um die Ohren. Fast hätten wir es geschafft, die gesamte Weltwirtschaft in den Strudel hineinzuziehen - das war bad governance in großem Stil. Hinzukommt, dass sich in Europa nun einige rechtspopulistische Regierungen von Rechtsstaat, Demokratie und globaler Verantwortung verabschieden, obwohl wir in den Entwicklungsländern dafür immer geworben hatten. Und sind da auch noch einige Industrieländer, die bei Themen wie der Klima- und der Flüchtlingspolitik scheinheilig daherkommen. Der Westen hat in vielen Teilen der Welt ein Imageproblem.

Zählt zu dieser Scheinheiligkeit auch die Handelspolitik?

Unbedingt! Die Fischerei ist das beste Beispiel. Da unterstützen wir Ausbildungssysteme in der Fischerei in afrikanischen Ländern - und dann kommen europäische Trawler und fischen alles leer. Man kann sich gar nicht vorstellen, was das in den Köpfen der Menschen kaputt macht. Das muss sich ändern, wir müssen uns ehrlich machen.

Wie kann so etwas passieren?

Unsere Politiker wollen einerseits in Afrika Gutes tun und es sich andererseits mit den gesellschaftlichen Gruppen in Europa nicht verderben. Außerdem steht die europäische Fischerei auf wackeligen Beinen. Also unterstützt man sie, statt dazu beizutragen, nachhaltige Wirtschaftsstrukturen in Afrika und Europa zu entwickeln.

Die Lebensmittelpolitik ist auch nicht besser. Europa exportiert subventionierte Produkte nach Afrika...

... und zerstört dort die Märkte. Dabei ist die Landwirtschaft für Afrika der wichtigste Sektor. Die Entwicklung etwa Südkoreas basierte darauf, solche Märkte zeitweilig mit Entwicklungszöllen zu schützen - und danach erst zu öffnen. Wenn man das richtig macht, dann ergibt das für Entwicklungsländer durchaus Sinn. Wir sollten afrikanischen Ländern ermöglichen, Wettbewerbsvorteile aufzubauen und ihre Exporte in die EU zu stärken - das kann im Einzelfall auf Kosten europäischer Anbieter gehen, wie in der Fischerei. Aber insgesamt würde Europa von einem wirtschaftlich prosperierenden Afrika profitieren.

Muss eine Bundesregierung den Menschen nicht ganz offen sagen: Wir müssen auf dieser Welt mehr teilen?

Ja, und wir müssen mehr ändern. Sowohl in der Handelspolitik als auch bei unserem sorglosen Umgang mit dem Weltklima. Die Folgen drücken wir anderen auf und verschärfen so die globale Ungleichheit. Wenn wir das nicht thematisieren, können wir die Konflikte, die Migrationsströme, die wachsenden Spannungen auf dieser Welt nicht auflösen. Das heißt auch, dass wir viel mehr Geld für internationale Kooperationen bereitstellen müssen, weil wir in einer global vernetzten Welt leben. Die muss man gestalten.

Wie würden Sie ein solches Mehr an Entwicklungshilfe begründen? Müssen wir bessere Menschen werden, oder geht es um unsere eigene Sicherheit?

Zunächst würde ich nicht von Entwicklungshilfe sprechen, sondern von Investitionen in globale nachhaltige Entwicklung. Dann geht es um Gerechtigkeit, Eigeninteressen und der Entwicklung einer globalen Gemeinwohlorientierung. Menschen sind soziale Wesen, mit Eigeninteressen. Und sie sind eingewoben in soziale Systeme. Wir müssen lernen, unsere eigenen Interesse und die sozialen Systeme im Gleichgewicht zu halten. Das geht nur, wenn wir den Schwächeren mehr Entwicklungschancen ermöglichen. In unseren nationalen Gesellschaften haben wir etwa soziale Sicherungssysteme und die Demokratie entwickelt; in einer global vernetzten Welt müssen wir uns genauso um einen fairen Interessenausgleich kümmern.

Welche Rolle spielt bei alldem der neue Riese China?

China ist global sehr aktiv und es ist gut, wenn der Westen nicht mehr alleine ist, weil er von vielen als hegemoniale Macht betrachtet wird. Jetzt haben Entwicklungsländer eher das Gefühl, sie haben eine Wahl. Außerdem hat China eigene Erfahrungen, die denen in Afrika nicht unähnlich sind. China war vor 30 Jahren ja noch selbst ein Land mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 1500 US-Dollar. Das vergisst man schnell, weil es heute etwa 10.000 Dollar sind. China hat noch vor Augen, wie es in einem Entwicklungsland zugeht, und was man tun kann. Das haben wir nicht mehr.

Das klingt ja überaus positiv.

Und hat seine Schattenseiten. Die chinesische Entwicklungspolitik sieht aus wie die europäische in den sechziger Jahren. Man setzt viel Geld ein, baut riesige Infrastrukturprojekte, und das mit Heerscharen chinesischer Arbeiter. Wir haben das früher "Weiße Elefanten" genannt. Aber wir wissen: Das wird so nicht funktionieren. Außerdem betreibt China bewusst eine Politik des Systemexports. Wer sich von Peking helfen lässt, kauft mit der Entwicklungskooperation auch autoritäre Strukturen ein. Niemand sollte da naiv sein.

Die Europäer reden immer davon, sie machten Entwicklungspolitik "auf Augenhöhe". Gleichzeitig bleiben sie diejenigen, die im Zweifel das Geld mitbringen. Kann es da so etwas wie "Augenhöhe" überhaupt geben?

Wenn eine Seite gibt und die andere bekommt, bleibt immer eine Asymmetrie. Aber man kann diesen "wohlmeinenden Paternalismus" reduzieren. Statt hier in Deutschland oder bei der Weltbank Konzepte zu entwickeln und sie zu exportieren, kann man mit Akteuren vor Ort an Strategien arbeiten. Und wir müssten akzeptieren, dass unsere Partnerländer auch bei uns mitgestalten wollen. Das freilich können sich selbst viele progressive Politiker nicht vorstellen, so sperrig ist der Gedanke. Den finden Sie in keinem Parteiprogramm, dabei wäre es besonders wichtig.

Was könnte das bedeuten?

Wenn wir den Indern vorrechnen, dass sie ihre Klimaeffizienz verbessern sollen, dann müssten wir auch die Stimmen der Inder ernst nehmen, die uns sagen: "Warum bringt ihr euer Mobilitätssystem nicht endlich auf Vordermann und leistet den Klimaschutz, den ihr uns abverlangt? Ihr seid doch die Treiber der Erderwärmung. Lasst uns einen wechselseitigen Pakt schließen: Reformen in Indien gegen Reformen in Deutschland." In diese Richtung zu gehen hieße, einem radikalen Paradigmenwechsel zuzustimmen. Reziprozität wäre das Zauberwort. Bislang gefällt es bei uns vielen noch sehr, in einem System des Nord-Süd-Transfers zu agieren.

Ein solches Maß an Gleichberechtigung dürfte sich bei den Gebern schwer durchsetzen lassen.

Natürlich ist das ein großer Schritt, aber er ist überfällig. Vor einigen Jahren haben wir untersucht, wie viel Wissen eigentlich innerhalb der Weltbank angehäuft wird, ohne Institutionen in den betroffenen Ländern zu konsultieren. Was meinen Sie, was rauskam?

Sie werden es uns gleich sagen.

Zwischen 80 und 85 Prozent! Das ist eine Monopolisierung des Wissens. Und eine Ich-Zentriertheit der Geberorganisationen. Also ob wir grundsätzlich wüssten, was auch für alle anderen am besten ist. Und dann wundern wir uns, dass diese Konzepte versagen. Wie können wir erwarten, dass andere Gesellschaften einfach unsere Rezepte einkaufen, wenn wir sie nicht systematisch und gleichberechtigt einbeziehen? Gemeinsame Wissensproduktion ist Voraussetzung für gemeinsames kollektives Handeln. Das heißt selbstverständlich auch etwas für die deutsche Entwicklungspolitik. Bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, aber auch in unserem Institut sollten nicht-europäische MitarbeiterInnen ein viel wichtigere Bedeutung spielen, wenn es darum geht, Probleme zu verstehen und Problemlösungen zu erarbeiten. Wir sollten unser Wissen und die Entwicklung von Strategien radikal internationalisieren.

Gemeinsame Wissensproduktion? Dann hätten aber viele deutsche Mitarbeiter in der Entwicklungspolitik nichts mehr zu tun.

Das Problem könnte man mit einer Aufstockung der Mittel lösen. Aber im Ernst: Wir sollten dafür sorgen, dass flächendeckend internationale Forschungsteams an Projekten arbeiten, dass sie gemeinsam Wissen produzieren. Damit das möglich wird, sind signifikante Investitionen in die afrikanische Wissenslandschaft notwendig. Wir sind noch immer viel zu Deutsch - und in anderen "Geberländern" sieht es ähnlich aus. Wir bräuchten in allen Ministerien fünf Prozent Leute, die nicht Deutsche und nicht Europäer sind. Damit wir in allen Politikfeldern die Sichtweise der Welt in das System einbauen. In der Entwicklungspolitik sollte gelten, was auch in anderen Politikfeldern und der Wirtschaft gilt: Drei Prozent der Gesamtaktivitäten sollten in Forschung und Entwicklung, in Wissensproduktion gehen. Die nächste Regierung sollten einen entsprechenden Fahrplan entwickeln.

Würden Sie sich wünschen, dass eine künftige Bundesregierung die Entwicklungszusammenarbeit noch einmal aufstockt?

Ja, unbedingt. Aber wir müssen die Strukturprobleme lösen, damit sie auch wirksam wird. Einfach nur mehr Geld ins System stecken, ist nicht sinnvoll. Wenn uns das aber gelingt, dann müssen wir mehr in die globale Nachhaltigkeit investieren.

Eine neue Regierung steht vor einer Vielzahl großer Probleme: der Klimawandel, die unsichere Zukunft Europas, globale Krisen, die soziale Spaltung im Land. Welche dieser Fragen halten Sie für noch drängender als den Kampf gegen die globale Ungleichheit?

Da fallen mir vor allem die Risiken ein, die mit der Digitalisierung einhergehen. Sie schafft viele neue Möglichkeiten, aber sie wird auch ein Beschleuniger von Ungleichheit sein, weil viele dadurch keinen Zugang zum Arbeitsmarkt mehr haben. Die werden abgehängt. Wir wissen auch noch nicht, welche Effekte das auf die internationale Arbeitsteilung hat, auf die Chancen von Entwicklungsländern. Und noch weniger wissen wir, was wir da eigentlich aufbauen: Wir schaffen vernetzte Systeme, die auf künstlicher Intelligenz aufbauen. Es ist eine offene Frage, bis zu welchem Punkt wir die Kontrolle über diesen Prozess behalten.

Für wie bedrohlich halten Sie das?

Da entsteht eine technische Zivilisation, der wir beibringen, sich selbst weiterzuentwickeln - anders als die Maschinen, die wir kennen. Wie und in welche Richtung wollen wir diesen Prozess gestalten? Mit dem "human enhancement" geht das alles noch weiter: Nach dem Erdsystem beginnen wir nun, uns selbst zu transformieren. Wir beginnen, unsere Gehirne zu programmieren. Damit kann man wahrscheinlich Epilepsie und ADHS in den Griff bekommen - das ist gut. Aber im US-Verteidigungsministerium gibt es Experimente, um im Gehirn Angst oder Emotionen auszuschalten. Wenn man sich einmal vorstellt, ein Diktator wie Hitler plus künstliche Intelligenz oder die heutigen autoritäten Herrscher mit den entstehenden Überwachungsmöglichkeiten des digitalen Zeitalters - der Horror. Wir müssen Fähigkeiten entwickeln, die neuen techischen Möglichkeiten mit unseren Vorstellungen von menschlicher Entwicklung zu versöhnen. Das sind die Entwicklungsfragen, mit denen wir uns dringend beschäftigen müssen Das raubt einem wirklich den Schlaf.

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