29. Juni 2011, 18:10 Ein Jahr Bundespräsident Wo Wulff wirklich war

Ob zu Fukushima, Libyen oder der Euro-Krise - in seinem ersten Jahr im Amt des Bundespräsidenten war von Christian Wulff nicht viel zu hören. Ist es deshalb gerechtfertigt, ihn einen "Bundesteddy" zu nennen? Nun ja: Er hatte auch so viel zu tun, wie ein Blick in seinen Terminkalender beweist.

Ein Überblick von Michael König

Es gibt eine hübsche Spielerei auf der Website www.bundespraesident.de, sie heißt "Amtszeit im Zeitraffer". 47 Fotos sind dort zu sehen, sie stehen für das eine Jahr, das Christian Wulff nun als Bundespräsident verbracht hat. Auf vielen Bildern ist er mit offenem Mund zu sehen, weil er lächelt oder Reden hält. Ihn mit einem Lächeln zu verbinden, fällt nicht schwer - einer Umfrage zufolge sind 85 Prozent der Deutschen mit seiner Arbeit zufrieden. Aber wer kann sich an eine bedeutende Rede Wulffs erinnern?

Christian Wulff bei einem Besuch auf der Baustelle, die einmal die Hamburger Elbphilharmonie werden soll: 85 Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit des Bundespräsidenten zufrieden.

(Foto: dapd)

"Der Islam gehört mittlerweile zu Deutschland", hat er gesagt, das war im Oktober 2010. Seitdem ist eine Menge passiert, aber Wulff war nicht mehr zu hören. Die Berliner Rede, in der Roman Herzog einst verlangte, es müsse ein "Ruck durch Deutschland gehen", ließ Wulff ausfallen - zugunsten eines Vortrags des polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski.

Fukushima, Libyen, Stuttgart 21, Euro-Krise? Wulff überließ anderen das Wort. Kritiker halten ihm deshalb vor, die "Kunst des Unsichtbarwerdens perfektioniert" zu haben (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) oder auch den "Bundesteddy" zu geben (Die Zeit).

Wulff, der Wirkungslose? Nun ja. Auf der Website des Bundespräsidialamts steht zwar, dass er die Möglichkeit hätte, "klärende Kraft zu sein, Vorurteile abzubauen, Bürgerinteressen zu artikulieren, die öffentliche Diskussion zu beeinflussen" und "Kritik zu üben". Dort steht aber auch, dass er als "lebendiges Symbol" des Staates "integrierend, moderierend und motivierend" wirke.

Gerade in diesem Punkt kann niemand behaupten, Wulff sei untätig gewesen. Ein Blick in seinen öffentlichen Kalender zeigt, dass er viel unterwegs war und mit vielen Menschen gesprochen hat. Wulff besucht, beglückwünscht, schirmherrscht.

September 2010

Fünf Monate nach dem Untergang der Bohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko ist es dem Konzern BP endgültig gelungen, eine defekte Ölquelle in 1500 Metern Tiefe zu versiegeln. Das bestätigt die US-Regierung in Washington am 19. September 2010. Etliche Versuche, das Leck abzudichten, waren zuvor fehlgeschlagen. Mehr als 700 Millionen Liter Rohöl flossen ungehindert ins Meer - die größte Ölpest aller Zeiten.

Im Schloss Bellevue in Berlin trifft Bundespräsident Christian Wulff am 19. September den Verkehrsminister der Slowakei, Ján Figel, zu einem Gespräch. Tags darauf nimmt er die Erntekrone der deutschen Landwirtschaft entgegen.

Attacke auf Bundespräsidenten

Ei kaputt, Wulff unversehrt

Am 30. September eskaliert der Konflikt um das Bahnprojekt Stuttgart 21. Bei Protesten im Stuttgarter Schlossgarten gegen den Teilabriss des alten Bahnhofs und das Fällen alter Bäume werden mehr als 100 Demonstranten verletzt. Die Polizei setzt Wasserwerfer und Pfefferspray ein.

Verletzter S21-Gegner bei der Demonstration im Stuttgarter Schlossgarten am 30. September 2010.

(Foto: dpa)

Christian Wulff hat an diesem und den folgenden zwei Tagen keine öffentlichen Termine.

Oktober 2010

Der chinesische Bürgerrechtler Liu Xiaobo wird am 8. Oktober mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Das norwegische Nobelpreiskomitee erklärte in Oslo, Liu werde für seinen "langen und gewaltlosen Kampf für fundamentale Menschenrechte in China" geehrt. Der 54-jährige Dissident war im Dezember 2009 wegen Subversion zu einer elfjährigen Haftstrafe verurteilt worden und sitzt seitdem im Gefängnis. Die chinesische Regierung kritisierte die Auszeichnung scharf und nannte Liu einen "Kriminellen".

Der Bundespräsident besucht am selben Tag in Berlin das Fußball-EM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und der Türkei. Deutschland gewinnt mit 3:0.

November 2010

Die Veröffentlichung geheimer Depeschen des diplomatischen Dienstes der USA auf der Internet-Plattform Wikileaks am 28. November lösen weltweit Entrüstung aus. Darin wird unter anderem enthüllt, dass sich arabische Führer mit den USA und Israel gegen Iran zusammengeschlossen haben sollen. Etliche Staatschefs kommen in der Bewertung der Amerikaner schlecht weg. US-Außenministerin Hillary Clinton hatte schon vorab versucht, durch Telefonate diplomatischen Schaden zu begrenzen. Wikileaks-Gründer Julian Assange wird weltweit wegen einer mutmaßlichen Vergewaltigung zur Fahndung ausgeschrieben.

Bundespräsident Christian Wulff trifft am 28. November zu einem viertägigen Besuch in Israel ein, der ihn auch in die Palästinensergebiete führt. Er führt Gespräche mit dem israelischen Präsidenten Schimon Peres und Premierminister Benjamin Netanjahu. Bei einem Besuch Wulffs in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem wird er von seiner Tochter Annalena und einer Gruppe deutscher Jugendlicher begleitet.

Januar 2011

Nach wochenlangen Unruhen flüchtet Tunesiens Staatschef Zine el-Abidine Ben Ali am 14. Januar per Flugzeug aus dem Land - die Anhänger der "Jasmin-Revolution" auf den Straßen von Tunis triumphieren. Wegen hoher Arbeitslosigkeit und mangelnden Grundrechten hatten sie die Regierung zum Rücktritt aufgefordert. Als Übergangspräsident übernimmt Premier Mohammed Ghannouchi die Macht.

In Dresden feiern 2200 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur den Semperopernball 2011. Moderator Gunther Emmerlich überreicht Bettina Wulff eine Rose, ehe sie vom Bundespräsidenten zum Tanz auf das Parkett geführt wird.

Christian Wulff

Ein Bundespräsident reist sich ins Amt

Am Tag darauf eröffnet Christian Wulff in Berlin eine neue Ausstellung über die DDR-Staatssicherheit. Er warnt davor, die Diktatur zu verklären und ruft besonders junge Menschen dazu auf, die Ausstellung zu besuchen.

Explosion im Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi im März 2011: Deutschland stehe fest an der Seite seiner japanischen Freunde, sagt der Bundespräsident.

(Foto: AFP)

Februar 2011

Bei Protesten gegen das Regime von Präsident Hosni Mubarak in Ägypten werden nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens zehn Menschen getötet und 900 verletzt. Militante Mubarak-Anhänger greifen am 2. und 3. Februar unbewaffnete Zivilisten an. Auf dem Tahrir-Platz in der Hauptstadt Kairo haben sich Zehntausende Menschen versammelt, um Mubaraks Amtsverzicht zu fordern.

Bundespräsident Wulff übergibt am 2. Februar im Schloss Bellevue Ernennungs- und Entlassungsurkunden an Richter des Bundesverfassungsgerichts. Am 3. Februar empfängt er den UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zu einem Abendessen. Bei einer Pressekonferenz appelliert er an die internationale Gemeinschaft, in der Ägypten-Krise entschlossen zu handeln. "Es entwickelt sich in diesen Momenten in die völlig falsche Richtung", sagt Wulff im Hinblick auf die Straßenschlachten in Kairo.

Am 7. Februar trifft Wulff den Bundespräsidenten Österreichs, Heinz Fischer, zum Mittagessen. Am gleichen Tag verleiht er den mit 10.000 Euro dotierten Preis "Großer Stern des Sports" an das Karate-Team Reutlingen. Am 10. Februar beginnt Wulff einen zweitägigen Besuch in Spanien und Portugal.

Am 11. Februar tritt Mubarak zurück. Die Armee übernimmt vorübergehend die Macht.

Christian Wulff besucht am Tag darauf die Aufführung des Kinofilms "Almanya - Willkommen in Deutschland".

März 2011

In Japan kommen bei einem Erdbeben und einem Tsunami am 11. März Tausende Menschen ums Leben. Im Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi fällt die Kühlung aus, es kommt zu mehreren Explosionen. Radioaktives Material verstrahlt umliegende Gebiete.

Christian Wulff nimmt am 12. März an der Auftaktveranstaltung zum regionalen Bürgerforum der Stadt und des Landkreises Hof teil. Seine Rede wird live zu zeitgleich stattfindenden Veranstaltungen in 24 anderen Städten und Landkreisen übertragen. Wulff: "Mir liegt sehr viel daran, die Menschen für die Idee der politischen Mitbestimmung und des Zusammenhalts zu begeistern."

Am 13. März besucht Wulff das Frauenfußball-Bundesligaspiel zwischen Potsdam und Essen-Schönebeck. Gemeinsam mit Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck gratuliert er Potsdam zur Meisterschaft.

Tags darauf ruft Wulff zu Spenden für die Opfer der Erdbebenkatastrophe in Japan auf. Deutschland stehe fest an der Seite seiner japanischen Freunde, sagt der Bundespräsident.

Als Reaktion auf die Katatrophe von Fukushima setzt die schwarz-gelbe Bundesregierung am 15. März die erst kürzlich vereinbarte Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke aus. Die sieben ältesten Meiler gehen vom Netz.

Am selben Tag überreicht der Bundespräsident den von einer Versicherung ausgelobten "Deutschen Klimapreis" an Schüler aus Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen für ihre Ideen zum Thema Klimawandel.

In Libyen schaltet sich eine Koalition unter Führung der USA, Frankreichs und Großbritanniens am 19. März mit Luftangriffen in den seit Wochen andauernden Bürgerkrieg ein. Ziel des Einsatzes ist es, die Zivilbevölkerung vor weiteren Übergriffen der Armee des Despoten Muammar al-Gaddafi zu schützen. Deutschland beteiligt sich nicht an den Kämpfen.

Raketenwerfer der libyschen Rebellen nahe der Stadt Misrata: Am Tag nach den ersten Nato-Luftangriffen redet Wulff auf der Eröffnungsveranstaltung zum "Internationalen Jahr der Wälder" in Berlin.

(Foto: AP)

Bundespräsident Wulff nimmt am 20. März an einer Feier zum 85. Geburtstag des Schriftstellers Siegfried Lenz teil. Tags darauf spricht er auf der Eröffnungsveranstaltung zum "Internationalen Jahr der Wälder" in Berlin.

In Japan steigt die Zahl der Toten nach Erdbeben und Tsunami auf mehr als 10.000. Weitere 17.500 Menschen werden noch vermisst.

April 2011

Der regimekritische chinesische Künstler Ai Weiwei wird am 3. April auf dem Pekinger Flughafen festgenommen. Ihm werden nach Angaben der Regierung Wirtschaftsvergehen vorgeworfen. Im Westen stößt die Festnahme auf Empörung.

Wulff vergibt am selben Tag in Koblenz die Zelter-Plakette an den Männergesangsverein 1911 Engers und die Pro-Musica-Plakette an die Winzerkapelle Oberemmel 1911. Beide Plaketten werden Chor- oder Orchesterensembles aus Anlass ihres 100-jährigen Bestehens verliehen.

In Syrien geht Diktator Baschar al-Assad gewaltsam gegen Demonstranten im Land vor. Am 25. April setzt die Armee erstmals Panzer ein. Seit Ausbruch der Revolte gegen das Regime sollen mehrere hundert Menschen getötet worden sein.

Der Bundespräsident besucht am 16. April Mainz. In den darauffolgenden 14 Tagen hat er keine öffentlichen Termine.

Mai 2011

US-Elitesoldaten erschießen in der Nacht auf den 2. Mai Osama bin Laden, den Anführer des Terrornetzes al-Qaida. Bin Laden wird unter anderem für die Terroranschläge vom 11. September 2001 verantwortlich gemacht.

Christian Wulff weilt am 3. Mai auf Staatsbesuch in Mexiko, wo er unter anderem das "Internationale Forschungszentrum für Mais und Weizen" besucht. Seine Reise führt ihn außerdem nach Costa Rica und Brasilien. Die Ausschaltung Bin Ladens hält Wulff für einen "unschätzbaren Erfolg" im Kampf gegen den Terrorismus.

Nach 16 Jahren auf der Flucht wird der als Kriegsverbrecher gesuchte ehemalige bosnisch-serbische General Ratko Mladic am 26. Mai in Serbien festgenommen. Er wird für das Massaker von Srebrenica 1995 verantwortlich gemacht, bei dem 8000 muslimische Männer und Jugendliche getötet wurden.

Bundespräsident Christian Wulff mit dem japanischen Kronprinzen Naruhito vor dem Schloss Bellevue: In der Nacht zuvor hat Griechenland die Staatspleite verhindert.

(Foto: Getty Images)

Im Schloss Bellevue empfängt Bundespräsident Wulff Victoria, Konprinzessin von Schweden, und ihren Mann, Prinz Daniel von Schweden.

In Deutschland breitet sich der gefährliche Darmkeim Ehec aus. Am 29. Mai wird das zehnte Ehec-Todesopfer gemeldet.

Am gleichen Tag besucht Christian Wulff eine Sitzung des Ordens Pour le merité für Wissenschaft und Künste.

Juni 2011

Das Bundeskabinett beschließt am 6. Juni ein Gesetzespaket, wonach bis zum Jahr 2022 alle Atomkraftwerke abgeschaltet und erneuerbare Energien ausgebaut werden sollen.

Christian Wulff liest am selben Tag Schülern einer Grundschule in Berlin-Kreuzberg aus Büchern vor. Später nimmt der Bundespräsident am Empfang der "Gemeinsamen Konferenz der Präsidentinnen und Präsidenten der deutschen und österreichischen Landesparlamente, des Deutschen Bundestages, des Deutschen Bundesrates und des Südtiroler Landtages" teil.

In der Nacht zum 22. Juni übersteht der griechische Premierminister Giorgos Papandreou in Athen eine Vertrauensabstimmung im Parlament. Damit wird ein Bankrott des hoch verschuldeten Landes abgewendet.

Wulff begrüßt am selben Tag Kronprinz Naruhito von Japan zu einem Abendessen im Schloss Bellevue. Am Tag darauf empfängt er die Präsidentin der Republik Litauen, Dalia Grybauskaitė, mit militärischen Ehren.

(Quellen: SZ-Wochenchronik, Munzinger-Archiv, bundespraesident.de)