25. September 2012, 15:05 Charlotte Knobloch zur Beschneidungsdebatte Wollt ihr uns Juden noch?

Sechzig Jahre lang habe ich als Überlebende der Schoah Deutschland verteidigt. Jetzt frage ich mich, ob das richtig war. Besserwisser schwadronieren beim Thema Beschneidung ungehemmt über "Kinderquälerei" und "Traumata". Damit schaffen sie nur eines: Die verschwindend kleine jüdische Existenz in Deutschland infrage zu stellen.

Ein Gastbeitrag von Charlotte Knobloch

Seit Jahrtausenden beschneiden Juden ihre männlichen Nachkommen. Seit Jahrhunderten geschieht dies auf dem Boden des heutigen Deutschland. Niemand hatte sich dafür interessiert. Bis jetzt. Seit bekannt wurde, dass ein Richter in Köln im Mai das Verdikt "Straftat" aussprach, ereifert sich die ganze Republik über das Pro und Contra der Entfernung eines winzigen Hautstücks.

"Es wäre an der Zeit, die aufgeregte öffentliche Debatte, die in der Sache keinen Schritt weiterführt, zu beenden."

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Eigentlich gab es angesichts der prekären Situation unserer Währung kein nachrichtliches Sommerloch, das mit einem exotischen Nischenthema hätte gefüllt werden müssen. Dennoch erfüllte die Beschneidung diesen Zweck außerordentlich wirksam. Nun, da der Gesetzgeber die Beseitigung der entstandenen Rechtsunsicherheit in die Hände genommen hat, wäre es aber an der Zeit, die aufgeregte öffentliche Debatte, die in der Sache keinen Schritt weiterführt, zu beenden, zumindest, bis der Gesetzentwurf vorliegt.

Die selbsternannten Retter der Säkularität

Stattdessen aber scheint es, als könne die Erregung kein Ende mehr finden. Unvermindert tauchen vermeintliche Experten auf und behelligen uns ungefragt mit ihren medizinischen, juristischen, psychologischen oder moralischen Assoziationen. Die selbsternannten Retter der Säkularität und des deutschen Rechtssystems schwingen sich auf, das vermeintlich brutale religiöse Ritual auf seine Legalität, Modernität und Sozialverträglichkeit hin zu überprüfen. Das Sommerloch ist längst gefüllt. Mehr als das: Inzwischen ist dort ein Haufen aufgeschüttet, der zwischen Juden und Nichtjuden in diesem Land steht. Jeder weitere Zwischenruf vergrößert diesen Haufen. Bis er unüberwindbar ist.

Nicht einmal in meinen Albträumen habe ich geahnt, dass ich mir kurz vor meinem achtzigsten Geburtstag die Frage stellen muss, ob ich den Judenmord überleben durfte, um das erleben zu müssen. Wem an dieser Stelle schon der Satz vom überempfindlichen Juden auf der Zunge liegt, dem sei gesagt: Es waren deutsche Juden, die fast alle demokratischen Entwicklungen auf deutschem Boden initiiert, mitgestaltet, begleitet und gelebt haben. Wir brauchen keine Nachhilfe in Demokratie. Wir benötigen keine Belehrungen über Meinungsfreiheit. Wir sind sehr gut und mit Begeisterung in der Lage, Diskurse nicht nur zu ertragen, sondern auch zu befruchten und zu befördern.

Wir ertragen das Verständnis für Selbstmordattentäter

Wir hören uns weit mehr an als die Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften. Wir ertragen es, dass alternde Literaturnobelpreisträger mit SS-Vergangenheit ihre letzte Tinte dafür opfern, Deutschland und die Welt vor der kriegslüsternen Atommacht Israel zu warnen. Wir ertragen, dass obsessive Weltverbesserer dazu aufrufen, Produkte aus Israel zu boykottieren und Unterschriften sammeln, wohl wissend, dass sich kein Mensch für sie interessieren würde, wenn sie die humanitären Katastrophen in Gambia, Somalia, Weißrussland - jenseits der besetzten Gebiete anprangerten. Wir ertragen das Verständnis, das palästinensischen Selbstmordattentätern entgegengebracht wird, weil ihnen das Verhalten Israels ja keine Alternative lasse.

Wir ertragen, dass deutsche Parlamentarier auf von Terrorgruppen organisierten Schiffen anheuern, um öffentlichkeitswirksam Baustoffe und abgelaufene Medikamente in den Gaza-Streifen zu liefern. Ladung, die niemand braucht und die auch gar nicht ankommen soll, weil der angestrebte PR-Effekt nur dann eintritt, wenn die israelische Marine dem Treiben ein Ende setzt. Wir ertragen, dass die singulären Verbrechen der Nationalsozialisten relativiert werden, selbst in der sogenannten Prager Erklärung, in der einige Bürgerrechtler die Verbrechen des Kommunismus und den Holocaust gleichsetzen.

Das alles und noch viel mehr hören wir uns geduldig an. Mehr als das: Wir rechtfertigen und erläutern die deutsche Mentalität gegenüber unseren Familien und Freunden im Ausland. Seit Jahrzehnten erklären wir, warum es trotzdem nicht nur richtig, sondern auch gut ist, in diesem Land zu leben, wir tun das selbst dann noch, wenn in Deutschland Rabbiner oder als Juden erkennbare Juden angepöbelt und krankenhausreif geschlagen werden. Beinahe mein ganzes Leben lang war und bin ich der Kritik der restlichen jüdischen Welt ausgesetzt. Seit sechs Jahrzehnten muss ich mich rechtfertigen, weil ich in Deutschland geblieben bin - als Überbleibsel einer zerstörten Welt, als Schaf unter Wölfen.

Charlotte Knobloch, 79, ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern und Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses. 2006 bis 2010 stand sie dem Zentralrat der Juden in Deutschland vor.

(Foto: dpa)

Ich habe diese Last immer gerne getragen, weil ich der festen Überzeugung war, dass es dieses Land und seine Menschen verdient haben. Erstmals geraten nun meine Grundfesten ins Wanken. Erstmals spüre ich Resignation in mir. Ich frage mich ernsthaft, ob dieses Land uns noch haben will. Ich frage mich, ob die unzähligen Besserwisser aus Medizin, Rechtswissenschaft, Psychologie oder Politik, die ungehemmt über "Kinderquälerei" und "Traumata" schwadronieren, sich überhaupt darüber im Klaren sind, dass sie damit nebenbei die ohnedies verschwindend kleine jüdische Existenz in Deutschland infrage stellen. Eine Situation, wie wir sie seit 1945 hierzulande nicht erlebt haben.

Religiöse Fundamente werden in den Dreck gezogen

Anders als im Islam ist die Beschneidung im Judentum konstitutiv. Sie ist Kern der jüdischen Identität. Der Eifer, mit dem Selbstberufene gefühls- und gedankenlos unsere religiösen Fundamente in den Dreck ziehen, sucht seinesgleichen. Menschen, die offenbar keine Ahnung von der religiösen Bedeutung der Brit Mila, der Beschneidung, haben, die vermutlich niemals mit einem Juden gesprochen haben, wollen uns nun vorschreiben, ob und wie wir unsere Religion ausüben dürfen.

Ich will das nicht mehr stillschweigend hinnehmen. Nicht nach all dem, was wir Juden in Deutschland erleiden mussten. Ich bin auch nicht länger bereit, die Augenwischerei zu decken, bei der vom neuen, frischen, blühenden Judentum in Deutschland geredet wird, um den Deutschen das Gefühl zu vermitteln, dass die Zeit sogar die größte anzunehmende Wunde heilen könne.

Trotzdem lieben wir dieses Land

Fakt ist, das deutsche Judentum hat die Schoah nie überwunden. Die wenigen, die sie überlebt haben, sind bis heute geprägt und bestimmt von der Abwesenheit jenes jüdischen Lebens des beginnenden 20. Jahrhunderts. Vielleicht gibt es noch 10.000 deutsche Juden in diesem Land. Unsere Stammbäume wurden nicht gestutzt. Deutschland betrieb die Brandrodung der jüdischen Familien.

Trotzdem leben wir in diesem Land. Trotzdem lieben wir dieses Land. Aber es wird wieder Zeit, dass wir für das Vertrauen, das wir hier wagen, neue Bestätigung erhalten. Ich verlange keine Sonderrechte: Sie sind im Positiven so wenig förderlich wie im Negativen. Aber ich fordere Respekt und ein Mindestmaß an Empathie. Das sollte doch drin sein für die Juden in Deutschland.